Versenkter US-Panzerkreuzer Das letzte Geheimnis der "USS San Diego"

Im Sommer 1918 sank nahe New York ein US-Kriegsschiff - nach einer Explosion an Bord. Doch was genau passiert war, blieb 100 Jahre lang ein Rätsel. Jetzt haben Forscher das Unglück rekonstruiert.

imago/ Arkivi

Aus Washington berichtet


Es war ein klarer Sommertag, und Kapitän Harley Christy hatte seine Besatzung zu höchster Wachsamkeit aufgerufen. Mit 15 Knoten dampfte seine "USS San Diego" von der Marinewerft Pourtsmouth im US-Bundesstaat Maine in Richtung New York. Die Kohlebunker an Bord waren bis zum Rand gefüllt, das imposante US-Kriegsschiff sollte in wenigen Tagen einen Konvoy mit Soldaten für die europäischen Schlachtfelder über den Atlantik begleiten.

Immer wieder hatte es Berichte gegeben, dass sich deutsche U-Boote in der Gegend aufhalten würden. Konkrete Warnungen lagen allerdings nicht vor, Christy hatte sich vor der Abfahrt noch einmal erkundigt. Trotzdem ließ der Kapitän seinen 150 Meter langen Kreuzer sicherheitshalber einen Zickzackkurs fahren. Er schickte außerdem 17 Mann in die Ausgucke, ließ die Schotten im Inneren des Schiffes dichtmachen - damit nach einem möglichen Angriff eindringendes Wasser so wenig Schäden wie möglich anrichten könnte.

"Der Kapitän hat alles richtig gemacht", resümiert Alexis Catsambis, Archäologe vom Naval History and Heritage Command der US-Marine in Washington. "Alle an Bord waren vorbereitet, als es zur Tragödie kam." Denn tatsächlich: Um genau 11.05 Uhr am 19. Juli 1918, die "San Diego" stand zu diesem Zeitpunkt gerade nordwestlich von Fire Island, erschütterte eine Explosion das Kriegsschiff. Durch ein massives Leck an Backbord drang Wasser in den Maschinenraum ein. Es dauerte nicht lange, bis die Antriebsaggregate ausfielen, die Funkanlage ebenso.

Das Schiff neigte sich schnell, machte viel Wasser. Noch nicht einmal eine halbe Stunde später ging die "San Diego" auf Tiefe. Rund 100 Jahre lang war aber nicht klar, was zum Untergang geführt hat: ein deutscher Torpedo, wie Kapitän Christy es später vermutete? Eine Seemine? Vielleicht doch ein Unfall, etwa eine Explosion in einem Kohlebunker? Oder gar Sabotage, wie mancher bereits kurze Zeit nach der Katastrophe raunte? Immerhin war die "San Diego" das einzige große Schiff, dessen Verlust die US-Marine im Ersten Weltkrieg zu verkraften hatte.

Zusammen mit Kollegen hat Catsambis das Schicksal des Kreuzers nun erforscht. Auf der Jahrestagung der American Geophysical Union (AGU) in Washington hat das Team seine Ergebnisse vorgestellt. "Wir gehen davon aus, dass das deutsche U-Boot U156 die 'San Diego' versenkt hat", sagt der Archäologe. Die U156 habe im fraglichen Seegebiet Minen ausgelegt, das sei bekannt gewesen.

Das Forscherteam hat mit unbemannten Mini-U-Booten Sonarbilder des Wracks in 30 Meter Tiefe gemacht. "Das Schiff sieht bemerkenswert intakt aus", beschreibt Arthur Trembanis, Ozeanograf von der University of Delaware in Newark. Die "San Diego" liegt gewissermaßen kopfüber auf dem Meeresgrund. Während der Rumpf noch gut zu erkennen ist, sind im Inneren viele Strukturen zusammengebrochen.

Kein Saboteur

Was mit dem Schiff nach der Explosion passiert ist, das hat Ingenieur Ken Nahshon vom Naval Surface Warfare Center in Bethesda (US-Bundesstaat Maryland) untersucht - und zwar mit Computermodellen, die eigentlich für den Entwurf moderner Konstruktionen gedacht sind. "Wir haben die Methoden, die wir sonst für aktuelle und zukünftige Schiffe verwenden, hier für ein historisches Ereignis angewandt", sagt Nashon.

Dabei habe man als erstes die Sabotage-Theorie ausschließen können: "Keine der Beschreibungen der Besatzung oder der bekannten Fakten passt dazu." Die Schäden am Schiffsrumpf seien einfach zu massiv gewesen, sagt der Ingenieur.

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"USS San Diego": Gesunken vor Fire Island

Auch ein Unfall im Kohlebunker sei nicht wahrscheinlich - und zwar aus mehreren Gründen: Zum einen seien die Vorratslager bis oben gefüllt gewesen. Zu Explosionen komme es dort aber normalerweise, wenn ein Teil der Vorräte bereits aufgebraucht ist und sich in dem frei gewordenen Platz Luft und Kohlepartikel zu einem leicht entzündlichen Gemisch verbunden haben. Und das passiert vor allem, wenn das Schiff schon lange auf See unterwegs ist.

Nur sechs Tote

Außerdem verweist Nashon auf die Dicke verschiedener Stahlwände im Inneren der "San Diego". Er sagt: Bei einer Explosion im Kohlebunker wäre wohl am ehesten die Trennwand zum Maschinenraum kollabiert. Stattdessen hatte es aber das Loch in der Außenhülle gegeben.

Das spricht für einen Angriff durch ein deutsches U-Boot.

Aus historischen Aufzeichnungen wissen die Forscher, dass das deutsche U-Boot U-156 zur Zeit des Unglücks vor Long Island aktiv war. Drei Tage nach dem Untergang der "San Diego" hatte das kaiserliche Unterseeboot im kleinen Küstenort Orleans auf der Halbinsel Cape Cod den Schlepperdampfer "Perth Amboy" und mehrere Holzkähne beschossen.

Bliebe noch zu klären, ob das deutsche U-Boot den Kreuzer mit einem Torpedo oder aber mit einer Mine versenkt hat. "Torpedos hätten bei der Annäherung an das Schiff eine Spur von Blasen im Wasser hinterlassen. Darüber gibt es aber keine Berichte der Besatzung", sagt Nashon. Also, folgert er, dürfte es eine Seemine gewesen sein, deren Ladung bei Kontakt ausgelöst wird. Ein Szenario übrigens, das auch ein Marinegericht für plausibel hielt, das den Untergang 1918 zu untersuchen hatte.

Als die "San Diego" von der Explosion erschüttert wurde, waren rund 1100 Menschen an Bord. "Nur sechs Männer sind gestorben", sagt Catsambis. Verantwortlich dafür ist wohl auch der beherzte Kapitän Christy. Nachdem klar war, dass die Funkanlage seines Schiffes ausgefallen war, hatte er einen Offizier mit einem Boot in Richtung Festland geschickt, um Rettung zu organisieren. Und in der Tat: Hilfsschiffe rückten schon wenig später aus und bargen die Besatzung des Schiffes, die sich geordnet in die Rettungsboote geflüchtet hatte.

Nach dem Untergang des Kreuzers sann das US-Militär auf Rache. Flugzeuge der First Yale Unit von einem Flugplatz auf Long Island sollten den Angreifer vernichten, der ihrer Marine solche Schmach zugefügt hatte. Vor Fire Island machten die Piloten unter Wasser einen Schatten aus, den sie für ein deutsches U-Boot hielten, und warfen Bomben ab. Doch wie sich später herausstellte, hatten die Piloten nur das versunkene Wrack der "USS San Diego" gesehen.

Die Besatzung von U-156 ereilte nur kurze Zeit später trotzdem ein trauriges Schicksal. Das 65 Meter lange Boot von Kapitän Richard Feldt lief wahrscheinlich im September 1918 vor der schottischen Küste auf eine von den Amerikanern gelegte Minensperre. Die Lage des Wracks ist unbekannt, von den 77 Mann Besatzung an Bord fehlt jede Spur.



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