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21. Oktober 2013, 18:31 Uhr

Follikel-Vermehrung

Forscher lassen Haare auf kahler Haut sprießen

Fällt das Haar erst aus, ist der Weg zur Glatze nicht mehr weit. Ein wirksames Mittel gegen den Haarausfall haben Forscher bislang vergeblich gesucht. Jetzt aber könnte Hoffnung sprießen: Im Labor ist es erstmals gelungen, auf kahler menschlicher Haut Haare wachsen zu lassen.

Haarausfall macht allein in Deutschland Millionen Menschen zu schaffen. Entsprechend begehrt wäre ein Gegenmittel. Bislang gibt es jedoch - abgesehen von vermeintlichen Wundermitteln - nichts, was dem Verlust des Schopfes Einhalt gebieten könnte.

Jetzt aber haben Forscher die Ergebnisse eines Experiments veröffentlicht, das zumindest die Hoffnung auf einen Erfolg im Kampf gegen die Glatze weckt - auch wenn der Einsatz am Menschen, falls er denn jemals kommt, noch weit in der Zukunft liegen dürfte.

Das Team um Angela Christano von der New Yorker Columbia University hat Zellen in menschliche Haut verpflanzt, aus denen neue Haarfollikel hervorgegangen sind. Dies ist ein Prozess, der im Körper normalerweise nur vor der Geburt oder nach Verletzungen abläuft. Wie die Forscher im US-Fachblatt "Proceedings of the National Academy" schreiben, haben sie die Zellen aus dem Teil des Haarfollikels entnommen, das Haarbildung und -wachstum steuert. Dann habe man die Zellen in Laborkulturen vermehrt und auf ein Stück menschlicher Haut, das einer Maus auf den Rücken verpflanzt war, transplantiert.

Bislang war eine Haartransplantation, wie sie der Fußballtrainer Jürgen Klopp und wohl auch der FDP-Politiker Christian Lindner haben durchführen lassen, die einzige Möglichkeit der Medizin, das Haar fülliger erscheinen zu lassen. Bei dieser Methode werden die Follikel am Hinterkopf aus der Kopfhaut geschnitten und weiter vorne wieder eingepflanzt. Voraussetzung für den Eingriff ist jedoch, dass die Patienten über genügen Haarfollikel verfügen. Diese Bedingung entfällt bei der neuen Methode, haarbildende Zellen zu züchten und dann zu verpflanzen.

"Rund 90 Prozent aller Frauen mit Haarausfall kommen für eine Transplantation nicht in Frage, weil sie nicht genügen Haare haben, die verpflanzt werden können", sagte die Dermatologin Christiano. Mit dem neuen Verfahren könnte man hingegen mit Zellen des Patienten aus wenigen hundert Haaren eine große Anzahl neuer Haarfollikel entstehen lassen.

Tropfenförmige statt flache Kulturen

Die Wissenschaftler der University of Durham, die an der Studie beteiligt waren, forschen nach eigenen Angaben schon seit rund 40 Jahren daran, menschliche Haarzellen zu klonen. Bislang vergeblich: Weil sie die Zellen nur zweidimensional als Zellrasen in der Petrischale kultivierten, hätten sie sich bei der Vermehrung auf den flachen Kulturen im Labor stets wieder in normale Hautzellen verwandelt, sagte Colin Johada, einer der Autoren des Fachbeitrags. Erst als sie die Zellen dreidimensional in Tropfenform heranzogen, hätten sie ihre haarbildenden Eigenschaften behalten.

Bei Nagetieren sei es schon seit einigen Jahren kein Problem mehr, Haarfollikel zu züchten, zu vermehren und zu verpflanzen. Die Forscher beobachteten, dass die tierischen Zellen im Gegensatz zu den menschlichen während des Kultivierens verklumpten. Daraus schlossen sie, dass die Verklumpung ihre eigene extrazelluläre Umwelt bilde, durch die die Zelle ihre Eigenschaften behält.

Um ihre These zu überprüfen, entnahmen die Wissenschaftler Zellmaterial von sieben männlichen Spendern mit erblich bedingtem Haarausfall. Sie vervielfältigten die Zellen und verpflanzten sie nach einigen Tagen in die menschliche Haut auf dem Rücken der Mäuse. Ohne zusätzliche haarwuchsfördernde Mittel hinzuzugeben, bildeten sich in fünf von sieben Fällen innerhalb von sechs Wochen neue Haarfollikel. DNA-Tests ergaben, dass diese menschlichen Ursprungs waren und genetisch zum jeweiligen Spender passten. "Dieser Ansatz könnte die medizinische Behandlung von Haarausfall verändern", sagte Christiano. Bisherige Therapien könnten den Haarausfall nur verzögern oder das Haarwachstum bestehender Follikel anregen.

Allerdings stellten die Wissenschaftler auch fest, dass die Haare teilweise nicht stark genug gewesen seien, um alle Hautschichten zu durchdringen. Außerdem fehle es bislang an wesentlichen Erkenntnissen, bevor das Verfahren am Menschen erprobt werden könne. "Wir müssen die spezifischen kritischen Eigenschaften der neu eingepflanzten Haare wie Farbe, Wuchsrichtung und Oberflächenstruktur erforschen", sagte Johada.

kbl/dpa

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