Verschollener Pol-Entdecker Tauchroboter suchen Amundsens Ozeangrab

Sein Flugzeug stürzte ins Meer bei Spitzbergen: Seit fast 81 Jahren fehlt jede Spur des Pol-Bezwingers Roald Amundsen. Nun will ein norwegisches High-Tech-Kommandounternehmen doch noch die Überreste seiner Maschine finden. Mit beteiligt: zwei hochmoderne Tauchroboter.

Norwegischer Kapitän Helge Telle mit Tauchroboter: Suche nach "Latham 47.02"
dpa

Norwegischer Kapitän Helge Telle mit Tauchroboter: Suche nach "Latham 47.02"

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Schon der Start sah irgendwie sonderbar aus. Als das Flugboot "Latham 47.02" am Nachmittag des 18. Juni 1928 das nordnorwegische Tromsø verließ, bemerkten Schaulustige, dass die voll beladene Maschine sehr lange brauchte, um abzuheben. An Bord des französischen Doppeldeckers war ein Star: Norwegens Nationalheld Roald Amundsen, der Bezwinger des Südpols.

Zusammen mit einer französisch-norwegischen Besatzung unter Führung des Piloten René Guilbaud brach er zu einer Rettungsmission auf: Es galt, den italienischen Luftschiffkapitän Umberto Nobile und dessen Mannschaft zu finden. Sie waren mit ihrem Luftschiff "Italia" nach einer Nordpolexpedition im Mai 1928 verunglückt.

Amundsen kannte Nobile gut. Mit ihm und dem Amerikaner Lincoln Ellsworth war er zwei Jahre zuvor über den Pol nach Alaska geflogen. Nun war Nobile in Gefahr - und obwohl Amundsen und ihn nicht unbedingt Freundschaft verband, machte sich der Entdecker auf die Suche nach seinem Kollegen. Es war eine Suche, die er selbst mit dem Leben bezahlen sollte. Der Funkverkehr mit der "Latham 47.02" brach knapp drei Stunden nach dem Start ab. Flugzeug und Besatzung verschwanden spurlos - bis heute.

Nun soll das Geheimnis um Amundsens Schicksal gelüftet werden. Derzeit rüstet sich eine Expedition, die Ende August und Anfang September nordwestlich der vor Spitzbergen gelegenen Bäreninsel nach Amundsens Ozeangrab suchen will. "Die Expedition wird von der norwegischen Marine ausgerichtet", sagt Carolin Malessa von der Berliner Filmproduktionsfirma Context TV im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Deutschen begleiten die Kommandooperation mit der Kamera.

Die Norweger fahren für die Fahndungsaktion im Eismeer schweres Gerät auf. Der Minensucher "Tyr" der norwegischen Marine und das Küstenwachschiff "Harstad" sollen den Ozeanboden absuchen. An Bord der "Tyr" - sie hat bereits zahlreiche gesunkene Schiffe aufgespürt, darunter die deutsche "Scharnhorst" und die britische "HMS Hunter" - ist ein ganz besonderer Helfer: der brandneue Suchroboter "Hugin", mit dem die norwegische Marine in Zukunft nach besonders kleinen Unterwasserminen fahnden will. Mit vier Knoten kann die knallorange gestrichene Maschine bis zu 18 Stunden ohne Hilfe von außen den Boden der Barentssee absuchen. Das Flugzeugwrack wird in rund 400 Metern Tiefe vermutet.

Während die "Harstad" mit einem Sonar für die großflächige Suche nach dem Wrack verantwortlich ist, soll der vollautomatische Unterwasserspäher ein 116 Quadratkilometer großes Gebiet gezielt unter die Lupe nehmen. "An Bord hat 'Hugin' ein Sonar mit einer Auflösung von fünf Zentimetern", sagt sein Entwickler Bjørn Jalving von Kongsberg Maritime im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wenn das Flugzeug im Untersuchungsgebiet liegt, dann werden wir es auch finden."

Die Hoffnung richtet sich unter anderem auf die beiden massiven Motorblöcke der Maschine. "Die dürften noch in einem Stück am Ozeanboden liegen", hofft Daniel Petry von Context TV. Ansonsten bestand das Flugzeug nicht zuletzt aus mittlerweile wohl längst verschwundenem Holz, das auf einen Stahlrahmen montiert war.

Im Sommer 2004 hatte es bereits eine vom Norwegischen Luftfahrtmuseum in Bodø initiierte Suchaktion nach dem Flugboot gegeben. Sie musste allerdings wegen schlechten Wetters abgebrochen werden. Eine vom Museum eingesetzte Expertengruppe hatte damals festgelegt, wo gesucht werden sollte. Diese Empfehlungen werden auch diesmal die Grundlage der Suche bilden. "Allerdings sind die technischen Möglichkeiten mit 'Hugin' nun viel besser", sagt Carolin Malessa.

Sollte der tauchende Roboter tatsächlich fündig werden, schlägt die Stunde eines weiteren Hightechgeräts: Der ferngesteuerte "Scorpion 21" soll dann zum Wrack hinuntertauchen und hochauflösende Fernsehbilder liefern. Mit ihrer Hilfe müssen Militärexperten zunächst klären, ob es sich tatsächlich um die Überreste des abgestürzten Fliegers handelt. Sollten sie einen Treffer vermelden, kann der Tauchroboter auch weiteres Filmmaterial für die Dokumentation sammeln.

Doch ob die Maschine am Ende tatsächlich gefunden wird, will niemand der am Projekt beteiligten voraussagen. Das größte Problem: Der Absturz ist mittlerweile 81 Jahre her - und in dem Gebiet wird auch mit Hilfe von Schleppnetzen gefischt. Die verräterischen Trümmer könnten also längst woanders liegen.



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