USA Ureinwohner erhalten fossile Knochen zurück

Wem gehören Tausende Jahre alte menschliche Knochen, die Forscher in den USA ausgegraben haben? Laut einer neuen Richtlinie sollen sie alle den Ureinwohnern des Landes übergeben werden. Manche Wissenschaftler fürchten daher, dass ein Teil der Forschung unmöglich wird.

Ausgegrabenes Skelett (Archivbild aus Mexiko): Streit um menschliche Überreste beendet
AFP

Ausgegrabenes Skelett (Archivbild aus Mexiko): Streit um menschliche Überreste beendet


Hamburg - Als Archäologen knapp 10.000 Jahre alte menschliche Überreste in Südkalifornien ausgruben, war ihre Begeisterung groß. Die Knochen sollten einiges über die Geschichte der frühen Bewohner Nordamerikas verraten. Doch um die 1976 entdeckten Fossilien entbrannte ein Streit: Die Kumeyaay Nation, ein Verband amerikanischer Ureinwohner, forderte die Übergabe der menschlichen Überreste. Diese stammten in mindestens zwei Fällen von ihren Vorfahren - aber galt das für alle entdeckten Knochen?

Eine neue Richtlinie soll solche Streitfälle künftig vermeiden. Sie greift auch, wenn nicht ersichtlich ist, mit welchem modernen Stamm die Menschen verwandt waren, deren Überreste ausgegraben wurden. Bisher griff diese Maßgabe nur, wenn die Knochen klar mit einem der heutigen Stämme in Verbindung gebracht werden konnten.

Wegen der neuen Regelung haben nun Stammesverbände wie die Kumeyaay Nation ein Recht auf den größten Teil menschlicher Überreste von rund 160.000 Individuen, die in Universitäten, Museen und bei Regierungsbehörden gelagert werden. Institute, die solche Knochen besitzen, müssen mit den Stämmen in Verbindung treten, von deren Land sie stammen - und die Funde zurückgeben, falls die Ureinwohner dies verlangen.

Viele Universitäten haben begonnen, ihre Sammlungen zu durchforsten, und auch erste Rückgaben haben schon stattgefunden.

"Man macht das nicht mit Menschen"

Die Ureinwohner-Verbände begrüßten die neue Richtlinie. Sie beende ein langes und schmerzhaftes Kapitel der Geschichte, in dem Grabräuber Knochen stehlen konnten und menschliche Überreste in staubigen Lagerräumen endeten, hieß es. "Verdammt noch mal, das sind Menschen", sagte Louis Guassac vom kulturellen Rückführungsausschuss der Kumeyaay. "Es sind keine Gegenstände. Man macht das nicht mit Menschen, egal, wie alt deren Überreste sind."

Einige Anthropologen fürchten, dass die Richtlinie die Forschung deutlich einschränken wird. Studien über die Wanderungen der Ureinwohner, ihre Gesundheit oder Ernährungsweise würden nur noch schwer durchzuführen sein. "Das öffentliche und wissenschaftliche Interesse spielt kaum noch eine Rolle", beklagt etwa Keith Kintigh von der Arizona State University.

Auch Mari Lyn Salvador vom Museum der University of California, Berkeley, weist darauf hin, wie wichtig die Forschung ist. Durch Untersuchungen der Überreste könnten Wissenschaftler beispielsweise die damalige Medizin und verschiedene Krankheiten besser verstehen. "Die Erkenntnisse könnten auch für die Ureinwohner selbst wichtig sein", sagt die Museumsdirektorin. Die Universität gebe solche Erkenntnisse an die Stämme weiter und lasse diese auch entscheiden, ob Forscher mit den Knochen arbeiten dürfen oder nicht.

Die Kumeyaay Nation wird jedenfalls die Überreste bekommen, die 1976 in Kalifornien ausgegraben wurden - und nach Aussage von Guassac mit dem Respekt behandelt werden, den sie verdienen. Eine Möglichkeit sei, dass sie erneut bestattet werden.

wbr/AP

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
RosaHasi 16.01.2012
1. .
Zitat von sysopWem gehören Tausende Jahre alte menschliche Knochen, die Forscher in den USA ausgegraben haben? Laut einer neuen Richtlinie sollen sie alle den*Ureinwohnern des Landes übergeben werden. Manche Wissenschaftler fürchten daher, dass ein Teil der Forschung unmöglich wird. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,809271,00.html
die christlichen fanatiker in den usa halten halt wenig von totenruhe.. ganz besonders nicht wenn es um die totenruhe anderer kulturen und deren überreste geht.
Glossator 16.01.2012
2.
Zitat von RosaHasidie christlichen fanatiker in den usa halten halt wenig von totenruhe.. ganz besonders nicht wenn es um die totenruhe anderer kulturen und deren überreste geht.
Und ich halte wenig von Sonderrechten für Menschen welcher Rasse auch immer. Die Richtlinie, um die es hier geht, zeigt doch das Gegenteil, von dem was Sie behaupten: Die politische Korrektheit in den USA, die bestimmten Minderheiten Vorrechte sichert, trägt religiöse, irrationale Züge, die wahrscheinlich in der Tat von der puritanischen Grundstruktur des Landes geprägt ist. Bei 10.000 Jahre alten Knochen kann eine bestimmte Bevölkerungsgruppe wohl kaum die unmittelbare Abstammung behaupten. Es ist keineswegs unumstritten, daß die heutigen Indianer die alleinigen und ersten Ureinwohner waren. Doch selbst wenn: Bei 10.000 Jahren ist die Beziehung zu den heutigen Menschen so schwach, daß nicht die heutigen Indianerverbände allein darüber bestimmen dürften. Man kann in der Tat darüber nachdenken, ob nicht auch prähistorischen Menschen - gf. nach wissenschaftlicher Untersuchung - ihre Totenruhe gewährt werden sollte, zumal diese wohl für die meisten frühen Kulturen sehr wichtig war. Das gilt dann aber auch für Ötzi und Tutenchamun!
wandersleben 16.01.2012
3. Zurschaustellung
Ich bin seit langem der ansicht, dass der umgang der archäologen und anthropologen mit menschlichen fundstücken in gravierendem maße die menschenwürde verletzt. Es beginnt bereits bei der verletzung der grabruhe, endet aber häufig mit unwürdiger zurschaustellung von mumien, gletscherleichen, moorleichen usw. Man möge der wissenschaft eine vertretbare frist zur datenerhebung zubilligen, dann aber gehören die fundstücke dorthin zurück, wo sie gefunden wurden.
tetaro 16.01.2012
4.
"Verdammt noch mal, das sind Menschen", sagte Louis Guassac vom kulturellen Rückführungsausschuss der Kumeyaay. "Es sind keine Gegenstände. " Natürlich sind es Gegenstände und keine Menschen. Gegenstände mit irgendeiner symbolischen Bedeutung von mir aus, aber mehr nicht.
spiegel-hai 16.01.2012
5.
Zitat von RosaHasidie christlichen fanatiker in den usa halten halt wenig von totenruhe.. ganz besonders nicht wenn es um die totenruhe anderer kulturen und deren überreste geht.
Was ist denn das für ein Unsinn. Stellen Sie sich vor, bei uns in D würden die Italiener auf einmal die fossilen Überreste der gefallenen römischen Legionäre aus der Varus-Schlacht herausverlangen. Oder die modernen Nachfahren der mittelalterlichen Kreuzritter die Reste der verblichenen Lieben aus Palästina oder der Türkei. Oder die Türken die Herausgabe der begrabenen Janitscharen aus der Schlacht vor Wien von den Österreichern. Oder die Österreicher den Özi. Es handelt sich - bei allem Respekt - doch um wichtige Forschungsobjekte. Und es geht mit großer Sicherheit den indianischen Ureinwohnern weniger um spirituelle Gründe als darum, der "weißen" Obrigkeit eines auszuwischen. Darüberhinaus kann die beabsichtigte Rückgabepraxis (Ort) ein Hindernis nicht beseitigen. Genetische Untersuchungen haben ergeben, daß die Herkunft der "Stämme" wie auch der Ureinwohner überhaupt vielseitig sind und sich europäische Wurzeln genau wie asiatische nachweisen ließen. Ein weiterer Beweggrund für die Rückgabeforderungen könnte der Wunsch sein, die Herkunft der Ureinwohner im mystischen Dunkel zu belassen, statt auf höchst irdische Wanderungsbewegungen des homo sapiens vor 5 - 10.000 Jahren zurückzuführen und damit die "Einzigartigkeit" infrage zu stellen. US-Wissenschaftler indianischer Herkunft sehen die Rückgabe auch eher skeptisch.
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