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Lacto- oder Ovo?: Die verschiedenen Arten des Vegetarismus

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Vegetarismus Ovo, Lacto oder lieber Pudding?

Was macht ein Freeganer? Und was unterscheidet einen Veganer vom Frutarier? Fleischloses Leben hat viele Varianten - in manchen geht es um deutlich mehr als die Schonung der Tierwelt. SPIEGEL ONLINE erklärt, was sie unterscheidet und was dem Körper ohne Fleisch zu fehlen droht.
Von Sandra Kaselow und Cinthia Briseño

vegetarische Ernährung

Im Laufe der Zeit hat sich der Mensch eine Menge Wege einfallen lassen, sich besonders gesund, geschmacklich ausgefallen oder auf ökologisch und moralisch korrekte Weise zu ernähren. Die wohl bekannteste Philosophie ist die . Vegetarier sind längst auf dem Vormarsch. Denn ein nachhaltiger Lebensstil gilt als erstrebenswert, der Verzicht auf Fleisch mindestens genauso. Zwar verdrückt die Welt immer noch bergeweise Fleisch, allen voran die USA (siehe Grafik links). Aber sie tut es nicht mehr ganz so gedankenlos wie früher.

Bücher wie das aktuelle des amerikanischen Bestseller-Autors Jonathan Safran Foer, "Tiere essen", machen darauf aufmerksam, welches ethische und moralische Übel die Massentierhaltung mit sich bringt. Und so sind alternative Ernährungsformen wie der Vegetarismus immer gefragter. Allerdings hat der Vegetarismus verschiedene Facetten. Für die einen bedeutet das fleischlose Leben einfach nur ein gesünderes Leben. Für andere ist Vegetarismus dagegen eine Haltung - mitunter getrieben von religiösen oder spirituellen Beweggründen.

Grob kann man die vegetarische Ernährung in zwei Arten unterteilen: gemäßigten und strengen Vegetarismus.

Nach Angaben der Europäischen Vegetarier Union leben neun Prozent aller Deutschen vegetarisch. Im europäischen Vergleich ist das eine recht hohe Zahl: Die meisten anderen Länder Europas kommen demnach nicht über die Fünf-Prozent-Hürde. In den USA und Australien liegt der Vegetarier-Anteil jeweils bei etwa drei Prozent. Ganz anders sieht es in Asien aus: Beispielsweise folgen in Indien 40 Prozent der Bevölkerung der vegetarischen Lebensweise.

Während die einen kein Fleisch, wohl aber Fisch oder Eier essen, verzichten die anderen auch darauf. Was aber, wenn man tierische Produkte nicht isst - beim Thailänder aber das vegetarische Tofu-Curry bestellt, das in einer Austernsoße daherkommt? Zu welcher Vegetarier-Gruppe zählt man, wenn man das Töten von Tieren ablehnt, ansonsten aber auf eine gesunde Ernährung pfeift? Und darf man als strenger Vegetarier Honig essen?

SPIEGEL ONLINE erklärt die wichtigsten Formen des Vegetarismus, was erlaubt und was verpönt ist - und wieso auch Pflanzen Lebewesen sind, die man nicht gedankenlos verspeisen sollte:

Gemäßigte Vegetarier - Ovo, Lacto, Pesco oder Pudding?

Die in unserem alltäglichen Sprachgebrauch übliche Verwendung des Wortes "Vegetarier" ist nicht exakt - und ein Ärgernis für all jene, die in ihrer tierlosen Ernährung rigoros sind. Schon der gemeine Vegetarier, der sich als solcher bezeichnet, muss korrekterweise in verschiedene Untergruppen gepackt werden. Diese kennzeichnet man durch eine entsprechende Vorsilbe, die darauf hinweist, welche Produkte tierischen Ursprungs man nicht aus dem Speiseplan verbannt hat. Gemäß diesen Regeln gibt es:

  • Ovo-Lacto-Vegetarier: Sie verzichten auf Fleisch, Geflügel und Fisch, nicht aber auf Eier oder Milchprodukte.
  • Ovo-Vegetarier: Sie schließen alle tierischen Produkte aus, verzichten aber nicht auf das Frühstücksei.
  • Lacto-Vegetarier: Eier von Hennen sind nicht im Speiseplan erlaubt, dafür machen diese Vegetarier vor Milchprodukten nicht halt.

Eine weitere interessante Ausprägung des gemäßigten Vegetarismus - obwohl man sich in Vegetarierkreisen nicht ganz einig darüber ist, ob man deren Anhänger überhaupt zu seinesgleichen zählen möchte - ist der Pescetarismus. Nach der Vorsilben-Methode könnte man Pescetarier als Ovo-Lacto-Pesco-Vegetarier bezeichnen: Denn Pescetarier verzichten genaugenommen nur auf Fleisch von Warmblütern, nicht aber auf Fisch, und auch nicht auf Nahrungsmittel wie Eier, Honig oder Milch.

Eine andere Form des gemäßigten Vegetarismus ist vor allem unter Jugendlichen sehr beliebt - vor allem, weil sie so schön einfach wie verlockend zugleich ist. Pudding-Vegetarier ernähren sich zwar fleischlos, ansonsten halten sie aber nicht allzuviel von Verzicht und Disziplin. Fleischlos ernährt man sich als Pudding-Vegetarier hauptsächlich aus ethischen und moralischen Gründen, die Gesundheit aber steht im Hintergrund. Die Wurst-Theke ist also tabu, das Süßigkeitenregal wird durchaus sehr gerne besucht. Auch fleischlose Fertigprodukte sind in Ordnung, die Obst-und-Gemüse-Abteilung ist nicht ganz so wichtig.

Veganer - Ein Leben ohne Vorsilbe, aber mit viel Verzicht

Strenge Vegetarier verzichten in ihrer Ernährung auf jegliche tierische Produkte. Sie essen:

  • kein Fleisch oder Geflügel
  • kein Fisch
  • keine Eier oder Milch
  • meist kein Honig
  • keine Süßigkeiten oder Fertiggerichte, die tierische Zusatzstoffe enthalten.

Bekannter sind die Menschen, die dieser Philosophie folgen, unter dem Namen Veganer. Sie lehnen nicht nur den Konsum tierischer Produkte ab, sondern auch die Haltung von Nutztieren. Veganer tragen keine Wolle und kein Leder - Pelze sind selbstverständlich völlig ausgeschlossen. Eine vegane Lebensweise ist meistens von ethischen Aspekten geprägt. Deshalb achten Veganer auch immer darauf, was für Produkte sie nutzen: Sie müssen von jeglichen Tierprodukten und ebenso von Tierversuchen frei sein. Ein Veganer verwendet deshalb beispielsweise keine Gelatine, weil sie meist aus Tierhaut oder Tierknochen hergestellt wird, den Honig ersetzt er durch Zuckerrübensirup, Medikamente und Kosmetika fallen auch häufig durch sein Raster.

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Gut informierte Veganer wissen aber auch, dass Gelatine oder tierische Bindemittel mitunter bei der Herstellung anderer Produkte zum Einsatz kommen. Das kann zum Beispiel Wein sein, aber auch die Herstellung von Filmen wäre ohne Gelatine nicht möglich. Ein strenger Veganer hat es deshalb nicht immer leicht - Produkt-Recherchen gehören für ihn zum Alltag. Diverse Organisationen stellen aber durchaus Listen bereit, mit denen sich ein Veganer auf dem Lebensmittelmarkt orientieren kann.

Vegan leben ist nicht nur eine besondere Ernährungsform - es ist eine Weltanschauung. Die Ausbeutung der Tiere ist die treibende Kraft, weniger die eigene Gesundheit. Früher störten sich Vegetarier und einige Gleichgesinnte am schlampigen Alltagsgebrauch des Wortes "vegetarisch" anstelle der korrekten Bezeichnung "ovo-lacto-vegetarisch". Um sich von dieser Gruppe abzugrenzen, erfand der Engländer Donald Watson das Wort "vegan" (aus dem Anfang und Ende der englischen Bezeichnung "vegeterian"). 1944 gründete er die Vegan Society und spaltete sich so von der Vegetarian Society ab.

Veganismus ist - nicht ganz überraschend - weit weniger verbreitet als die gemäßigte Form des Vegetarismus. Das Portal veganwelt.de schätzt den Veganer-Anteil an der deutschen Gesamtbevölkerung auf 0,3 bis 0,5 Prozent, wirklich genaue Zahlen findet man darüber jedoch nicht.

Frutarier - auch Pflanzen sind Lebewesen

Je stärker die Ausprägung des Vegetarismus, umso schwieriger ist es, dem Körper alle Nährstoffe zuzuführen, die er benötigt. Ein Beispiel sind die sogenannten Frutarier.

Eigentlich könnte man Frutarier - auch die Bezeichnungen Fructarier, Fruitarier oder Fruganer existieren - als Extrem-Veganer bezeichnen. Zwar gibt es auch bei dieser Variante verschiedene Ausprägungen, die generelle Idee jedoch ist klar: Für die Ernährung kommen nur pflanzliche Produkte in Frage, deren Ernte die Stammpflanze nicht beschädigt. Anders gesagt: Frutarier essen nur die Früchte von Pflanzen.

Allerdings haben manche Frutarier ein Definitionsproblem. Was zählt alles als Frucht? Es gibt Frutarier, die nur Obst essen. Das heißt, Früchte, die bereits vom Baum gefallen sind. Erlaubt sind demnach auch Samen, abgefallene Beeren oder Nüsse. Schwierig wird es dagegen mit anderen Pflanzenbestandteilen wie Knollen, Blätter oder Wurzeln. Diese sind strenggenommen nicht erlaubt. In der Praxis wird die Haltung durchaus kompliziert. Getreide darf zum Beispiel nicht in den Magen, ebensowenig Tomaten, wenn sie noch am Strauch hängen - botanisch zählen sie aber zu den Früchten.

Die Motivation eines Frutariers? Für die meisten sehr schwer vorstellbar, doch viele Anhänger sind der Überzeugung, dass der Mensch von seiner biologischen Bestimmung her ein Fruchtesser, ein sogenannter Frugivor, ist. Religiöse oder spirituelle Beweggründe mögen aber auch eine Rolle spielen.

Freeganismus - Veganismus in seiner Perfektion

Veganismus stellt Sie immer noch nicht zufrieden? Ein veganes Leben lässt sich durchaus noch perfektionieren: zum Freeganismus. Der Begriff ist eine Wortneuschöpfung aus dem englischen Wort "free" (frei) und "Veganismus". Man gehe also noch eine Stufe weiter und verzichte nicht nur auf alles, was aus tierischen Produkten hergestellt wird - sondern auch auf Produkte, die etwas kosten. Geld verdienen und haben ist für einen Freeganer keine Schande. Doch anstatt in den Supermarkt zu gehen, wühlt man als Freeganer lieber in den Mülltonnen der Lebensmittelgeschäfte oder geht eben in den Wald, um nach Beeren zu suchen.

Wie auch immer die Nahrungsbeschaffung funktionieren mag, in jedem Fall ist die kapitalistische Wegwerfgesellschaft das große Übel, dem sich ein Freeganer keinesfalls unterwerfen will. Er prangert die Ausbeutung von Mensch und Tier, die Werbeflut und den Massenkonsum an. Immerhin, ein Freeganer darf auch Tiere essen. Jedoch nur, wenn er es quasi wie seine Vorfahren macht - und dafür selbst zur Jagd geht.

Was dem Körper fehlt, wenn man nicht aufpasst

Ob Veganismus, Frutarismus oder andere strenge Formen des Vegetarismus - Sebastian Paul von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) glaubt nicht, dass eine streng vegetarische Ernährung ohne gewisse Nährstoffmängel möglich ist. Gefahren der extremen Ernährungsphilosophien sieht er vor allem in Bezug auf Eisen und Vitamin B. Bei Frutariern komme noch ein Problem hinzu: Durch die vermehrte Aufnahme von Fruchtsäuren und Fruchtzuckern hätten Frutarier häufig mit Zahnproblemen zu kämpfen.

Generell hält Paul es für problematisch, sich vollständig ohne tierische Produkte zu ernähren. Zwar rät er, gerade bei Übergewicht schon mal den Fleischverzehr einzuschränken - ganz einstellen sollte man ihn aber nicht. Nach Angaben der DGE ist es optimal, ein bis zweimal pro Woche Fleisch zu essen.

Wer dennoch darauf verzichten will, muss verstärkt darauf achten, keine Nährstoffmängel zu erleiden. Um die Stoffe zu ersetzen, die Nicht-Vegetarier aus tierischen Produkten beziehen, sollten Vegetarier sich bewusst und ausgewogen ernähren. Besonders achten müssen sie auf eine ausreichende Versorgung mit Eiweiß, Vitamin B12, Eisen, Kalzium, Vitamin D und Zink, notfalls in Form von Nahrungsergänzungsmitteln.

Ist die vegetarische Ernährung aber richtig zusammengestellt, kann sie sogar gesünder sein als eine nicht-vegetarische. Fleischlose Gerichte enthalten weniger tierische Fette und Cholesterin. Zumindest für die ovo-lakto-vegetarische Ernährung hat man in einigen Studien bereits nachweisen können: Vegetarier leiden seltener unter den heutigen Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht und Diabetes mellitus II. Allerdings ist dieser positive Aspekt nicht allein auf den Verzicht von Fleisch zurückzuführen. Vielmehr versorgt der hohe Anteil an pflanzlicher Nahrung den Körper mit vielen sogenannten sekundären Pflanzenstoffen. Und diese haben eine schützende Wirkung, das belegen Studien.

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