Verdacht Fremdartige Quallen töten Seeschildkröten

Es ist nur eine Theorie. Doch wenn Richie Moretti, Direktor einer Schildkrötenstation auf den Florida Keys, Recht behält, könnte seine Hypothese vielen Seeschildkröten das Leben retten.


Seit zehn Wochen sterben vor der Südküste der USA Meeresschildkröten an einer mysteriösen Krankheit. Mehrere Dutzend toter Tiere mussten die Tierschützer schon an den Stränden der Inselgruppe aufsammeln. Jetzt sind fremdartige Quallen in Verdacht geraten, das Massensterben ausgelöst zu haben.

Meeresschildkröten: Gefahr durch Quallen?
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Meeresschildkröten: Gefahr durch Quallen?

Wie Moretti am Mittwoch herausfand, haben Krabbenfischer bereits Ende Oktober rund 50 Kilometer nordwestlich von Key West große Quallenschwärme gesichtet. Die Menge der großen, glockenförmigen Geschöpfe mit ihren langen Tentakeln war so groß, dass die Fischer das Gebiet gleich wieder verließen. Eine Woche später wurde die erste kranke Schildkröte in Morettis Hospital eingeliefert.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass mittlerweile mehr als 100 Meeresschildkröten den Tod gefunden haben. Mehrere Tiere wurden seziert, Gewebeuntersuchungen wurden veranlasst, doch bislang ohne durchschlagenden Erfolg.

Nur eines steht fest: Die Schildkröten leiden an einer Art Lungenentzündung. Und sie ernähren sich gerne von Quallen. Moretti glaubt nun, dass die Tiere etwas verspeist haben, was ihnen nicht bekommen ist. Möglicherweise, so die Spekulation, sind sie an örtliche Quallen gewöhnt, kommen mit exotischeren Varianten aber nicht zurecht.

Wissenschaftler wollen sich an derartigen Vermutungen nicht beteiligen. "Es wird noch Monate dauern, bis wir etwas genaueres wissen", sagt Elliott Jacobson, ein auf Infektionskrankheiten spezialisierter Veterinär an der University of Florida. Zusammen mit seinen Kollegen hat Jacobson in den vergangenen Wochen zahlreiche Tests durchgeführt, ohne dem Geheimnis der toten Schildkröten auf den Grund zu kommen.

Monty Graham, ein Quallen-Spezialist aus dem US-Bundesstaat Alabama, ist ebenfalls skeptisch - auch wenn eingeschleppte Tiere für ihn nichts Neues sind. Erst im Sommer hatten sich Millionen australischer Quallen vor der Küste Alabamas breit gemacht. Obwohl mehr als zehn Kilo schwer, hatten sie als blinde Passagiere die lange Schiffsreise hinter sich gebracht.

Doch die australischen Quallen sind kaum giftig. "Wir haben sie mit bloßen Händen angefasst", sagt Graham. Von daher dürften sie auch den Meeresschildkröten keinen Schaden zufügen.

Wenn überhaupt kämen, meint der Experte, nur rosa Quallen in Betracht. Ursprünglich in der Karibik zu Hause, haben die rund 75 Zentimeter großen Tiere mit ihren bis zu 25 Meter langen Tentakeln im Herbst den Golf von Mexiko erobert. Doch ohne ein Bild oder eine Probe der mutmaßlichen Schildkrötenkiller seien die karibischen Quallen, so Graham, kaum zu überführen.



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