Viertes Todesopfer Vogelgrippe wütet weiter in der Türkei

In der Türkei hat die Vogelgrippe einen weiteren Menschen getötet. Die türkischen Behörden teilten mit, dass bei einem verstorbenen Mädchen der Virustyp H5N1 festgestellt wurde.


Ankara - Das Mädchen, das am Sonntag der Infektion erlag, stammte aus der Provinz Van im Osten der Türkei. Dort waren bereits drei Kinder einer anderen Familie an der Tierseuche gestorben. Mindestens weitere 20 Menschen infizierten sich mit dem Erreger, darunter der fünfjährige Bruder der jetzt Verstorbenen.

Vogelgrippe: In der Türkei weiter auf dem Vormarsch
DPA

Vogelgrippe: In der Türkei weiter auf dem Vormarsch

Auch in Indonesien starb ein weiterer Mensch an dem Virus, ein 13-jähriges Mädchen auf West-Java. Bei zwei weiteren Familienangehörigen sei der besonders aggressive Virenstamm H5N1 festgestellt worden, hieß es.

Ein erster Verdachtsfall in Deutschland hatte sich dagegen nicht bestätigt. Am Sonntag war in Köln ein Mann nach einem Türkeiaufenthalt mit Grippesymptomen in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium gab aber Entwarnung und schloss eine Vogelgrippe-Erkrankung aus.

Heidemarie Wieczorek-Zeul, Ministerin für Entwicklungshilfe, kündigte Finanzhilfen bei der Bekämpfung der Vogelgrippe an. Deutschland werde Indonesien und Vietnam mit acht Millionen Euro unterstützen. "Mit einer lückenlosen Vorbeugung müssen wir verhindern, dass das Virus mutiert und durch die Übertragung von Mensch zu Mensch eine Pandemie auslöst", erklärte die Ministerin.

Bei der Geberkonferenz für die Bekämpfung der Vogelgrippe, die am morgigen Dienstag in Peking beginnt, strebt die Weltgesundheitsorganisation WHO Zusagen von insgesamt mehr als einer Milliarde Dollar an. Mitveranstalter ist die Europäische Union, die 80 Millionen Euro zugesagt hat.

Die Vogelgrippe
Virus
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Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
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Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
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Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Die Vorsitzende des Bundestags-Agrarausschusses, Bärbel Höhn, beruhigte Reisende mit Ziel Türkei. Die Grünen-Politikerin sagte, Urlaubsreisen in die Türkei seien trotz der Vogelgrippe "relativ sicher", wenn der direkte Kontakt mit Geflügel auf Bauernhöfen und Geflügelmärkten gemieden werde. Da das Virus nicht von Mensch zu Mensch übertragen werde, sei "die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, sehr gering".

Am Mittwoch wollen Landwirtschafts- und Gesundheitsausschuss des Bundestags gemeinsam über vorbeugende Maßnahmen beraten. Aber die Rückkehr der Zugvögel im Frühling müsse nicht unbedingt wieder zu einer Stallpflicht für Geflügel führen, so Höhn. Denn die meisten Vögel landeten "nicht in Deutschland, sondern in Osteuropa". Nur wenn genaue Beobachtungen doch eine Gefahr erkennen ließen, müssten die Tiere auch wieder eingesperrt werden, sagte die Grünen-Politikerin.



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