Vietnam Virus mit Resistenz gegen Tamiflu entdeckt

Tamiflu gilt als taugliches Mittel gegen die Vogelgrippe. Jetzt ist in Vietnam ein Virus des gefährlichen Typs H5N1 aufgetaucht, das gegen die Arznei resistent ist. Ein Mädchen hatte sich bei ihrem Bruder angesteckt. Tamiflu hatte aber nicht angeschlagen.


Vogel in Vietnam: Gegen Tamiflu resistentes Virus entdeckt
REUTERS

Vogel in Vietnam: Gegen Tamiflu resistentes Virus entdeckt

Hamburg - Wissenschaftler haben mehrfach vor diesem Szenario gewarnt: Da aus Angst vor der Vogelgrippe in Asien vermehrt Tamiflu verabreicht wird, könnte sich ein gegen das Grippemedikament resistentes H5N1-Virus entwickeln. Das ist nun geschehen, wie das Wissenschaftsmagazin "Nature" berichtet: Der Erreger sei bei einem 14-jährigen Mädchen festgestellt worden, das sich überdies bei seinem Bruder und nicht direkt bei Geflügel angesteckt haben könnte.

Eine genetische Analyse des Erregers ergab demnach, dass er durch eine Mutation die Resistenz gegen Tamiflu aufgebaut hat. Der Wirkstoff mit dem wissenschaftlichen Namen Oseltamivir, der vom Schweizer Pharmakonzern Roche als Tamiflu vermarktet wird, gilt derzeit als wichtigster Schutz vor einer Vogelgrippe-Epidemie.

Das infizierte Mädchen habe sich zwar erholt. Aber der Fall gebe Anlass zu der Sorge, dass Tamiflu "zur Bekämpfung einer potentiellen Grippe-Pandemie nicht ausreichend" sein könne, schreiben die Wissenschaftler um Yoshihiro Kawaoka von der Universität Tokio in "Nature" (Bd. 437, S. 1108).

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

In dem Fall aus Vietnam zeigte sich aber, dass das Virus mit einem anderen Wirkstoff bekämpft werden konnte. Zanamivir, das vom britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline unter dem Produktnamen Relenza vermarktet wird, habe sich als wirksam erwiesen, heißt es in der "Nature"-Studie. Es könne also "nützlich sein", Vorräte dieses Medikaments anzulegen. Zudem deuteten bisherige Forschungsergebnisse auch darauf hin, dass Viren, die durch Mutationen Resistenzen entwickelt haben, weniger widerstandsfähig und damit weniger ansteckend seien.

Ursprünglich sollte die Studie erst am kommenden Donnerstag veröffentlicht werden. Wegen der derzeit akuten Gefahr einer weltweiten Vogelgrippe-Epidemie entschied sich die Zeitschrift jedoch nach eigenen Angaben für eine Vorabveröffentlichung.

Bayern verbietet Geflügelmärkte

In Deutschland sind unterdessen erste Gegenmaßnahmen zum Schutz gegen eine Ausbreitung der Vogelgrippe angelaufen. Der bayerische Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf (CSU) hat seine Ankündigung wahr gemacht und verfügt, dass ab Montag im Freistaat keine Geflügelmärkte, Vogelbörsen und -ausstellungen mehr stattfinden dürfen. "Die Anordnung ist unbefristet und soll größere Tieransammlungen und damit ein künstliches Infektionsrisiko verhindern", ließ Landesumweltminister Werner Schnappauf (CSU) am Freitag in München erklären. Er plädierte dafür, das Verbot auf ganz Deutschland auszuweiten.

Schnappauf wandte sich zudem schriftlich an Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) mit der Aufforderung, unverzüglich eine bundesweite Stallpflicht für Geflügel anzuordnen. Diese solle zunächst bis 15. Dezember befristet werden, da der Vogelzug bis dahin abgeschlossen sei. Sollte der Bund nicht schnell handeln, werde Bayern den Stallzwang notfalls selber regeln, kündigte Schnappauf an. "Eine Einschleppung des Virus über Wildvögel nach Deutschland kann nicht ausgeschlossen werden."

In dieser Woche war das aggressive Vogelgrippevirus H5N1 in der Türkei nachgewiesen worden. Auch in Rumänien gibt es Verdachtsfälle. Ob es sich dort ebenfalls um den gefährlichen Virus-Subtyp H5N1 handelt, sollen Tests klären, deren Ergebnis am Samstagnachmittag erwartet wird.

Zu wenig Grippe-Impfstoff in Deutschland

Zugleich wurde bekannt, dass es in Deutschland weniger Grippe-Impfstoff gibt als benötigt. Wegen Hygiene-Problemen habe ein Hersteller vier Millionen Einheiten des Impfstoffes nicht ausliefern können, teilte das Bundesamt für Sera und Impfstoffe am Freitag in Langen mit. Das sind 20 Prozent der benötigten Impfmengen. Der Engpass kommt ausgerechnet in dem Moment, da die Nachfrage nach der gewöhnlichen Grippe-Impfung offenbar aus Angst vor der Vogelgrippe deutlich gestiegen ist.

Das Bundesamt bestätige einen Bericht der "Ruhr Nachrichten", dem zufolge einige Hausärzte bereits Wartelisten für die Grippeschutzimpfung angelegt haben. Anfang November solle wieder ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehen.

Die deutsche Bundesforschungsanstalt für Tiergesundheit erklärte jedoch, die vorbeugende Einnahme von Grippe-Medikamenten sei übertrieben und nutzlos. "Heute muss in Deutschland niemand Angst vor der Vogelgrippe haben", sagte eine Sprecherin. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) äußerte sich allerdings besorgt und rief zu erhöhter Wachsamkeit auf. Es bestehe die Gefahr einer weiteren Ausbreitung der Seuche auch nach Deutschland, sagte Klaus Stöhr, Leiter des Influenza-Programms der WHO.

Neuer Vogelgrippe-Herd in Rumänien

In Rumänien haben die Behörden derweil einen neuen Vogelgrippe-Herd bestätigt. Über das Donaudelta-Dorf Maliuc wurde Quarantäne verhängt. In Proben von einem dort verendeten Huhn und einem Schwan habe ein Labor in Bukarest das Grippevirus H5 isoliert, teilte das rumänische Landwirtschaftsministerium am Freitagnachmittag mit. Die untersuchten Proben seien verendeten Vögeln am vergangenen Sonntag und Montag entnommen worden. Offen ist auch hier, ob es sich um den Virusstamm H5N1 handelt.

Das am Donauarm Sulina gelegene Dorf und ein drei Kilometer großes Gebiet sei von der Außenwelt völlig abgeschottet worden, hieß es. Notschlachtungen des gesamten Geflügels sollen eingeleitet werden. In Maliuc waren in den vergangenen Tagen mehrere Dutzend verendete Schwäne entdeckt worden.

In Ceamurlia de Jos im Süden des Donaudeltas wurde bereits am Donnerstag das Vogelgrippevirus H5 bei Hausenten und einem Huhn bestätigt. In Ceamurlia wollten die rumänischen Behörden die Notschlachtungen bis Samstag beenden.

Türkei: Vogelgrippe-Verdacht bei neun Menschen

In der Türkei sind wegen des Verdachts auf eine Infektion mit der Vogelgrippe neun Menschen zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht worden. Die Patienten blieben zu Bluttests bis auf Weiteres in der Klinik der westtürkischen Stadt Turgutlu, nachdem 40 Tauben der Familie in den vergangenen zwei Tagen verendet seien, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anatolien. Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion sei aber gering.

Um Panik nach dem Auftreten eines lebensgefährlichen Virusstammes der Krankheit in der Türkei zu verhindern, ließ sich Regierungschef Tayyip Erdogan demonstrativ beim Essen von Hühnerfleisch ablichten.

Die Europäische Union (EU) beschloss am Freitag Sofortmaßnahmen gegen eine weitere Ausbreitung der Vogelgrippe. Die 25 Mitgliedsländer sollten besonders gefährdete Gebiete genauer bestimmen, um dort Wildvögel von Geflügel zu trennen, teilte die EU-Kommission nach einer Krisensitzung der Veterinärexperten mit. Damit solle das Ansteckungsrisiko für heimische Tiere möglichst gering gehalten werden. Denkbar sei auch eine Stallpflicht in den besonders gefährdeten Gebieten. Als risikoreich gelten Feuchtgebiete und andere Regionen, in denen Zugvögel in großer Zahl Station machen.



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