Verdächtige Wortwahl Lebensmüde Poeten verraten sich

Lyriker scheiden besonders häufig von eigener Hand aus dem Leben. Per Textanalyse lässt sich ermitteln, wie Ernst es den Poeten mit dem Freitod ist, glauben US-Psychologen.


Dichterin Plath: Kopf im Gasherd
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Dichterin Plath: Kopf im Gasherd

Die Geschichte der modernen Lyrik ist voll von tragischen Gestalten. Der amerikanische Poet Hugh Crane sprang, vom Alkohol zerrüttet, während einer Dampferfahrt in den Ozean. Sylvia Plath, Kultfigur vieler Feministinnen, beendete ihr Leben mit dem Kopf in einem Gasherd. Ein ähnliches Schicksal wählte auch die dichtende Hausfrau Anne Sexton: Sie erstickte sich in ihrer Garage mit Autoabgasen.

Plath und Sexton hatten bereits früh mit Selbstmordversuchen Erfahrung gesammelt. Der Hang zum Suizid lässt sich jedoch nicht nur aus solch drastischen Taten, sondern schon aus der Wortwahl der Poetinnen und Poeten herauslesen, berichten amerikanische Psychologen in der Fachzeitschrift "Psychosomatic Medicine".

Mit einer Software analysierten Shannon Wiltsey Stirman und James Pennebaker 156 Gedichte von Crane, Plath, Sexton und sechs weiteren Selbstmördern. Als Gegenbeispiel dienten jeweils Werke von Autoren derselben Nationalität und Schaffenszeit, die jedoch nicht von eigener Hand aus dem Leben schieden.

Die lebensmüden Lyriker, so fanden die Forscher, benutzten in ihren Versen deutlich häufiger die Begriffe "ich", "mich" und "mein". Die Bessenheit von der ersten Person Singular steigerte sich bis zum selbstgewählten Ende der schriftstellerischen Karriere. Außerdem ging zumeist der Gebrauch von Kommunikationswörtern wie "reden" oder "hören" zurück, während er bei Dichtern mit stabilerem Gemüt eher zunahm.

"Suizidale Poeten sind stärker von anderen isoliert und beschäftigen sich mehr mit sich selbst", folgert Wiltsey Stirman. Auch bei noch lebenden Dichtern, so die Psychologin von der University of Pennsylvania, lässt sich das Suizidrisiko per Textanalyse ermitteln. Die Methode könne "nützlich sein, Selbstmorde unter Poeten vorherzusagen", spekuliert die Forscherin.

Oft reicht es jedoch schon, die Gedichte zu lesen: "Wäre es nicht gescheiter / auf die Stirn einen Schlusspunkt mit Blei zu setzen?", hatte sich der Russe Wladimir Majakowski bereits früh in Versform gefragt. Im Alter von 36 Jahren fand der schwermütige Revolutionslyriker seine Antwort - und erschoss sich mit einem Revolver.

Martin Paetsch



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