Vermeintliche Bourbonen-Relikte Königlicher Kürbis

Philippe Delorme

Ein Kopf sowie das Blut auf einem Taschentuch, versteckt in einem Kürbis, sollen angeblich von zwei französischen Königen stammen. Forscher waren von der Theorie nicht restlos überzeugt. Sie fanden im Erbgut lebender Nachfahren den entscheidenden Hinweis.

Das Taschentuch sollte angeblich das Ende des Ancien Régime bezeugen. Maximilien Bourdaloue behauptete, er sei dabei gewesen, als der französische Regent Louis XVI. im Jahr 1793 seinen Kopf verlor. Mehrere Zuschauer tauchten ihre Taschentücher in die entstandene Blutlache. Bourdaloue steckte das triefende Souvenir in einen getrockneten Kürbis.

Auch Louis' Vorfahr Heinrich IV. (1553-1610) verlor womöglich den Kopf - allerdings erst mehr als zweihundert Jahre nach seinem Tod, als man während der französischen Revolution die sterblichen Überreste früherer Herrscher aus den Gräbern zerrte und die Leichen fledderte. Angeblich endete Heinrichs Kopf ebenso wie das Blut seines Nachfahren als Souvenir.

Kopf und Kürbis blieben lange in Privatbesitz und erschienen erst im Jahr 2010 auf dem wissenschaftlichen Radar. Zu Beginn dieses Jahres legte Carles Lalueza-Fox vom Institut für Evolutionäre Biologie in Barcelona die Ergebnisse einer DNA-Untersuchung beider Bourbonen-Relikte vor. Während das Blut aus dem Kürbis gut erhalten war, hatte der Schädel stark gelitten. Nachdem er angeblich begraben, ausgebuddelt, geschändet und dann noch einmal lange Zeit aufbewahrt worden war, blieb kaum brauchbare DNA zurück. Trotzdem genügten Lalueza-Fox die wenigen von ihm identifizierten Abschnitte Erbgut, um zu verkünden: Ja, es handelt sich um zwei Verwandte. Und damit wahrscheinlich um den ersten und letzten Bourbonen auf dem französischen Thron.

Das Y-Chromosom der Bourbonen

Die Schlussfolgerung überzeugte nicht jeden. Ein Forscherteam um die Forensiker Maarten Larmuseau und Jean-Jacques Cassiman von der Katholischen Universität Leuven und den Historiker Philippe Delorme wollte sich nicht auf den Abgleich kurzer Sequenzen verlassen. Sie machten sich daran, jene Y-Chromosom-Variante zu finden, die - wenn alles mit rechten Dingen zuging - alle Bourbonen tragen. Dazu baten sie drei lebende Nachkommen des Hauses um eine Speichelprobe. Axel von Bourbon-Parma ist über den spanischen König Philip V. mit Heinrich IV. verwandt, ebenso wie sein Großonkel Sixtus Henri. Aus der brasilianischen Kaiserfamilie von Orleáns-Braganza stammt der dritte Nachfahre.

Der letzte gemeinsame Vorfahre der drei war laut Stammbaum König Louis XIII. (1601-1643), der Sohn Heinrichs IV. Tatsächlich bestätigten die Analyseergebnisse der Speichelproben das.

Damit kann der Familienzweig Bourbon-Orleáns aufatmen, denn nun ist Schluss mit den hartnäckigen Gerüchten, dass in der Familie nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Während der französischen Revolution hatte Louis Philippe Joseph d'Orléans (1747-1793) selbst behauptet, gar nicht adelig, sondern das Ergebnis einer Affäre seiner Mutter mit einem Kutscher zu sein. Sein Sohn, Louis Philippe I., bekam Probleme, als eine gewisse Maria Stella sich als Erbin des Hauses Orleáns ausgab. Ihre Eltern hätten sie unmittelbar nach der Geburt gegen den Sohn des Lorenzo Chiappini aus dem italienischen Dorf Modigliana ausgetauscht, weil sie einen Thronerben und kein Mädchen haben wollten. Beide Legenden können nun ad acta gelegt werden. Auch der Ruf von Anna von Österreich (1601-1666) ist wiederhergestellt: Ihre beiden Söhne waren tatsächlich Kinder von Louis XIII. und damit Enkel Heinrichs.

Der letzte gemeinsame Vorfahre lebte vor tausenden von Jahren

Komplizierter wird es jedoch mit Kopf und Kürbis. Wer auch immer das Taschentuch aus der Kalebasse vollblutete, gehörte der genetischen Haplogruppe G(xG1,G2) an, deren Ursprung im Kaukasus liegt. Dort ist sie heute noch weit verbreitet. Die Bourbonen-Sprösslinge aber tragen die Haplogruppe R-Z381, die in den nördlichen Niederlanden und Dänemark am weitesten verbreitet ist. Der letzte gemeinsame Vorfahre des Blutspenders und der drei Bourbonen lebte demnach vor rund 10.000 Jahren.

Doch das sind nahezu enge Familienbande im Vergleich zum Verwandtschaftsverhältnis mit dem Schädel. Bei dem ließ sich lediglich eine Aussage zur mitochondrialen DNA machen, die über die Mutter weitergeben wird. Nach deren Analyse lebte der letzte gemeinsame Vorfahre der Bourbonen und des vermeintlichen Königs vor mehreren zehntausend Jahren.

So ist zwar die Ehre des Hauses der Bourbonen gerettet, die beiden königlichen Souvenirs aber sind als Fälschungen entlarvt. "Das blutige Taschentuch war eine Reliquie von der Hinrichtung eines Königs - zu jener Zeit ein durchaus begehrtes Objekt", schreiben die Forscher im "European Journal of Human Genetics". "Und da einer der Zwecke einer solchen Reliquie war, sich finanziell zu bereichern, ist es nur wahrscheinlich, dass es sich bei dem Spender nicht wirklich den König selber handelte."

Mehr zum Thema


Diskutieren Sie mit!
1 Leserkommentar
joachim_m. 29.10.2013

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.