Vergessliche Mütter Söhne sind besser fürs Hirn

Während und nach der Schwangerschaft klagen viele Frauen über Gedächtnisschwächen. Kanadische Forscher haben nun Hinweise dafür gefunden, dass der Grad der Vergesslichkeit vom Geschlecht des Kindes abhängt.


Stillende Mutter: Weniger Gedächtnislücken bei einem Sohn
DDP

Stillende Mutter: Weniger Gedächtnislücken bei einem Sohn

Dass viele Frauen nach der Geburt vergesslich werden, hält manch altgediente Hebamme für eine sinnvolle Einrichtung der Natur. Wer sich kaum noch etwas merkt, kann nicht arbeiten gehen und sich deshalb voll und ganz ums Baby kümmern, lautet die krude Küchenpsychologie. Aus biologischen Müttern würden so zügig richtige Mütter.

Das Phänomen vergesslicher Mütter ist bislang nur wenig erforscht. Die Gedächtnislücken treten häufig schon während der Schwangerschaft auf. Forscher der kanadischen Simon Fraser University in Burnaby konnten jetzt zeigen, dass dieser Effekt vom Geschlecht des Kindes abhängt. Mit einem Jungen schwangere Frauen sind demnach weniger vergesslich als Frauen, die ein Mädchen erwarten.

Claire Vanston und ihr Kollege Neil Watson hatten in einer Studie 39 Frauen während und nach der Schwangerschaft immer wieder zu Gedächtnistests gebeten. Bei den drei schwierigsten der insgesamt acht Tests schnitten Frauen, die einen Jungen erwarteten, deutlich besser ab als Frauen, die eine Tochter bekamen. Dabei hatten andere Faktoren wie die Schulbildung, die Anzahl und das Geschlecht älterer Kinder keinen Einfluss auf das Gedächtnis, schreiben die Forscher im Fachblatt "NeuroReport" (Bd. 16, S. 779). Auch die Händigkeit, die Übelkeit während der Schwangerschaft oder Stimmungsveränderungen und Schlafstörungen spielten keine Rolle.

Vanston und Watson vermuten, dass ein bislang unbekannter Stoff das Gedächtnis bei Schwangeren beeinflusst. Dieser werde vom Kind oder der Plazenta abgegeben, seine Art oder Konzentration unterscheide sich bei Mädchen und Jungen. Bei dem Stoff könnte es sich um das sogenannte humane Choriongonadotropin (hCG) handeln. Er ist je nach Geschlecht des Fötus in unterschiedlicher Konzentration vorhanden: Frauen, die mit einer Tochter schwanger sind, haben deutlich höhere hCG-Werte als Frauen, die einen Sohn erwarten. Da dieser Stoff leicht ins Hirn eindringen kann und dort mit Arealen interagiert, die für das Gedächtnis zuständig sind, könnten Veränderungen des hCG-Spiegels zu den unterschiedlichen Gedächtnisleistungen führen, vermuten die Forscher.



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