Sprache in den USA Mehr Furcht, Hass und Trauer

Früher war alles besser. Das stimmt zumindest für die Stimmung in Büchern und Zeitungsartikeln in den USA. Forscher haben Millionen Texte vergangener Jahrzehnte ausgewertet. Ergebnis: Negative Begriffe häufen sich.

Hass, Furcht und langweilig.

Hass, Furcht und langweilig.


"Furcht", "Hass", "langweilig", "verlassen", "verloren", "Trauer". Haben Sie das Gefühl, dass Sie diese Wörter auf Nachrichtenseiten oder in neueren Büchern immer häufiger lesen?

Das kann gut stimmen: Zumindest in den USA hat der Anteil an negativen Begriffen in Texten in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Zu diesem Fazit kommt eine im Fachblatt "Proceedings of the National Academy od Sciences" vorgestellte Untersuchung der University of Michigan. Für den deutschen Sprachraum liegen keine so umfassenden Zeitreihen vor.

Das Ergebnis überrascht, gilt doch seit Jahrzehnten, dass positive Begriffe in den großen Sprachen der Welt - darunter auch dem Deutschen - eindeutig und stabil in der Überzahl sind.

1,3 Millionen Bücher untersucht

Das Team um den Verhaltenspsychologen Rumen Iliev und den Politikwissenschaftler Robert Axelrod wertete 1,3 Millionen bei Google Books verfügbare Bücher, sowie 14,9 Millionen Artikel aus der Tageszeitung "New York Times" aus.

Die Wissenschaftler hatten sich vorher eine Liste mit 408 positiv belegten Begriffen - wie "toll", "Erleichterung", "hübsch" oder "schlau" - zurechtgelegt und 499 negative Wörter wie die eingangs erwähnten. Dann zählten sie, wie oft die Wörter in den untersuchten Texten vorkommen.

Mit derselben Methodik hatten andere Forscher nachgewiesen, dass Twitternutzer abends besser gelaunt sind.

In der aktuellen Studie nahmen die Wissenschaftler längere Zeitintervalle in den Blick: In welchen Jahrzehnten kommen in den untersuchten Bücher und Artikeln besonders viele positive Begriffe vor? Und zu welcher Zeit eher negative? Das Ergebnis: Die Zahl positiver Wörter schwindet langfristig - in Büchern sogar stärker als in der "NYT".

Die Zahl der positiven Begriffe geteilt durch die negativen ergibt den "Linguistic Positivity Bias" (LPB) - und der sank in Büchern seit 1800 um fast ein Fünftel von etwas mehr als 1,9 auf 1,6. Das bedeutet vereinfacht: Gab es früher für jedes "traurig" oder "böse" in allen Texten knapp doppelt so viel "glücklich" oder "gut", sind es heute noch gut eineinhalbmal so viele.

Außerdem geht die Zahl emotionaler Begriffe insgesamt zurück - was Studien zur zunehmenden Rationalisierung der englischen Sprache bestätigen.

Die US-Forscher nehmen an, dass die tendenziell negativere Sprache auf die zunehmende Individualisierung sowie gesellschaftliche Entwicklungen wie weniger Empathie, weniger Vertrauen und weniger moralisches Verantwortungsgefühl zurückgeht.

Krisen wirken sich auf Wortwahl aus

In der zweiten Studie prüften die Wissenschaftler, ob es einen Zusammenhang zwischen Kriegszeiten wie dem I. und II. Weltkrieg oder dem Korea-Krieg und der Ausrichtung der Sprache gibt. Hier konnten sie eine Verbindung zwischen Krieg und einer negativeren Sprache nachweisen. Ein ähnliches Ergebnis brachte die dritte Studie zum Verhältnis zwischen einem niedrigen LPB und wirtschaftlichen Krisenzeiten.

In der letzten Studie verglichen die Forscher ihre Resultate mit nationalen Untersuchungen zum subjektiven Glücksempfinden von 1946 bis 2014. Auch hier zeigte sich ein eindeutiger Zusammenhang: Je glücklicher sich die Menschen fühlten, umso mehr positive Begriffe wurden in den analysierten Büchern und Artikeln verwendet - und umgekehrt.

Ein gestiegener Wohlstand hingegen sorgt nicht automatisch für eine positivere Sprache. Obwohl sich die Lage in den USA in Bezug auf Ernährung, Energieverfügbarkeit, Gesundheitsversorgung, Bildung und nationalem Reichtum sich in den vergangenen 20 Jahren verbessert hat, nahm der LPB ab.

Es bleibe zu untersuchen, betonen die Autoren, ob der Sprachgebrauch auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert oder eher ihr Vorbote ist.

mpz/dpa



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