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03. Juli 2017, 16:52 Uhr

Grippe und Masern

Forscher testen Impfung mit Pflastern

Aus Boston berichtet

Schluss mit Ausreden: Um Menschen die Angst vor Impf-Spritzen zu nehmen, testen Wissenschaftler Wirkstoffpflaster. Außerdem in den Wissenschaftsnachrichten: Trump gegen Obama und BSE bei Hirschen.

+++ Wissenschaftler sollen Nationale Denkmäler vor Trump schützen+++

Amerikas größter Wissenschaftsverband ruft zur Rettung "Nationaler Denkmäler" auf. Bedroht sind diese durch einen Vorstoß des US-Präsidenten. Trump hatte im April seinen Innenminister Ryan Zinke angewiesen, bei 27 als historisch und wissenschaftlich wertvoll eingestuften Stätten zu prüfen, ob sie möglicherweise zu Unrecht unter Schutz stehen.

Als erstes nahm sich Zinke die spektakuläre Canyon-Landschaft Bears Ears in Utah vor. Prompt kam er zum Schluss, dass die Grenzen des von Barack Obama ausgewiesenen Schutzgebiets viel zu weit gezogen seien. Er will sie massiv zurückstutzen. Noch ist strittig, ob das rechtlich überhaupt möglich ist. Jedenfalls wäre es historisch ohne Beispiel.

Als nächstes will Zinke die anderen 26 "Monuments" auf den Prüfstand stellen, darunter den Oberlauf des Missouri, eine zerklüftete Lava-Landschaft in Idaho, aber auch die gewaltigen Meeresgebiete in Atlantik und Pazifik, die Obama unter Schutz gestellt hat. Die AAAS fordert nun alle ihre gut 120.000 Mitglieder auf, Argumente für den Erhalt dieser Denkmäler einzusenden. "Beschränken Sie sich auf Wissenschaft und Bildung, vermeiden Sie politische Kommentare", heißt es in dem Aufruf.

Doch dass die in Washington amtierende Regierung Argumenten überhaupt zugänglich ist, muss als fraglich gelten. Vieles spricht dafür, dass es Trump bei der Überprüfung der Schutzgebiete nur darum geht, sein wichtigstes politisches Anliegen voranzubringen: Barack Obama aus den Geschichtsbüchern zu tilgen.

+++ Brände sollen Ausbreitung von BSE aufhalten +++

Lange nichts mehr vom Rinderwahn gehört? An alle Leser unter 25: Das ist eine Krankheit, die um die Jahrtausendwende in Deutschland umging. Kühe starben qualvoll, auch Menschen wurden infiziert. Eine Zeit lang gab es kein Thema, das die Deutschen mehr erregte. An alle Älteren: Sie fragen sich, was eigentlich aus dem Rinderwahn BSE geworden ist?

Im Kuhstall gelang es damals, die Gefahr zu stoppen. In der Wildnis jedoch grassiert die Seuche weiter. Vor allem unter Amerikas Hirschen breitet sie sich aus. Inzwischen melden Biologen aus 24 Bundesstaaten Fälle von "chronic wasting disease", wie das Siechtum unter den Wildtieren genannt wird.

Niemand weiß, wie sich die Epidemie eindämmen lässt. Übertragen wird sie von sogenannten Prionen, die viel beständiger als Viren oder Bakterien sind. Sie werden von kranken Tieren ausgeschieden und können jahrelang an Pflanzen haften bleiben. Forscher in Colorado wollen die infektiösen Partikel jetzt durch kontrollierte Brände unschädlich machen. Mark Zabel, der verantwortliche Wissenschaftler, räumt ein, dass es sich um einen verzweifelten Versuch handelt. "Doch Feuer scheint der einzige Weg, wie man den Prionen vielleicht Einhalt gebieten kann", sagt er.

+++ Impfen per Pflaster +++

Aus Atlanta kommt eine Nachricht, die manch einer schon lange herbeisehnt: Mediziner an der Emory-Universität haben dort erstmals Menschen mit Pflastern geimpft. Diese sind mit winzigen Nadeln bestückt, die beim Aufkleben auf die Haut Impfstoff abgeben und sich dann binnen 20 Minuten selbst auflösen. Zum Vergleich immunisierten die Forscher eine zweite Gruppe von Probanden auf herkömmliche Weise mit einer intramuskulären Spritze.

Video des Pflaster-Herstellers (englisch)

Noch handelt es sich um einen ersten Versuch der sogenannten Phase I. Doch das Ergebnis ist ermutigend: Es traten keine Komplikationen auf, und die Immunreaktion war in beiden Gruppen ähnlich stark ausgeprägt. Der erste Test diente dem Schutz vor der Grippe, nun wollen die Forscher ähnliche Pflaster auch zur Impfung gegen Masern, Röteln und Kinderlähmung entwickeln. Es sieht so aus, als falle Angst vor der Spritze als Vorwand, sich vor der jährlichen Grippeimpfung zu drücken, bald aus.

+++ Prähistorische Umweltverschmutzung +++

Litten Indianer schon Jahrtausende vor der Ankunft der Europäer unter giftigen Industrie-Abgasen? Archäologen halten das für möglich. Die Forscher stellten Wasserbehälter nach Machart der kalifornischen Chumash-Indianer her - und bemerkten, dass sie sich dabei schädlichen Mengen von polyzyklischen Kohlenwasserstoffen aussetzten.

Genau wie es einst die Indianer gemacht hatten, flochten die Wissenschaftler Körbe mit Vogelknochen-Pfriemen, dann erhitzten sie natürlichen Asphalt, vermischten ihn mit Baumharz und trugen den zähflüssigen Brei zur Abdichtung auf das Korbgeflecht auf.

Umweltmedizinische Messungen zeigten, dass dabei krebserregende Substanzen ausdünsten. Den Forschern zufolge könnte diese prähistorische Umweltverschmutzung zu einer chronischen Vergiftung der Indianer geführt haben. Skelettfunde jedenfalls deuten darauf hin, dass Kleinwüchsigkeit, Zahndefekte und Knochenfehlbildungen zunahmen.

+++ Anleitung, sich selbst abzuschaffen +++

Egal ob Lkw-Fahrer, Kassierer oder Steuerberater - künstliche Intelligenz werden sie allesamt überflüssig machen. Mit dieser Hiobsbotschaft landeten Andrew McAfee und Erik Bryndolfsson vor drei Jahren einen Bestsellererfolg ("The Second Machine Age"). Nun bringen die beiden MIT-Ökonomen ein Nachfolgewerk auf den Markt. Alle Skepsis scheint darin verflogen, die Autoren sprühen vor ungebrochener Fortschrittseuphorie.

Während das letzte Buch analysierte, wie die Digitalisierung die Wirtschaft revolutionieren wird, gibt das nächste Tipps zum Überleben in der schönen neuen Hightech-Welt. Schon der Titel - "Machine, Platform, Crowd" - verstrickt sich im Nerd-Jargon. Das Buch liest sich wie ein Rundschreiben, das die Chefs im Silicon Valley an all ihre noch verbliebenen menschlichen Mitarbeiter versenden könnten - als Anleitung, sich selbst abzuschaffen.

Die Tonlage ist allzu überschwänglich, trotzdem haben McAfee und Bryndolfsson bei ihren Streifzügen durch die IT-Branche mancherlei Interessantes erfahren. So wissen sie zu berichten, dass bei Google inzwischen Computer darüber entscheiden, wer eingestellt wird. Oder sie erzählen, wie sich am schnellsten Lösungen vertrackter Probleme finden lassen.

Als Beispiel zitieren sie Harvard-Forscher, die ihren Algorithmus zur Erbgut-Entzifferung weißer Blutzellen verbessern wollten. Sie schrieben kurzerhand einen Wettbewerb im Internet aus. Bewerber aus 69 Ländern knobelten um die Wette, und zwei Wochen später war ein Algorithmus gefunden, der mehrere hundert Mal schneller als der handelsübliche war. Die zündende Idee kam von einem Laien. Nie zuvor hatte er sich mit Genen beschäftigt.

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