Verrückte Experimente Wenn Forscher Crash-Test-Dummy spielen

Wissenschaft abgedreht: Können Einjährige Rollschuhlaufen lernen? Riecht der Mensch in Stereo? Kann eine Maschine kitzeln? Der Schweizer Journalist Reto Schneider beschreibt in seinem neuen Buch absurde Experimente, die zum Teil Wissenschaftsgeschichte geschrieben haben.

Forschen ist ein mühsames Geschäft. Abgesehen von der Mathematik und den Geisteswissenschaften, wo mitunter ein Blatt Papier und ein Stift ausreichen, muss jede Aussage in einem Experiment bewiesen werden. Weil Wissenschaftler aber auch mal seltsame Fragen stellen, nehmen Experimente mitunter bizarre Züge an.

2006 schickten beispielsweise Forscher der University of California in Berkeley 32 Freiwillige mit verbundenen Augen auf eine Wiese. Die Probanden sollten eine zehn Meter lange Duftspur erschnüffeln - wie ein Spürhund. Das Ergebnis des Experiments: Der Mensch kann tatsächlich in Stereo riechen. Ähnlich absurd erscheint die Frage, die sich 1994 ein US-Wissenschaftler stellte: Kann eine Maschine kitzeln? Versuche mit einem eigens konstruierten Kitzelroboter  brachten die eindeutige Antwort: Ja, sie können.

Einen Nobelpreis gewinnt man mit derart schrägen Untersuchungen eher nicht - womöglich aber den sogenannten Ig-Nobelpreis . Der wird seit 1993 verliehen und sorgt seitdem immer wieder für Schlagzeilen. Für die Erkenntnis, dass ein Gorilla-Kostüm Männer unsichtbar macht, gab's den Spaßnobelpreis, ebenso wie für die Entdeckung, dass Cola Spermien tötet.

Der Schweizer Wissenschaftsjournalist Reto Schneider hat jetzt ein neues Buch über die wenig bekannten Absurditäten des Forscherlebens veröffentlicht. "Das neue Buch der verrückten Experimente" vereint Artikel, die in "NZZ Folio" erschienen sind, mit neuen Texten. Hunde, Babys, Kleinkinder - sie alle mussten im Dienste der Forschung antreten. Manches Experiment würden Wissenschaftler heutzutage wohl aus ethischen Gründen ablehnen - aber in den fünfziger Jahren galten noch andere Maßstäbe. Mehr als hundert Geschichten enthält das Buch. SPIEGEL ONLINE präsentiert drei Texte und zeigt zusätzlich Videos der Experimente - viel Spaß beim Lesen!

Kinderförderung: Die ungleichen Zwillinge

Johnny und Jimmy Woods kamen am 18. April 1932 ohne Komplikationen zur Welt: zuerst Johnny mit den Füßen voran, 16 Minuten und 30 Sekunden später Jimmy in Normalposition. Die Mutter Florence Woods war 32 Jahre alt und hatte schon fünf Kinder, für die ihr Mann Dennis als Taxifahrer in New York kaum genug Geld nach Hause brachte. Die Familie war von der Sozialhilfe abhängig und lebte in einer Wohnung ohne Heizung an der Amsterdam Avenue in New York.

Deshalb musste Florence Woods das Angebot eines seltsamen Experiments als Geschenk des Himmels empfunden haben: Eine Psychologin namens Myrtle McGraw wollte an Johnny und Jimmy studieren, wie sich Fördermaßnahmen auf die motorische Entwicklung von Kindern auswirken.

Dieses Projekt erforderte, dass die Zwillinge fünf Tage pro Woche von neun bis fünf Uhr unter der Obhut von McGraw oder in einem Hort verbrachten - eine Art Gratiskrippenplatz in bester Umgebung. Überdies würden Johnny und Jimmy später ein Stipendium an der Columbia University erhalten.

Myrtle McGraw erforschte in der Säuglingsabteilung des Columbia Presbyterian Medical Center in New York die Entwicklung von Kindern. Sie war es zum Beispiel, die herausfand, dass Säuglinge in den ersten Monaten einen angeborenen Tauchreflex zeigen, der sie instinktiv die Luft anhalten lässt, wenn sie ins Wasser tauchen. Zu den Fragen, die sie besonders interessierten, gehörte: Lässt sich durch gezieltes Training beeinflussen, wann die Stadien auftreten, die ein heranwachsender Säugling in seiner Motorik durchläuft?

Prominente Wissenschaftler wie der Psychologe Arnold Gesell vertraten die Meinung, die motorische Entwicklung von Kindern folge einem von der Natur vorgegebenen Muster, das kaum beschleunigt werden könne. McGraw war davon nicht überzeugt und überlegte sich, wie sie die Wirkung frühen Trainings testen könnte.

Die einfachste Methode war, den Effekt unterschiedlicher Fördermaßnahmen an zwei genau gleichen Säuglingen zu beobachten. Solche Wesen gibt es zwar nicht, aber eineiige Zwillinge kamen dieser Voraussetzung recht nahe. Eineiige Zwillinge haben das gleiche Erbmaterial. Falls sie sich unterschiedlich entwickeln, kann der Grund also nicht in ihrer Natur liegen, sondern muss auf Umwelteinflüsse - zum Beispiel McGraws Fördermaßnahmen - zurück gehen.

Unter welchen Umständen Florence Woods und Myrtle McGraw zum ersten Mal zusammentrafen, ist nicht bekannt. Aber es muss im Winter 1932 gewesen sein, nachdem Mrs. Woods - im siebten Monat schwanger - erfahren hatte, dass sie zwei Kinder austrug. McGraw wird ihr erklärt haben, wie das Experiment ablaufen würde: Vom zwanzigsten Tag nach der Geburt an sollte der eine Zwilling ein rigoroses Förderprogramm durchlaufen, der andere während derselben Zeit vor allem in einer Krippe mit höchstens zwei Spielzeugen liegen. In regelmäßigen Abständen durchgeführte Tests würden zeigen, was das Training bewirkte.

Weil Johnny bei der Geburt schlechter entwickelt war und auch weniger Gewicht auf die Waage brachte als Jimmy, wählte McGraw ihn für das Förderprogramm aus. Er bekam Schwimmunterricht, übte, über Hindernisse zu klettern und von Podesten zu springen, lernte, Kisten zu stapeln. Die Wirkung ließ nicht auf sich warten: Mit 15 Monaten vollführte Johnny einen Hecht von einem 1,50 Meter hohen Sprungbrett, mit 17 Monaten schwamm er vier Meter unter Wasser, mit 21 Monaten kletterte er von einem 1,60 Meter hohen Podest, und mit 22 Monaten kroch er mühelos eine 70 Grad steile Rampe empor.

Von all seinen Leistungen war Johnnys Geschick im Rollschuhlaufen am erstaunlichsten. Anlässlich eines Treffens der American Psychological Association 1934 zeigte McGraw einen Film, in dem er auf Rollschuhen die Gänge der Klinik unsicher macht. Die Idee, Johnnys Balance zu beurteilen, indem sie ihn auf Rollschuhe stellte, bezeichnete McGraw später als ihren größten Fehler: Nicht, weil die Methode falsch gewesen wäre, sondern weil ein Säugling auf Rollschuhen für Journalisten ein gefundenes Fressen war.

"Das beste Alter, das Rollschuhlaufen zu lernen, ist sieben Monate", erklärte die Reno Evening Gazette ihren Lesern, und die New York Times schrieb: "Konditioniertes Kind beweist Überlegenheit." Tatsächlich schienen die ersten Resultate die Wirksamkeit des Trainings zu beweisen.

Als die Zwillinge 22 Monate alt waren, konnte das Experiment nicht in der gleichen Form weitergeführt werden. Jimmy quengelte ständig und wurde immer unzufriedener mit seinen restriktiven Spielmöglichkeiten. In einem Intensivprogramm wurde er in den darauf folgenden zweieinhalb Monaten in allem unterwiesen, was Johnny von Geburt an gelernt hatte. Das Resultat war überraschend: Jimmy schloss praktisch in allen Disziplinen zu Johnny auf. Danach lebten die beiden zu Hause, kamen aber zu regelmäßigen Tests in die Klinik, bis sie zehn Jahre alt waren.

Führende Lehrbücher bezeichnen McGraw heute als Anhängerin der Reifungstheorie. Ihr Experiment habe klar gezeigt, dass die Lernbereitschaft letztlich genetisch gesteuert sei und dass eine frühe Förderung letztlich keinen Vorteil bringe. Man müsse einfach warten und die Kinder reifen lassen.

McGraw fühlte sich in dieser Hinsicht missverstanden, weil man ihrer Meinung nach keine allgemein gültigen Aussagen zur Wirksamkeit der Frühförderung machen könne, "da verschiedene Fähigkeiten ganz unterschiedlich bewahrt werden oder verloren gehen". Persönlich war McGraw überzeugt davon, dass die bessere Körperkoordination, die Johnny im Erwachsenenalter zeigte, auf das Training zurückging.

Die Presseleute gaben dem Experiment von Anfang an einen eigenen Dreh. "Johnny ist ein Gentleman, Jimmy ist ein Idiot", titelte der Literary Digest 1933 und spielte damit auf die Intelligenz und Persönlichkeit der Zwillinge an, obwohl McGraws Studie sich einzig um die motorische Entwicklung drehte.

Die Studie verlor bei den Journalisten rasch an Interesse - vielleicht weil sie keine einfachen Antworten gab, etwa auf die Frage, ob Natur oder Erziehung die wichtigere Rolle spielten. In vielen Artikeln wurde die Autorität der Psychologie in Sachen Kindererziehung infrage gestellt.

"'Normaler' Jimmy ist 'wissenschaftlichem' Johnny überlegen", schrieb eine Zeitung; eine andere: "Normaler Zwilling herrscht über 'Superbaby'." Den Experten sei es peinlich, dass ihren Theorien ein Schlag versetzt worden sei, war in einem Artikel zu lesen. Die Zeitung bezog sich dabei auf die Tatsache, dass Johnny zwar intelligenter sein mochte, zu Hause aber Jimmy das Sagen hatte und seinen Bruder "für sich arbeiten ließ. ... Jimmy scheint alle Qualifikationen eines Managers zu haben und Johnny alle Fähigkeiten eines sachkundigen Untergebenen."

Der Vergleich aus der Geschäftswelt war natürlich lächerlich, aber McGraw hatte selbst einmal gesagt, Johnnys Förderprogramm sei "eine schlechte Vorbereitung auf das raue Leben in einer Großfamilie". Zudem war nicht zu verhindern, dass die Eltern Jimmy aus Mitleid zu Hause stärker förderten als Johnny.

Die Journalisten besuchten Johnny und Jimmy zu Hause und begleiteten sie jedes Jahr auf ihrem traditionellen Geburtstagsausflug in den Zirkus. Als die Zwillinge mit sieben in die Schule kamen, schrieb die New York Times: "Nachdem er seit seiner frühsten Kindheit 'wissenschaftlich konditioniert' und beobachtet worden war, nahm John Woods gestern Rache an der Wissenschaft, indem er ausrief: "Ich hasse die Schule!"

"Die Presse sammelte sich, um Jimmy zu unterstützen, als ob er der Underdog in einem undemokratischen Experiment sei", schrieb der Wissenschaftshistoriker Paul M. Dennis vom Elizabethtown College in Pennsylvania, der die Medienberichterstattung über McGraws Experiment untersuchte.

Die entscheidende Frage vergaßen die Journalisten aber zu stellen, und McGraw wies sie aus naheliegenden Gründen nicht darauf hin. Einige Monate nach der Geburt zeigte sich nämlich, dass Johnny und Jimmy sich körperlich nicht so ähnlich waren, wie es eineiige Zwillinge hätten sein sollen. Bereits McGraw erwähnt in ihrer Studie, dass Johnny und Jimmy zweieiig sein könnten. Heute gilt das als praktisch sicher.

1932 gab es noch keine Möglichkeit, den Status von Zwillingen zweifelsfrei zu überprüfen. Als Hinweis auf Eineiigkeit galt, wenn Zwillinge an einer einzigen Plazenta hingen. Darauf hatte man bei der Geburt von Johnny und Jimmy zwar geachtet, aber nicht bemerkt, dass bei ihnen wohl zwei Plazenten zu einer zusammengewachsen waren.

Das zentrale Ziel der Studie - Gene und Umwelteinflüsse auseinanderzuhalten - wurde verfehlt. Später unternahm McGraw ein zweites Experiment mit zwei Mädchen, Florie und Margie, von denen man sicher war, dass sie eineiig waren. Die Resultate dieser Studie sind nirgends zu finden.

Myrtle McGraw blieb noch bis 1942 am Columbia Presbyterian Medical Center und widmete sich dann für zehn Jahre ihrer Familie, bevor sie wieder an einer Universität zu unterrichten begann. Sie starb 1988. Über Johnny und Jimmy ist wenig Näheres bekannt. Johnny soll laut Victor W. Bergenn, einem früheren Mitarbeiter von McGraw, 1980 gestorben sein, Jimmy könnte noch am Leben sein.

Dann wäre er jetzt 77 Jahre alt.

Crashtest: Der schnellste Bremser der Welt

Colonel John Paul Stapp war kein Aufschneider. Sonst hätte er seinem 1955 im Journal of Aviation Medicine erschienenen Artikel einen spektakuläreren Titel gegeben als "Die Wirkung von mechanischer Kraft auf lebendes Gewebe". Das "lebende Gewebe" war nämlich er selbst, und die "Wirkung der mechanischen Kraft" hatte sich in Prellungen, blutunterlaufenen Augen und gebrochenen Knochen geäußert.

1947 flog Chuck Yaeger mit dem Jet X-1 als erster Mensch schneller als der Schall. Im selben Jahr begann sich Stapp als Militärarzt mit der Frage zu beschäftigen, wie es einem Piloten wohl erginge, wenn er bei solchen Geschwindigkeiten sein Flugzeug im Schleudersitz verlassen müsste. Ein gewaltiger Luftstrom würde seinen Körper treffen und ihn augenblicklich abbremsen. Konnte ein Mensch diese Belastung überleben? Stapp beantwortete die Frage mit kühnen Versuchen, zuerst auf der Luftwaffenbasis Edwards in Kalifornien, dann auf jener von Holloman in New Mexico.

Für die ersten Tests 1947 mit dem Raketenschlitten "Gee Whiz" waren Schimpansen vorgesehen. Als sie nicht rechtzeitig eintrafen, stellte sich Stapp als Versuchskaninchen zur Verfügung. Wegen seines eigenwilligen Verhaltens versuchten ihn seine Vorgesetzten immer wieder zurückzuhalten - ohne Erfolg.

Das gewagteste und letzte Experiment, das Stapp beinahe das Augenlicht kostete, fand am 10. Dezember 1954 statt. Um die Mittagszeit ließ sich Stapp von seinen Mitarbeitern im Raketenschlitten "Sonic Wind" anschnallen. Am Ende der einen Kilometer langen Gleise konnte er ein Ambulanzfahrzeug sehen.

Der Schlitten war nicht viel mehr als ein auf Schienen geführter Stuhl, mit neun Raketen im Rücken, die auf einem zweiten Schlitten montiert waren. Sie beschleunigten Stapp so stark, dass das Blut aus seiner Netzhaut wich: 1,5 Sekunden nach dem Start wurde ihm schwarz vor Augen.

3,5 Sekunden später - Stapp war jetzt mit 1017 km/h unterwegs - setzten die Bremsen ein: Eine Art Schaufeln griffen in das lange Wasserbecken zwischen den Schienen am Ende des Gleises und brachten den Schlitten in 1,4 Sekunden zum Stillstand; es war, wie mit 100 km/h in eine Mauer zu fahren - bloß dauerte es 18-mal länger.

Am Anfang des 210 Meter langen Bremswegs kehrte das Augenlicht für einen grellen Moment zurück. Doch die Gefäße hielten dem Druck, mit dem das Blut in die Augen schoss, nicht stand und platzten. Stapps Sicht färbte sich lachsrot, seine Augen rissen an Muskeln und Sehnerv. Sie schmerzten, "wie wenn ein Zahn ohne Betäubung gezogen wird".

Nachdem der Schlitten zum Stillstand gekommen war, befreiten die Helfer Stapp aus seinem Feuerstuhl. Mit den Händen griff er sofort nach den Augenlidern. Er glaubte, er sehe nichts, weil sie geschlossen seien, doch sie waren offen. "Jetzt ist es passiert", dachte er, "ich kann nicht mehr sehen". Stapp war sich des Risikos, bei den Versuchen zu erblinden, durchaus bewusst. Seine Augen hatten schon bei früheren Versuchen unter der Belastung gelitten.

Doch auf dem Weg ins Spital erholte sich seine Sehfähigkeit allmählich wieder. Die Untersuchung zeigte die üblichen blauen Flecken, wo die Gurte verliefen, und kleine Wunden, verursacht durch Sandkörner, die mit der Geschwindigkeit von Gewehrkugeln durch die Kleider drangen.

Anders als bei einigen seiner 28 früheren Versuche hatte er bei diesem keine Knochen gebrochen. Stapp war kurzzeitig einer Belastung von über 40 G ausgesetzt. Er hatte mit mehr als dem 40-Fachen seines Körpergewichts in den Gurten gehangen. Lange Zeit glaubte man, ein Mensch könne nicht mehr als 18 G überleben.

Die Versuche hatten nicht nur ein verbessertes Design von Pilotensitzen und Gurten in Flugzeugen zur Folge, Stapp war auch ein Vorkämpfer für Sicherheitsgurte in Autos. Er führte auf Kosten der Armee die ersten Crashtests mit PKWs durch. Als seine Vorgesetzten dagegen protestierten, rechnete er ihnen vor, dass mehr Militärpiloten bei Autounfällen ums Leben kämen als bei Flugzeugabstürzen. In den Jahren vor seinem Tod 1999 war er Vorsitzender der "Dr. Stapp International Car Crash Conference".

Die kühnen Versuche machten Stapp berühmt. Er trat im Fernsehen auf, und sein Bild erschien auf dem Titel von Time. Kein Wunder, dass sich die Zeitungen Stapps Fehltritt 1956 nicht entgehen ließen: Am 9. März konnte man in den Alamogordo Daily News lesen, dass der "schnellste Mann der Welt" von der Polizei erwischt worden war, als er 60 km/h zu schnell fuhr. Der Friedensrichter hob die Buße auf und erließ eine neue gegen einen fiktiven "Captain Ray Darr", die er aus seiner eigenen Tasche bezahlte.

Stapps Experimente führten zu einem Nebenprodukt, das seine eigene Berühmtheit weit übertraf. Zu Beginn der Versuche 1949 wurde eine von einem Ingenieur namens Edward A. Murphy entwickelte Messsonde falsch am Raketenschlitten montiert. Stapp, der bekannt dafür war, ständig neue Redewendungen zu erfinden, brachte darauf "Murphy's Law" ("Murphys Gesetz") in Umlauf, das bald darauf seinen Siegeszug durch die Populärkultur antrat: "Wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es schief."

Psychologie: Warum hilft niemand?

Am 27. März 1964 druckte die New York Times einen der schockierendsten Artikel in ihrer 155-jährigen Geschichte. Er begann mit dem Satz: "Mehr als eine halbe Stunde lang schauten 38 achtbare, gesetzestreue Bürger in Queens zu, wie ein Mörder eine Frau in Kew Gardens belästigte und auf sie einstach." Die Frau hieß Kitty Genovese. Sie war 28 Jahre alt und starb in dieser Nacht.

Es war nicht so sehr ihr Tod, der die Leserinnen und Leser erschütterte - dafür kamen solche Verbrechen in New York zu häufig vor -, es war die Reaktion der Nachbarn. Laut dem Zeitungsbericht hatte die Frau wiederholt um Hilfe gerufen, doch hatte keiner der Bewohner, die aus den Fenstern blickten, während des Angriffs die Polizei alarmiert.

Nach den Gründen für die Passivität befragt, gab einer später an: "Ich wollte da nicht hineingezogen werden." Während die Medien die 38 Zeugen kollektiv als unbarmherzige Charakterlumpen darstellten und die Politiker den moralischen Zerfall der amerikanischen Gesellschaft beklagten, trafen sich zwei junge Psychologen in New York zu einem Abendessen. John Darley und Bibb Latané unterhielten sich fast den ganzen Abend über den Fall Kitty Genovese. "Wir betrachteten die Reaktion der Zeugen aus dem Blickwinkel der Sozialpsychologie. Nicht wie die Zeitungen, die sie als Monster abstempelten", erinnert sich Darley.

Die beiden konnten nicht glauben, dass alle Zeugen überdurchschnittlich schlechte Menschen waren. Dagegen sprach schon ihre große Zahl: 38! Als Sozialpsychologen misstrauten Darley und Latané grundsätzlich allen Erklärungen, welche die abnorme Persönlichkeit Einzelner für das Verhalten einer Gruppe verantwortlich machten. Vielmehr überlegten Darley und Latané, mit welchen ganz normalen Gruppenprozessen sich die Ereignisse jener Nacht erklären ließen. Sie stießen auf zwei Möglichkeiten:

  1. Die Diffusion von Verantwortung: Je mehr andere Leute zugegen sind, desto weniger fühle ich mich in der Verantwortung zu helfen.
  2. Das Definitionsproblem: Wenn die anderen nicht helfen, die vielleicht mehr wissen als ich, wird es sich wohl nicht um einen Notfall handeln.

Doch wie ließen sich diese Hypothesen prüfen? An diesem Abend begannen Darley und Latané mit der Planung dessen, was sich später als die berühmtesten Experimente ihrer Karriere erweisen sollte. John Darley ist darüber heute etwas unglücklich: "Kein Forscher ist gerne für etwas bekannt, was er vor langer Zeit vollbracht hat."

Um herauszufinden, ob es den Diffusionseffekt wirklich gab, galt es eine Situation zu schaffen, in der dieser nicht vom Definitionsproblem überlagert wurde: weil die Forscher andernfalls nie herausfänden, welcher der beiden Effekte wie viel zur Passivität der Zeugen beitrug. Wie beim Mord an Kitty Genovese mussten Darley und Latané eine Notfallsituation kreieren, in der die Leute zwar wussten, dass andere Leute zugegen waren, in der sie aber deren Reaktion nicht beobachten konnten. Die Zeugen des Mordes konnten ja nicht wissen, ob einer der anderen Zeugen, die am Fenster standen, bereits etwas unternommen hatte.

Die Lösung war wohl durchdacht: Wenn eine Versuchsperson ins Labor kam, fand sie einen langen Gang vor, von dem mehrere Kabinen abgingen. Der Versuchsleiter begleitete sie in eine davon, forderte sie auf, einen Kopfhörer mit Mikrofon anzulegen. Über den Kopfhörer erklärte er ihr dann, dass sie an einer Gruppendiskussion über Probleme des Studentenlebens teilnehme. Weil es vielen Leuten leichter falle, offen zu reden, wenn sie einander nicht sähen, säßen die anderen Gesprächsteilnehmer - über Kopfhörer und Mikrofon mit ihr verbunden - in Nachbarkabinen.

In Wirklichkeit verhinderte die Isolation, dass sie sehen konnte, wie die anderen Gesprächsteilnehmer auf den nachfolgenden Notfall reagierten. Der Versuchsleiter erklärte nun, er selbst werde der Diskussion nicht zuhören, da sich das als gesprächshemmend erweisen könnte. Der Gesprächsverlauf werde von einem automatischen Schalter gesteuert. Alle Diskussionsteilnehmer hätten der Reihe nach zuerst zwei Minuten Zeit, um über ihre Probleme zu sprechen. Danach bekämen sie noch einmal je zwei Minuten, um das Gehörte zu kommentieren. Während einer sprach, seien die Mikrofone aller anderen ausgeschaltet.

Was die Versuchsperson nicht wusste: Alle Stimmen kamen vom Band. Die erste gehörte einem jungen Mann, der von den Schwierigkeiten erzählte, sich an das Leben in New York zu gewöhnen. Er erwähnte auch, dass er epileptische Anfälle hatte, wenn er unter Stress geriet. Es folgten Gesprächspartner (vom Band) und am Schluss der Versuchsteilnehmer.

In der zweiten Runde begann die erste Stimme zu stammeln: "Ich ... äh ... um ... ich glaube, ich ... ich brauche ... äh ... äh ... jemanden äh ... äh ... äh ... äh ... äh ... äh ... äh." Nach etwa 70 Sekunden war klar, dass der Student einen epileptischen Anfall hatte: "K... könnte jemand ... äh ... äh ... mir ... eh ... helfen [hustet]? Ich ... sterbe."

Der Versuchsleiter stoppte die Zeit, welche die Versuchsperson vom Beginn des Gestammels an brauchte, bis sie ihre Kabine verließ, um zu helfen. Die Resultate waren erstaunlich klar: Von den Versuchspersonen, denen man gesagt hatte, sie führten ein Zweiergespräch (mit dem Opfer des epileptischen Anfalls), eilten 85 Prozent zu Hilfe - nach durchschnittlich 52 Sekunden. Wenn man die Versuchspersonen glauben ließ, es gebe einen weiteren Gesprächspartner, reagierten bloß noch 62 Prozent - nach durchschnittlich 93 Sekunden. Bei sechs Gesprächsteilnehmern schließlich kamen gerade mal 31 Prozent aus ihren Kabinen - nach über zwei Minuten.

Tatsächlich scheint die Verantwortung in Notfällen umso stärker zu diffundieren, je mehr Leute zugegen sind. Die Situation ist paradox: Ein Opfer sollte nicht darauf hoffen, dass möglichst viele Leute seinen Unfall beobachten, sondern möglichst wenige - am besten nur eine einzige Person.

Es war also ironischerweise ausgerechnet die große Zahl der Zeugen, die beim Mord an Kitty Genovese verhinderte, dass sie Hilfe erhielt. Hätte ihre Rufe nur ein Nachbar gehört, wäre sie vielleicht noch am Leben. Oder doch nicht? Mehr als vierzig Jahre nach dem Artikel in der New York Times stellte sich nämlich heraus, dass es der Reporter mit der Schilderung der Ereignisse nicht besonders genau genommen hatte.

Der Anwalt Joseph De May, der in seiner Freizeit die Fakten einer akribischen Prüfung unterzog, kam zu dem Ergebnis, dass vieles von dem, was der Journalist geschrieben hatte, nicht stimmte: Zum Beispiel hatten die meisten der 38 Augenzeugen gar nichts gesehen, manche hatten zwar etwas gehört, dieses aber für den lautstarken Streit eines Paares gehalten.

Auch konnte der Großteil des Angriffs von den Fenstern aus gar nicht beobachtet werden, weil er auf der anderen Seite des Hauses stattfand. Und überdies hatte sogar einer der Zeugen die Polizei alarmiert. Eines der bedeutendsten Experimente der Sozialpsychologie hat seinen Ursprung in einem zu dick aufgetragenen Artikel der New York Times.

Das ändert allerdings nichts an den beeindruckenden Resultaten. Auch die zweite Hypothese, das Definitionsproblem, konnten Darley und Latané klar belegen. Dazu ließen sie Versuchspersonen einen Fragebogen ausfüllen - in einem Raum, aus dessen Belüftung plötzlich dicker Rauch quoll. Waren die Versuchspersonen allein, meldeten drei Viertel von ihnen den Rauch innerhalb von zwei Minuten. Waren die Versuchspersonen zu dritt, alarmierten nur noch 13 Prozent sofort den Versuchsleiter.

Einige blieben selbst dann noch ruhig sitzen, als der ganze Raum mit Rauch gefüllt war und sie den Fragebogen kaum noch sehen konnten. Offenbar dachte jeder: Wenn der andere den Rauch nicht als Notfall definiert, wird es wohl keiner sein - ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass ein Notfall nie als solcher erkannt wird, wenn alle so denken.

Was kann man gegen diese lähmende Eigenschaft der menschlichen Natur tun? "Einem Opfer kann man nur empfehlen, eine einzelne Person aus einer Gruppe um Hilfe zu bitten, weil so die Diffusion der Verantwortung aufgebrochen wird", sagt Darley. Bei Rettungsschwimmern in den USA wird das Definitionsproblem in der Ausbildung behandelt. Ein Lebensretter darf sich nie an den Reaktionen anderer Leute orientieren, um herauszufinden, ob der Schwimmer da draußen wirklich in Schwierigkeiten ist oder nur herumplanscht.

Einen Weg, die Leute zum Eingreifen zu bewegen, haben Sie eben selbst beschritten, indem Sie diesen Abschnitt lasen: Versuchspersonen, die das Experiment von Darley und Latané kannten, halfen in einem Notfall fast doppelt so häufig wie die anderen.

hda
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