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17. November 2003, 15:13 Uhr

Venters Virus-Bauanleitung

Deutsche Forscher warnen vor Biowaffen-Bastlern

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US-Forscher haben in Rekordzeit ein komplettes Virus nachgebaut. Gentechnik-Pionier Craig Venter feierte den Erfolg als "aufregenden Durchbruch". Andere Wissenschaftler sind weniger verzückt: Sie warnen vor einer neuen Generation von Biowaffen.

Craig Venter vor einer Karte des menschlichen Genoms: Bauanleitung für künstliche Viren
AP

Craig Venter vor einer Karte des menschlichen Genoms: Bauanleitung für künstliche Viren

Klappern gehört zum Handwerk, immer öfter auch zum wissenschaftlichen. Deshalb geben manche Forscher ihre Ergebnisse immer öfter medienwirksam auf Pressekonferenzen bekannt, statt sie auf Tagungen oder in Fachzeitschriften dem überschaubaren Kreis von Kollegen vorzustellen. Craig Venter weiß, wie man Aufmerksamkeit erregt.

Der prominente US-Genforscher gab gemeinsam mit dem amerikanischen Energieminister Spencer Abraham öffentlich bekannt, dass sein Team das komplette Erbgut eines Virus in der Rekordzeit von zwei Wochen konstruiert habe - auch wenn der Erstautor des entsprechenden Artikels im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) der Nobelpreisträger Hamilton Smith ist. Die Forscher um Venter hatten auf dem freien Markt käufliche DNS-Stücke verwendet und diese Oligonukleotide nach einer über das Internet frei zugänglichen Datenbank-Vorlage nahezu fehlerfrei zusammengefügt. Das Virus sei voll funktionsfähig, hieß es.

Erster Virus-Nachbau dauerte drei Jahre

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Virus von Menschen nachgebaut wurde. Im vergangenen Jahr hatte eine Gruppe um den in den USA forschenden deutschen Chemiker Eckard Wimmer den Erreger der Kinderlähmung künstlich kreiert. Mit allen Vorarbeiten hatte das aber drei Jahre gedauert. Inzwischen benötigt Wimmer zwar nur noch einige Monate, würde aber Venters Methode seiner eigenen vorziehen, wie er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE einräumte.

Polio-Virus: Deutsche Forscher brauchten drei Jahre für einen Nachbau

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Im Gegensatz zu Wimmer erschuf Venters Team keine für Menschen gefährliche Virus-DNS, sondern das Erbgut eines Bakteriophagen. Dieser Virustyp infiziert nur Bakterien und bringt sie dazu, seine Gene zu vervielfältigen. Venter und Abraham zeigten sich begeistert. Durch den enormen Zeitgewinn habe die Wissenschaft jetzt die Möglichkeit, dem eigentlichen Ziel einen Schritt näher zu kommen: ein Bakterium künstlich zu erschaffen.

Die Arbeit sei ein "aufregender Durchbruch", so Venter. Die Gensynthese werde zukünftig in vielen Bereichen - von der Archäologie bis zur Pharmazie - zur einer Standardmethode. Energieminister Abraham sagte gar, mit künstlich erzeugten Mikroorganismen könne man "in nicht allzu ferner Zukunft" Abgase reinigen, Abfall beseitigen und sogar Energie gewinnen. Das US-Energieministerium finanziert Venters Arbeit mit Millionen von Dollar.

"Viel Lärm um relativ wenig"

Wissenschaftler in Deutschland sehen Venters Veröffentlichung weitaus gelassener. "Das ist viel Lärm um relativ wenig", findet Thomas Mettenleiter, Chef der Forschungsanstalt für Viruserkrankungen der Tiere auf der Insel Riem. Außer dass es einfach schneller gehe, biete Venter nichts essentiell Neues. Reinhardt Kurth, Präsident des Berliner Robert-Koch-Instituts, äußerte sich ähnlich: "Er hat lediglich mehrere methodische Schritte, die alle bekannt sind, geschickt verknüpft." Der Zeitgewinn sei weniger bedeutend.

Regierungslabor in den USA: Forscher warnen vor neuartigen Biowaffen
AP

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Kleine Viren lassen sich mit Venters Methodenmix jetzt schnell und problemlos herstellen. Ob er aber tatsächlich geeignet ist, irgendwann ein ganzes Bakterien-Genom zu kreieren, sieht Mettenleitner eher skeptisch: "Die Autoren schreiben, dass sie im Virusgenom einen letalen Fehler pro 500 Basenpaaren vorfanden." Ein Virusgenom wie das von Venter konstruierte phiX174 oder der Polio-Erreger sind um die 6000 Basenpaare groß, die meisten Bakterien aber brauchen mindestens 600.000 oder gar mehrere Millionen Basenpaare.

Pionier Wimmer findet Venters Arbeit technisch zwar hervorragend. "Aber wissenschaftlich holen Sie damit keinen Hund hinter dem Ofen hervor." Außerdem bezweifelt er, ob die Zeitangabe von zwei Wochen wirklich lupenrein ist: "Da ist viel Reklame dabei. Die ganzen Vorarbeiten sind wahrscheinlich nicht mit drin."

Abgesehen von Zweifeln an der Bedeutung der wissenschaftlichen Ergebnisse gibt Venters Vorstoß der Diskussion über Bioterrorismus und den Missbrauch wissenschaftlicher Ergebnisse neue Nahrung. Jan van Aken, Biowaffen-Experte vom Sunshine Project mit Sitz in Hamburg, zeigte sich beunruhigt: "In einigen Bereichen, zum Beispiel Pocken, beruht unsere Sicherheit auf der Tatsache, dass der Zugang zu den Erregern beschränkt ist. Bei fortschreitender Entwicklung wird aber bald jedes Land mit gewissen biotechnischen Fähigkeiten in der Lage sein, die gefährlichen Erreger selbst zu synthetisieren."

"Artikel in keiner Weise zensiert"

Auch Wimmer warnt vor solchen Gefahren: "Diese Methode können Sie schon jetzt auf andere Viren anwenden: Grippe, Kinderlähmung oder auch Sars." Der Deutsche ist zudem verärgert über den Medienstar Venter: "Als wir unsere Ergebnisse bekannt gaben, hat er uns noch als verantwortungslos beschimpft." Jetzt publizierte der Kritiker selber eine Bastelanleitung für Viren - obwohl sich führende amerikanische Fachmagazine erst im Februar dazu verpflichtet hatten, potenziell terroristisch nutzbare Forschungsergebnisse zu zensieren.

Die Redakteure von PNAS hatten in diesem Fall keine Bedenken: "Wir haben den Artikel in keiner Weise zensiert", sagt Jill Locantore, PR-Redakteurin bei PNAS. Reinhardt Kurth, in dessen Institut das deutsche Zentrum für Biologische Sicherheit sitzt, sieht ohnehin keinen Sinn in Zensur: "Durch Nicht-Publizieren kann man die Verbreitung nicht verhindern. Die Methoden sind ja alle bekannt."

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