Christian Stöcker

US-Republikaner Eingemauert in der Festung des Selbstbetrugs

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Die Anhörungen für die Berufung der Richterin Amy Coney Barrett an den US Supreme Court haben eine schmerzhafte Tatsache offengelegt: Die lebensgefährliche Scheinrealität, in der sie und mit ihr halb Amerika lebt.
Donald Trump und Amy Coney Barrett treten in den Rosengarten des Weißen Hauses ein

Donald Trump und Amy Coney Barrett treten in den Rosengarten des Weißen Hauses ein

Foto: Bloomberg / Getty Images

"Die ökologische Krise, vor allem der Klimawandel, ist keine Übertreibung oder Fantasie von jemandem, der sich den Spaß macht, die Stabilität zu schwächen. Die wissenschaftlichen Analysen sind zu lange ignoriert oder abfällig-ironisch kommentiert worden."

Der Papst im Vorwort zu einem Buch namens "Das grüne Alphabet von Papst Franziskus"  (2019)

Amy Coney Barrett, die nach Donald Trumps Willen Richterin am obersten Gerichtshof der USA werden will, ist bekennende Katholikin. Sie nimmt ihren Katholizismus sehr ernst: 1998 veröffentlichte sie mit anderen eine Abhandlung über die Frage, ob katholische Richter an Fällen beteiligt sein dürfen, in denen die Todesstrafe verhängt werden könnte . Solche Fragen könnten Richterinnen und Richtern Schwierigkeiten bereiten, die "die Lehren der Kirche zu moralischen Fragen ernst nehmen", heißt es darin.

Die Lehren des aktuellen Oberhaupts der katholischen Kirche in der moralischen Frage des Klimawandels sind sehr eindeutig. 2015 hat der Papst eine ganze Enzyklika zum Thema Umweltschutz veröffentlicht. Darin steht, die Menschheit sei aufgerufen "diese Erwärmung oder zumindest die menschlichen Ursachen, die sie hervorrufen und verschärfen, zu bekämpfen."

Barrett stellt sich dumm

Als Amy Coney Barrett aber diese Woche im Rahmen ihrer Senatsanhörungen nach dem Klimawandel gefragt wurde, stellte sie sich dumm. Auch auf Nachfrage ließ sie sich keine Zustimmung zu der längst völlig unstrittigen Tatsache entlocken, dass wir Menschen gerade dabei sind, die Erdatmosphäre auf katastrophale Weise aufzuheizen. Es handele sich da um ein "sehr umstrittenes Thema", so Barrett gereizt. Sie werde sich zu keiner Stellungnahme zu einer so "kontroversen politischen Frage" hinreißen lassen. Bei Fragen nach der Ansteckungsgefahr von Covid-19 oder dem erhöhten Krebsrisiko für Raucher hatte sie diese Bedenken nicht.

Barretts Vater hat als Anwalt für die Ölfirma Shell gearbeitet. Man kann also davon ausgehen, dass sie seit frühester Kindheit mit der Desinformationspropaganda der CO2-Produktionsbranchen konfrontiert war.

Dass es jahrzehntelange Desinformationskampagnen gab, obwohl die Ölfirmen selbst längst ganz genau wussten, dass ihre Ware für die Erderhitzung mitverantwortlich ist, ist hinlänglich nachgewiesen . Selbst den Papst ärgert das, siehe oben.

Über den menschengemachten Klimawandel herrscht globaler Konsens, 196 Staaten haben sich dem Pariser Klimaabkommen angeschlossen. Sogar China hat sich gerade darauf festgelegt, bis 2060 CO2-neutral werden zu wollen. Aber Donald Trumps Kandidatin für den Supreme Court findet das Thema "kontrovers". Und wie es der Zufall will, wird dieser Supreme Court sich demnächst mit einem Fall beschäftigen müssen, in dem es um die Schäden geht, die Shell, Exxon und andere Firmen angerichtet haben .

Die immer noch gut 40 Prozent der US-Wähler, die weiterhin bereit sind, Trump zu unterstützen, leben in einer medial erzeugten, mit psychologischen Abwehrmechanismen abgesicherten Festung des Selbstbetrugs. Der Klimawandel ist das beste und das schrecklichste Beispiel dafür.

In einem Exxon-internen "Briefing zum CO2-Treibhauseffekt'" aus dem Jahr 1982 (PDF ) heißt es: "Die Verbrennung fossiler Brennstoffe und Entwaldung gelten als primäre menschengemachte Beiträge" zum CO2-Anstieg in der Atmosphäre. Dieser Anstieg sei deshalb relevant, weil "er das globale Klima verändern kann". Für die Kommunikation nach außen dagegen lautete die explizite Order, nachzulesen in einer internen Präsentation: "Unsicherheiten hinsichtlich der wissenschaftlichen Schlussfolgerungen betonen."

Heute steht auf der Website von Exxon: "Wir glauben, dass der Klimawandel es erfordert zu handeln." Die Ölfirmen, deren Propaganda in Coney Barretts Kopf immer noch zu wirken scheint, haben sich längst von ihrer eigenen Desinformationsstrategie verabschiedet. Auch eine klare Mehrheit der US-Wähler hat längst verstanden, dass die Klimakrise real ist .

Mit der Wirklichkeit nur lose verwandt

Coney Barretts Haltung ist ein Symptom für die Zerstörung, die die Republikaner und die mit ihnen verbündeten Industrien und Medien in den vergangenen Jahrzehnten angerichtet haben. Donald Trump ist nur der maximal sichtbare Gipfel dieser zerstörerischen Tradition: Seine ständigen Lügen, seine absurden Behauptungen etwa in Bezug auf die Corona-Pandemie, sind der logische Endpunkt einer Entwicklung, die spätestens damals, in den Achtzigern begonnen hat.

Die wissenschaftlich überprüfbare Realität wurde den Profitinteressen bestimmter Konzerne und den Machtinteressen der amerikanischen Rechten unterworfen. So erfolgreich, dass Abermillionen US-Bürger heute in einer Welt leben, die mit der Wirklichkeit nur lose verwandt ist. Von da aus ist es bis zu aberwitzigen Verschwörungstheorien nicht mehr weit.

Bei der gläubigen Katholikin Coney Barrett scheint der Nachgeschmack der alten Propaganda sogar die Autorität ihres Papstes zu schlagen.

Jahrzehnte des Selbstbetrugs

Es gibt noch eine Reihe weiterer nachweislicher Lügen, die zum Markenkern der Republikaner gehören. Zum Beispiel die Behauptung, dass höhere Steuern für sehr Reiche das Wirtschaftswachstum schmälern würden. Das ist nachweislich falsch, wie man etwa im Buch zweier Wirtschaftsnobelpreisträger nachlesen kann .

In die gleiche Kategorie gehört die irrwitzige Behauptung, das Leben sei für alle sicherer, wenn alle Schusswaffen besitzen dürfen.

Die Jahrzehnte des Selbstbetrugs, des Wählerbetrugs und der unheilvollen Allianz zwischen Rupert Murdochs Propagandasendern, vielen Superreichen und den Republikanern haben einen gigantischen Schaden hinterlassen. Auch wenn Joe Biden und Kamala Harris die Wahl gewinnen sollten, was den USA und dem Planeten unbedingt zu wünschen ist, wird dieser Schaden nicht einfach verschwunden sein. Viele Millionen US-Bürger müssen in die Realität zurückgeholt werden.

Die Wissenschaft hat jetzt genug

Amy Coney Barrett ist ein Symptom und eine leider womöglich auf Jahrzehnte weiter wirkmächtige Folge dieses extrem gefährlichen Kampfes gegen die Wirklichkeit.

Um es klar zu sagen: Wer immer noch behauptet, die Frage, ob der Mensch die Erde aufheizt, sei "kontrovers", vertritt eine Verschwörungstheorie. Anders wäre der globale wissenschaftlich-politische Konsens zum Klimawandel nämlich nicht zu erklären. In dieser Verschwörung müssten Angela Merkel, der Papst und Chinas Staatschef Xi Jinping, Ölfirmen, Autokonzerne und natürlich die Wissenschaft an sich unter einer Decke stecken.

Selbst die sonst politisch zurückhaltende Welt der Wissenschaft hat jetzt genug.

Nach dem äußerst renommierten "New England Journal of Medicine " ("Diese Wahl erlaubt es uns, ein Urteil zu fällen") und dem "Scientific American" ("Es ist an der Zeit, Trump hinauszuwerfen und Biden zu wählen") hat sich nun auch das Wissenschaftsmagazin "Nature", eine der zwei wichtigsten wissenschaftlichen Fachpublikationen der Welt, in einem bemerkenswert scharfen Kommentar  dafür ausgesprochen, für Trumps Herausforderer zu stimmen.

Joe Biden, heißt es darin, sei "die beste Hoffnung der Nation, diesen Schaden an Wissenschaft und Wahrheit zu reparieren".

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