Veraltetes Machtsymbol USA schicken "Tomcat"-Kampfjet in Rente

Das US-Militär verabschiedet sich von einem Relikt des Kalten Krieges: In diesen Wochen fliegt die F-14 "Tomcat" ihre letzten Einsätze. Der Kampfjet, seit 1971 im Dienst, wurde auch dank Hollywood zu einem Symbol der militärischen Dominanz der USA.


"I feel the need, the need for speed" gellt es über die Rollbahn, ehe Tom Cruise alias "Maverick" und Anthony Edwards als "Goose" ins Cockpit ihrer F-14 steigen. Wenig später dröhnen die Kampfjets mit wilden Manövern erst durch Übungs-, dann durch echte Gefechte, in denen die lockeren Sprüche mindestens ebenso zahlreich umherfliegen wie die Raketen. So viel Zeit muss sein, auch in einem Luftkampf.

Mit "Top Gun" hat US-Regisseur Tony Scott 1986 nicht nur einen enorm erfolgreichen Werbefilm für das US-Militär gedreht, sondern auch der F-14 ein popkulturelles Denkmal gesetzt. In diesen Wochen nun steigt der Kampfjet zu seinen letzten Kampfeinsätzen über dem Irak auf. Dann wird die "Tomcat" eingemottet - und ist wie vielleicht kein Flugzeug zuvor zum Symbol der globalen Militärdominanz der USA geworden.

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F-14 "Tomcat": Abschied vom Machtsymbol

Die F-14 wurde Mitte der siebziger Jahre eingeführt - als Ersatz für die F-4 "Phantom", die von den US-Streitkräften 1986 ausgemustert wurde und bei der deutschen Luftwaffe bis heute fliegt. Damals galt die F-14, die acht Luft-Luft-Raketen tragen und mehrere Feindflugzeuge gleichzeitig bekämpfen konnte, als technisches Glanzstück im Rüstungswettlauf mit der Sowjetunion.

Nach den Plänen des Pentagon sollte die F-14 amerikanische Flugzeugträger gegen sowjetische Bomberflotten verteidigen, erklärt Konteradmiral John Miller, heute Vizekommandeur des US Naval Forces Central Command in Bahrain. Die "Tomcat" habe für die damalige Zeit "phänomenale Fähigkeiten" gehabt, sagt Miller. "Sie ist eines der Flugzeuge, die uns geholfen haben, den Kalten Krieg zu gewinnen."

Erster Einsatz im Vietnamkrieg

Als Nacht- und Allwetterjäger für einen Einsatz gegen Ostblock-Flugzeuge im Kalten Krieg konzipiert, hat sich die F-14 zum Allround-Arbeitspferd der US-Marine entwickelt, das von Flugzeugträgern aus sowohl die Luftüberlegenheit sichert als auch Bodenziele angreift.

Der erste Kriegseinsatz der "Tomcats" liegt volle 30 Jahre zurück. 1975 deckten die F-14 den Abzug der US-Truppen aus Vietnam, feuerten aber keinen Schuss ab. Erst 1981 verzeichneten amerikanische "Tomcat"-Piloten die ersten Abschüsse: Zwei F-14 holten zwei libysche Kampfjets vom Himmel, nachdem sie angegriffen worden waren.

Der erste Luftkampf für eine F-14 war das freilich nicht: Als einziger Exportkunde hatte Iran 79 "Tomcats" gekauft - noch vor der islamischen Revolution von 1979. Im Krieg mit dem Irak von 1980 bis 1988 schossen die iranischen F-14 zahlreiche Flugzeuge der Luftwaffe Saddam Husseins ab. Noch heute soll das Teheraner Mullah-Regime trotz des US-Embargos, das unter anderem die Lieferung von Ersatzteilen erschwert, über eine Reihe einsatzfähiger F-14 verfügen.

Ausrichtung auf Luftkampf anachronistisch

In Diensten des US-Militärs schossen "Tomcats" im Golfkrieg von 1990 mehrere irakische Flugzeuge ab, waren aber nach kurzer Zeit nahezu nutzlos, da die USA die Lufthoheit nach drei Tagen erobert hatten. Wenig später begannen die F-14 mit der Kontrolle der Flugverbotszonen im Norden und Süden des Iraks.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die eigentliche Stärke der "Tomcat", die Bekämpfung feindlicher Flugzeuge, zum Anachronismus. Die US-Marine baute die F-14 daraufhin teilweise zum Jagdbomber um, der auch lasergesteuerte Bomben abwerfen kann.

Im Actionreißer "Top Gun" zeigte die "Tomcat" spektakuläre Luftkampf-Manöver, die so gut aussahen, dass böse Zungen anschließend behaupteten, der Jet sie der schauspielerisch stärkste Darsteller des ganzen Films gewesen. Im wirklichen Leben aber genoss die vergleichsweise große F-14 mit ihren charakteristischen Schwenkflügeln einen weniger glanzvollen Ruf.

"Tomcat" als "Turkey" verspottet

Mancher habe die "Tomcat" als "Turkey" (zu Deutsch "Truthahn") verspottet, sagt Jim Howe, stellvertretender Kommandant der letzten beiden F-14-Geschwader, die auf dem Flugzeugträger "Theodore Roosevelt" im Persischen Golf stationiert sind. "Sie sieht nicht so aus, als ob sie fliegen sollte", meint der Marineflieger mit Blick auf den extrem lang wirkenden Rumpf der F-14.

Die F-18 "Hornet" gilt als wendiger, kampfstärker und vielseitiger als die "Tomcat" und soll einfacher zu fliegen sein. Und sie ist wesentlich billiger: Die "Tomcat" braucht im Schnitt volle 40 Stunden Wartungsarbeiten pro Flugstunde - viermal so viel wie die "Hornet".

Die beiden F-14-Geschwader der "Thedore Roosevelt" bestehen aus den letzten 22 noch aktiven "Tomcats". Sie sind täglich über dem Irak im Einsatz, werden aber seltener eingesetzt als die F-18-Jets oder "Harrier"-Senkrechtstarter, die für die Bekämpfung von Rebellen-Stellungen geeigneter sind. Bis Herbst 2006 sollen die Marineflieger an Bord der "Theodore Roosevelt" vollständig auf F-18 umgeschult werden.

Letzte Fahrt im Februar

Im Frühjahr 2006 soll die "Theodore Roosevelt" vom Persischen Golf in die USA zurückkehren und die letzten F-14 in den Ruhestand mitnehmen. Die meisten der "Tomcats" sollen auf der Davis-Monthan Air Force Base bei Tucson in der Wüste Arizonas eingemottet werden.

Eine Ironie der Geschichte besteht nicht nur darin, dass die letzten F-14, die popkulturellen Symbole US-amerikanischer Militärmacht, wohl für die Luftwaffe des iranischen Mullah-Regimes fliegen werden. Ironisch mutet auch an, welcher neue Kampfjet die US-Streitkräfte nun verstärken soll.

Vergangenen Donnerstag wurde die F-22A "Raptor" offiziell in Dienst gestellt. Kritiker halten das Flugzeug angesichts eines Stückpreises von 130 Millionen Dollar nicht nur für viel zu teuer, sondern schon jetzt ebenfalls für ein Relikt des Kalten Krieges. Denn die F-22A wurde - wie übrigens auch der "Eurofighter" - ursprünglich entwickelt, um über Europa gegen sowjetische MiGs anzutreten.

Markus Becker



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