Vermeintliches Bio-Viagra Experten halten Potenzmittel-Meldung für PR-Coup

Es klingt nach einer medizinischen Sensation: Forscher der Berliner Charité sollen ein Bio-Potenzmittel entwickelt haben, das besser wirkt als Viagra. Doch offenbar sind zahlreiche deutsche Medien dem PR-Coup eines Medizinstudenten aufgesessen, der nebenbei als Pharma-Lobbyist arbeitet.

Seit Sonntag befinden sich viele deutsche Medien in einem Zustand erhöhter Erregung. "Bio fürs Bett - Wissenschaftler entwickeln Potenzpille aus Pflanzen", titelte die Deutsche Presseagentur (dpa). Die Nachrichtenagentur AP meldete: "Pflanzenmix macht Viagra als Potenzmittel Konkurrenz". Tags darauf waren deutsche Zeitungen und Online-Medien voll mit Berichten über den vermeintlichen Bio-Triebverstärker. Die "Süddeutsche Zeitung", "Zeit Online", der "Tagesspiegel", die "Berliner Zeitung", die "Westdeutsche Allgemeine" und eine ganze Reihe weiterer Regionalzeitungen verbreiteten die Meldungen über das vermeintliche Wundermittel, das angeblich schon im Frühjahr 2010 unter dem Namen "Plantagrar" auf den Markt kommen soll.

"Besser fürs Herz! Erektion dank Mutter Natur", jubelte die "Bild" auf der Titelseite. Am Dienstag legte sie nach und erklärte das Mittelchen zur "Sensations-Potenzpille aus der Natur". Sogar die "Times of India" berichtete über das "Gemüse-Viagra" aus Germany. An die Spitze der Bewegung setzte sich die "Welt". Auf der Titelseite des Blattes prangte am Dienstag eine riesige Pille in der bekannten Viagra-Rautenform, nur grün statt blau, und darauf der Name des Bio-Präparats.

Bei dem Pillen-Bild handelte es sich freilich um eine Fotomontage, ein Phantasieprodukt aus dem Computer. Dass die Wirkung des Präparats nach Meinung seriöser Wissenschaftler ebenfalls im Reich der Phantasie zu verorten sein dürfte, erfuhr man überhaupt nicht, weder in der "Welt" noch woanders.

Als erste Zeitung hatte der "Berliner Kurier" am 8. März über das Mittelchen berichtet. Doch erst die Sonntagsmeldungen von dpa und AP wurden flächendeckend übernommen. Tatsächlich klangen die Agenturberichte verlockend: Die berühmte Berliner Universitätsklinik Charité "testet zurzeit erfolgreich eine Potenzpille aus pflanzlichen Bestandteilen", schrieb die dpa. 50 Männern hatten demnach dank des Mittelchens "mehr Lust auf Sex, mehr Spaß im Bett und fühlten sich auch sonst wohler in ihrer Haut".

Heilsamer Durchfall?

Gravierende Nebenwirkungen habe es nicht gegeben - nur ein wenig Durchfall, aber der sei sogar heilsam: Eine mögliche Überdosierung könnte sich "nach Ansicht der Forscher damit auf der Toilette von selbst erledigen". Damit nicht genug: Bei der Einnahme von drei Kapseln täglich sei schon nach 14 Tagen ein Lustgewinn zu verzeichnen - es seien sogar "ganze Gefäße wieder intakt", zitiert die AP Olaf Schröder, 28, Leiter der "klinischen Versuche".

Schröder ist kein Arzt, wie es im "Berliner Kurier" stand, sondern ein Medizinstudent, der eine Doktorarbeit über das Bio-Potenzmittel plant. Bisher hat er lediglich einen Versuch mit Plantagrar durchgeführt. Der zweite ist weder begonnen noch ausgewertet, geschweige denn in einem Fachblatt publiziert und von anderen Experten begutachtet worden.

Dennoch preist Schröder sein Präparat schon jetzt in höchsten Tönen: In der Wirkung auf die Potenz des Mannes sei es Viagra gleichwertig, bei der Libido-Steigerung gar "signifikant überlegen", erklärte der Student SPIEGEL ONLINE. Er habe mit seiner Arbeit aufgezeigt, dass die tägliche Einnahme der Plantagrar-Wirkstoffe die Einnahme sogenannter PDE5-Hemmer, zu denen auch Viagra gehört, "überflüssig machen kann".

Das wäre tatsächlich eine Sensation - zumal es sich bei Plantagrar lediglich um ein diätetisches Lebensmittel handeln soll, das weit geringere Anforderungen erfüllen muss als ein Medikament. Und die Vermarktung eines solchen Bio-Potenzmittels wäre ein äußerst lukratives Geschäft, denn die Nachfrage dürfte gewaltig sein. Dem Pharmariesen Pfizer etwa bescherte der Viagra-Verkauf allein 2008 einen weltweiten Umsatz von fast zwei Milliarden US-Dollar (rund 1,5 Milliarden Euro).

Harsche Kritik von Experten

Experten halten Schröders Behauptungen für höchst zweifelhaft. Denn wäre die Wirkung von Plantagrar tatsächlich genauso stark oder gar stärker als die von Viagra, wäre es ein sogenanntes Phytotherapeutikum - und müsste als Medikament zugelassen werden. Eine Vermarktung als Nahrungsergänzungsmittel wäre passé. "Ein Nahrungsergänzungsmittel darf laut Lebensmittelgesetz keine Stoffe mit pharmakologischer Wirkung enthalten", sagte Christian Steffen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Um einen wissenschaftlich seriösen Vergleich zwischen Plantagrar und Viagra zu ziehen, hätte Schröder laut Steffen seinen Probanden auch Viagra verabreichen und dafür die Genehmigung des BfArM einholen müssen. Doch keines von beiden ist geschehen. Schröder hat lediglich 25 Männern - nicht 50, wie es in der dpa-Meldung und diversen Zeitungen hieß - sein Bio-Potenzmittel gegeben, weiteren 25 ein wirkstofffreies Placebo. Anschließend haben die Teilnehmer die Wirkung von Plantagrar mit ihren Erinnerungen an die Wirkung von Viagra verglichen.

Diese Methode habe mit seriöser Forschung nur wenig zu tun, kritisierte Fritz Sörgel, Direktor des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP). "Ich bin schockiert über diesen skandalösen Vorgang", sagte Sörgel. Er sieht die Charité in einer "unheilvollen Allianz mit Geschäftemachern". Dass die Wirkung des Potenz-Lebensmittels mit der eines Medikaments wie Viagra vergleichbar sei, brauche man "nicht ernsthaft in Erwägung zu ziehen". "Ich fordere die Dekanin der Charité auf, sich von dieser Art 'Forschung' zu distanzieren", so der Nürnberger Professor.

Schröder ist nicht nur Mediziner, sondern arbeitet nebenbei auch als PR-Berater und Lobbyist - für die pharmazeutische Industrie

Auch an die Wirkungen, die den Plantagrar-Inhaltsstoffen in den Medienberichten zugeschrieben werden, mögen Sörgel und Steffen nicht glauben. So soll etwa die Andenpflanze Maca "die Bindungsfähigkeit des Testosterons" steigern. "Entweder Testosteron bindet an Rezeptoren, oder es bindet nicht", meint Steffen. Über Maca wisse man ansonsten nicht viel mehr, "als dass sie ein Pflanze aus den Anden ist, deren Risiko unzureichend bekannt ist".

Ähnlich verhalte es sich mit Erd-Burzeldorn (Tribulus terrestris), der ebenfalls in Plantagrar enthalten sein soll. Ob der Extrakt aus der Pflanze tatsächlich, wie oft behauptet, die Menge des Sexualhormons Testosteron im Blut oder die Menge des Spermas erhöhen kann, ist laut Steffen fraglich. Die entsprechenden Originalstudien seien nicht in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht worden. Obwohl aus der Dopingszene bekannt, sei Tribulus terrestris im Sport nicht als Dopingmittel verboten - weil keine eindeutigen wissenschaftlichen Daten zur Testosteronerhöhung existierten. Auf Basis dessen, was bisher über das Berliner Bio-Potenzmittel zu lesen sei, ist laut Steffen "von keiner seriösen Studie auszugehen". Das BfArM hat inzwischen Informationen von der Charité angefordert, um den Vorgang zu prüfen.

Dpa kündigt interne Prüfung an

Mit der bundesweiten Medienpräsenz ist Schröder ein PR-Coup gelungen, der in dieser Form Seltenheitswert hat. Und mit Medien kennt sich der Student offenbar aus: In seinem Benutzerprofil bei "Xing", einem der größten sozialen Internet-Netzwerke Deutschlands, firmiert Schröder als "Repräsentant" unter anderem der pharmazeutischen Industrie. Er bietet "PR- und Lobbyberatung Schwerpunkt Gesundheits- und pharmazeutische Industrie" sowie Medienkontakte an.

Schröder selbst erklärt dazu, sein Xing-Profil kaum zu benutzen. Es habe dazu gedient, "neue Aufträge stärker in Richtung pharmazeutischer Industrie zu akquirieren". Zur Finanzierung seines Studiums habe er "indirekt" für Pharmaunternehmen oder bei Redaktionen mit Gesundheitsseiten gearbeitet und Kliniken bei der Suche nach ausländischen Patienten und bei ihren PR-Auftritten beraten. Dem Unternehmen, das sein Potenzmittel ab 2010 vermarkten soll, sei er aber "keineswegs verbunden".

Bleibt die Frage, warum dpa und AP die Behauptungen Schröders ungeprüft verbreitet haben. Dpa-Sprecher Justus Demmer sagte auf Anfrage, die Pressestelle der Charité habe Schröder als Ansprechpartner genannt. Warum die Meldung inhaltlich vor der Veröffentlichung nicht genauer geprüft worden sei, versuche man derzeit intern zu klären.

AP-Chefredakteur Peter Gehrig sagte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, seiner Agentur seien keine handwerklichen Fehler unterlaufen. Schröder habe sich der Redaktion als Mitarbeiter der renommierten Charité und als Studienleiter vorgestellt. "Wir mussten davon ausgehen, dass der Mann ein legitimer Verbreiter von Informationen ist."

Auch Hans-Peter Buschheuer, Chefredakteur des "Berliner Kurier" - dessen Artikel die dpa nach eigenen Angaben zum Anlass ihrer Meldung genommen hatte - meldete sich zu Wort. Ein öffentlich-rechtlicher Radiosender habe noch früher als der "Kurier" über das Bio-Potenzmittel berichtet, so Buschheuer. "Wir werden der Sache natürlich erneut nachgehen und berichten, wenn es sich wirklich um einen Fake handelt."

Charité distanziert sich von Potenzmittel-Studie

Die Charité hat sich inzwischen vom Vorgehen Schröders distanziert. In einer am Dienstag auf der Website der Klinik veröffentlichten Erklärung heißt es, bei der Potenzmittel-Studie handele es sich "um die Aktivität eines Mitarbeiters der Charité in eigener Verantwortung". Die Übereinstimmung mit den Richtlinien der Charité zur guten wissenschaftlichen Praxis werde derzeit überprüft. "Die Nennung eines Produktnamens in Zusammenhang mit den Untersuchungen entspricht nicht den wissenschaftlichen Standards der Charité", heißt es in der Stellungnahme weiter. "Die Charité behält sich vor, hierauf geeignet zu reagieren und schließt auch rechtliche Schritte nicht aus." Weiterhin sei Schröder "nicht berechtigt, Erklärungen für die Charité abzugeben".

Schröder selbst erklärte auf Anfrage, das Institut für Transfusionsmedizin und dessen Direktor Holger Kiesewetter - der auch Schröders Doktorvater ist - seien über die Nebentätigkeiten informiert worden. Die Veröffentlichung der bisherigen Ergebnisse "geschah ausdrücklich mit Zustimmung der Charité", so Schröder. Sowohl die Pressestelle als auch das Institut für Transfusionsmedizin seien im Bilde gewesen.

Die Nebenwirkungen des Bio-Potenzmittels waren im Übrigen auch ein wenig heftiger, als es in den bisherigen Berichten den Anschein hatte. Bei den 25 Probanden, die das Mittel eingenommen hatten, kam es laut Schröder in sieben Fällen zum Durchfall - "allerdings intensiverer Natur", wie der Student einräumt: "nicht kalkulierbar und explosionsartig".

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