Verhalten in Katastrophen Keine Zeit, keine Menschlichkeit

Wie verhalten sich Menschen bei Katastrophen? Wollen sie sich nur selbst retten, oder gibt es immer noch Mitgefühl? Wissenschaftler haben nun zwei berühmte Schiffsunglücke untersucht, das Sinken der "Titanic" und das der "Lusitania". Ihr Fazit: Zeit ist der entscheidende Faktor.

Corbis

Anfang des 20. Jahrhunderts sorgten zwei Tragödien für Schlagzeilen: Der Untergang der "Titanic" im Jahr 1912 und die Versenkung der "Lusitania" 1915. Wissenschaftler um Bruno Frey von der Universität Zürich haben die beiden Katastrophen nun untersucht. Ihr Fazit: In Extremsituationen unter starkem Zeitdruck überwiegen beim Menschen die egoistischen Überlebensinstinkte. Bleibe hingegen noch Zeit zum Abwägen, so setzten sich soziale Normen wie etwa Rücksicht eher durch, berichten die Forscher im Fachmagazin " Proceedings of the National Academy of Sciences".

Am 14. April 1912 sank die "Titanic" bei ihrer Jungfernfahrt im Nordatlantik nach der Kollision mit einem Eisberg. Dabei starben 1517 Menschen. Am 7. Mai 1915 versenkte während des Ersten Weltkriegs ein deutsches U-Boot das britische Passagierschiff "Lusitania", ebenfalls im Nordatlantik. 1198 Personen kamen dabei ums Leben.

Beide Katastrophen gingen in die Annalen der Seefahrt ein, und sie hatten mehrere Parallelen. Nicht nur lagen sie sowohl geografisch und zeitlich gesehen nahe beieinander. Auch war in den Rettungsbooten auf der "Titanic" und der "Lusitania" nicht genügend Platz für alle Menschen vorhanden, und der Anteil von Männern, Frauen und Kindern war auf beiden Luxusdampfern fast identisch.

Aus zahlreichen historischen Quellen ermittelten die Forscher Geschlecht, Alter und Nationalität der Passagiere sowie den Preis, den sie für die Schiffspassage und die gebuchte Klasse bezahlt hatten. Daraus entstand eine Formel, die für einen typischen Passagier die Überlebenswahrscheinlichkeit vorhersagte.

Kinder und Frauen kamen nur auf der "Titanic" zuerst in die Rettungsboote

Ein erheblicher Unterschied zwischen beiden Schiffsuntergängen allerdings war die Zusammensetzung der Überlebenden - und das, obwohl beide Kapitäne die Losung ausgegeben hatten, Kinder und Frauen zuerst in die Boote zu lassen. An diese Vorgabe hielt man sich aber offenbar nur auf der "Titanic". Dort war die Überlebenschance der Frauen um 48,3 Prozent höher als die der Männer. Die der Kinder lag um 14,8 Prozent über derjenigen von Erwachsenen. Auch die Begleitpersonen von Minderjährigen hatten eher das Glück, in einem der Rettungsboote aufgenommen zu werden. Ebenso bekamen Erste-Klasse-Passagiere Vorrechte.

Auf der "Lusitania" war das Bild anders: Hier setzen sich generell die kräftigen 16- bis 35-jährigen Menschen durch. Frauen etwa hatten eine nur um 10,4 Prozent erhöhte Überlebenschance. Auch Standesunterschiede oder soziale Kriterien spielten keinerlei Rolle.

Diese Besonderheit führen Frey und seine Kollegen vor allem auf den Faktor Zeit zurück. Die "Lusitania" war schon nach 18 Minuten unter der Meeresoberfläche verschwunden, der Untergang der "Titanic" zog sich dagegen über zwei Stunden und 40 Minuten hin.

Daraus folgern die Forscher: Die Menschen an Bord der "Lusitania" suchten aufgrund des extremen Zeitdrucks ihr Heil in panischer Flucht. Auf der "Titanic" hingegen blieb den Menschen Zeit zum Abwägen - und es setzte sich die Rücksicht auf schwächere Mitglieder der Gemeinschaft gegen den egoistischen Überlebensinstinkt durch.

Kampf oder Flucht?

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass in der plötzlichen Katastrophe der "Lusitania" die sogenannte Fight-or-Flight-Reaktion (Kampf oder Flucht) dominierte: In Gefahrensituationen veranlasst das Gehirn die Freisetzung von Adrenalin, das zur Überlebenssicherung sofort Herzschlag, Muskelanspannung und Atemfrequenz erhöht. Erst als nach wenigen Minuten die Selbstregulation einsetzte und der Mensch gelassener wurde, regierte wieder das in der Großhirnrinde verortete Bewusstsein über den Instinkt. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung sprechen dafür, dass die Dauer des Untergangs der Luxusliner die unterschiedlichen Verhaltensweisen erklärt.

Allerdings schließen die Wissenschaftler nicht aus, dass weitere Faktoren existieren, die das Rettungsverhalten beeinflusst haben könnten und erst durch weitere Katastrophenanalysen bewertet werden können. So spiele etwa die Konstruktion eines Schiffs eine bestimmende Rolle bei der Evakuierung.

Ein weiterer Punkt: Die Katastrophe der "Titanic" könnte das Verhalten der Passagiere der "Lusitania" beeinflusst haben. Die "Titanic"-Reisenden hatten noch irrtümlich geglaubt, dass ihnen jemand zu Hilfe kommen würde und sich möglicherweise auch deshalb so selbstlos verhalten. Vielen Passagieren der "Lusitania" war die "Titanic"-Katastrophe sicherlich bekannt gewesen, so Frey und seine Kollegen. Somit wussten sie auch, dass sie völlig auf sich allein gestellt waren - was wiederum zu dem verstärkten egoistischen Verhalten beigetragen haben könnte.

lub/dpa/ddp



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