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07. Mai 2010, 11:00 Uhr

Verblüffendes Experiment

Waschen Sie Ihre Zweifel weg!

Je länger man zwischen zwei Alternativen geschwankt hat, desto heftiger nagt anschließend der Zweifel: Hat man sich wirklich richtig entschieden? Forscher haben jetzt einen verblüffenden Tipp: Waschen Sie sich die Hände. Das befreit von Unsicherheiten.

Ob im Restaurant, bei der Urlaubsplanung oder der Partnersuche: Immer wieder haben wir die Qual der Wahl zwischen ähnlich attraktiven Alternativen. Oft bleiben am Ende Zweifel, ob die getroffene Entscheidung die richtige war. Wer sich von derartigem Unbehagen befreien möchte, sollte sich einfach möglichst bald nach der Entscheidung die Hände waschen. Dabei werden offenbar neben dem Schmutz auch etwaige Restzweifel weggespült. Das klingt bizarr, doch Forscher wollen genau das mit Hilfe von Studien jetzt festgestellt haben.

Normalerweise versuchen Menschen nach knappen Entscheidungen, ihre Wahl zu rechtfertigen und Zweifel zu unterdrücken, indem sie die gewählte Variante auf- und die abgelehnte Variante abwerten. Kognitive Dissonanz bezeichnen Psychologen diesen Gefühlszustand. Er tritt auf, wenn sich nahezu gleichstarke Wünsche oder Meinungen nicht in Einklang bringen lassen.

Diverse Studien hatten in diesem Zusammenhang bereits gezeigt, dass Menschen, die in einem moralischen Dilemma stecken, sich von ihren Schuldgefühlen im Wortsinne reinwaschen können: Die physische Handlung wirkt sich unmittelbar auf die Psyche aus. Spike Lee und Norbert Schwarz von der University of Michigan interessierte nun, inwiefern Reinigungsrituale auch Restzweifel nach Entscheidungen beseitigen können, die jenseits moralischer Ansprüche getroffen werden.

Händewaschen kann Wunder wirken

Um das zu überprüfen, ließen sie zunächst 40 Freiwillige 30 CD-Cover durchsehen, aus denen sie ihre zehn Favoriten aussuchen und eine Rangliste aufstellen sollten - angeblich im Rahmen einer Verbraucherbefragung. Zum Dank durften sich die Teilnehmer zwischen den beiden CDs entscheiden, die auf ihrer Wunschliste den fünften und sechsten Rang belegten, also nahezu gleich bewertet worden waren.

Anschließend wurden die Teilnehmer angewiesen, eine Flüssigseife zu beurteilen - wiederum angeblich im Rahmen der Verbraucherbefragung. Während die eine Hälfte der Versuchspersonen sich dabei tatsächlich die Hände wusch, betrachtete die andere Hälfte lediglich die Verpackung. Nach einem weiteren Versuch, der jedoch lediglich der Ablenkung diente, mussten die Probanden ein zweites Mal eine Rangliste ihrer zehn favorisierten CDs erstellen.

Das verblüffende Ergebnis: Die Teilnehmer, die lediglich die Seifenpackung betrachtet hatten, wiesen der abgelehnten CD einen deutlich schlechteren Platz auf der Rangliste zu als vorher, während sie die gewählte CD deutlich weiter vorne platzierten. Die Teilnehmer, die sich die Hände gewaschen hatten, zeigten diese nachträgliche Rechtfertigung ihrer Entscheidung nicht: Sie stuften beide CDs genauso ein wie im ersten Durchgang, schreiben die Forscher im Fachblatt "Science".

Ein zweiter, ähnlich aufgebauter Versuch mit 85 Freiwilligen bestätigte die Ergebnisse des ersten Durchgangs. Darin ersetzten die Forscher die CDs mit verschiedenen Marmeladensorten und die Seife mit Desinfektionsmittel. Das Resultat blieb das Gleiche. "So wie der Waschprozess uns von schlechtem Gewissen nach unmoralischem Verhalten befreit, reinigt er uns auch von den Spuren vergangener Entscheidungen und reduziert die Notwendigkeit, unsere Wahl zu rechtfertigen", erklären die Wissenschaftler.

cib/ddp

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