Versuche mit Ratten Firma soll Genmais-Gefahr verschwiegen haben

Ein deutsches Gericht hat den Lebensmittelkonzern Monsanto zur Freigabe einer Studie gezwungen, bei der Ratten Organschäden durch Genmais erlitten haben sollen. Monsanto weist die Vorwürfe zurück, Greenpeace aber fordert ein Importverbot.


Protestaktion gegen manipulierten Mais: Greenpeace wirft Monsanto Tricksereien vor
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Protestaktion gegen manipulierten Mais: Greenpeace wirft Monsanto Tricksereien vor

Berlin - Der gentechnisch veränderte Mais MON 863 erregt schon seit Jahren den Argwohn von Verbraucherschützern. Die in den USA seit 2003 angebaute Pflanze produziert ein Gift gegen den Maiswurzelbohrer-Parasiten und soll außerdem ein Gen für eine umstrittene Antibiotika-Resistenz enthalten. Um den Mais in die Europäische Union einführen zu dürfen, hatte die Firma Monsanto eine 90-tägige Tierversuchsstudie in Auftrag gegeben. Der rund 1300 Seiten starke Bericht wurde aber nur den Behörden in Gänze vorgelegt, die Öffentlichkeit erhielt nur kurze Auszüge - mit dem Tenor, der Genmais stelle für Menschen keine Gefahr dar.

Das Oberverwaltungsgericht Münster hat nun in letzter Instanz entschieden, dass Monsanto die kompletten Ergebnisse der Untersuchung nicht länger geheim halten darf. Gestern veröffentlichte Greenpeace die Studie - nur zwei Tage, bevor der EU-Ministerrat seine Entscheidung über die Importzulassung für MON 863 treffen soll.

Die Umweltorganisation warnte eindringlich vor den Gefahren der manipulierten Maispflanze. Die Studie, die Monsanto bei der Firma Covance in Auftrag gegeben hatte, sei fehlerhaft und irreführend. Greenpeace wirft Monsanto vor, mit einem Trick das Ergebnis der Studie verfälscht zu haben. Im Tierversuch habe sich gezeigt, dass Ratten, denen Futter mit MON 863 verabreicht worden war, ein verändertes Blutbild und Schäden an inneren Organen gehabt hätten. Die Ratten einer Kontrollgruppe mit normalem Futter seien nicht erkrankt.

"Wissenschaftlich inakzeptabel"

Daraufhin seien sechs weitere Kontrollgruppen in das Experiment eingeführt worden, von denen nur eine mit manipulierten Mais gefüttert worden sei. Dank der größeren Gesamtzahl von Versuchstieren habe Monsanto die erkrankten Ratten als Zufallsprodukt werten können.

Der ungarische Experte Árpád Pusztai, der für die Bundesregierung als Sachverständiger für das Zulassungsverfahren gearbeitet hat, nannte das wissenschaftliche Vorgehen inakzeptabel. "Diese sechs zusätzlichen Versuchsgruppen haben mit MON 863 überhaupt nichts zu tun", sagte Pusztai einem Bericht der "taz" zufolge.

Am Freitag will der EU-Ministerrat in Luxemburg über die Zulassung von MON 863 entscheiden. Das Verbraucherschutzministerium in Berlin erklärte nun, die neue Situation zu prüfen.

"Versuch entsprach OECD-Richtlinien"

"Der Gen-Mais darf nicht für Lebens- und Futtermittel in EU-Ländern zugelassen werden", sagte Gilles-Eric Seralini von der staatlichen französischen Kommission CGB, die für die Risikobewertung von Gen-Pflanzen zuständig ist. "Wenn ein Versuch derartig auffällige Ergebnisse zeigt, muss er auf jeden Fall wiederholt werden."

Monsanto-Sprecher Andreas Thierfelder erklärte dagegen auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, der Aufbau des Tierversuchs habe den Richtlinien der OECD entsprochen. Er gehe davon aus, dass dies auch für die nachträgliche Hinzunahme der sechs weiteren Ratten-Kontrollgruppen gelte. Monsanto werde den Versuch deshalb nicht wiederholen. "Die Rohdaten liegen allen zuständigen europäischen Behörden vor, und sie haben die Daten als hinreichend bewertet", sagte Thierfelder. Auch die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit habe keine Bedenken angemeldet.

Greenpeace-Experte Christoph Then sagte, der Mais dürfe in der EU nicht zugelassen werden. Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Vizepräsident des EU-Agrarausschusses, äußerte sich ähnlich. "Der Umweltministerrat soll jetzt den Mut haben, gegen die Zulassung zu stimmen", sagte der Grünen-Politiker. Die Zulassung gentechnisch veränderter Nutzpflanzensorten sei ein gesellschaftlicher Vorgang, bei dem die Öffentlichkeit über "alle möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit unterrichtet" werden müsse. Solange die Greenpeace-Vermutungen nicht geprüft worden seien, könne daher nicht zugelassen werden.



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