Viren-Killer Forscher befreien Zellen vom Aids-Virus
Es war im Spätsommer letzten Jahres, als Joachim Hauber erstmals einen mit HIV infizierten Patienten heilte. Er bemüht sich nicht, seinen Stolz zu verbergen: "Bisher gelang es allenfalls, das Virus in Schach zu halten", meint der Aidsforscher vom Hamburger Heinrich-Pette-Institut. "Wir haben es wirklich ausgemerzt." Vollkommen ist allerdings auch dieser Sieg noch nicht. Denn der Patient, den Hauber heilte, war durchsichtig, ziemlich platt und viel kleiner als ein Staubkorn: Es handelte sich um eine menschliche Bindegewebszelle; Hauber selbst hatte sie zuvor mit dem Virus infiziert.
Dem Fachblatt "Science" reicht das, um die Ergebnisse der Hamburger zu feiern. Denn die verblüffende Zell-Heilung beruht auf einem gänzlich neuen molekularen Prinzip. Und neue Ideen tun Not im Kampf gegen die Seuche Aids.
Praktisch im Jahresrhythmus gelangen neue Pillen und Spritzen gegen das HI-Virus auf den Markt. Ein Arsenal von vier Wirkstoffgruppen mit insgesamt mehr als 20 Substanzen steht den Ärzten inzwischen zu Gebote (siehe Grafik). Zu immer neuen Cocktails gegen den viralen Feind kombinieren sie diese Medikamente.
Und doch gelingt es nicht, dem Seuchenzug wirksam Einhalt zu gebieten. Noch immer sind die Pillen viel zu teuer, um das Millionenheer der Kranken in der Dritten Welt damit behandeln zu können. In den Industrieländern berichten die Ärzte unterdessen immer häufiger von resistenten Virenstämmen, denen ein oder sogar mehrere der Aids-Medikamente nichts mehr anhaben können.
Ziel: Virus samt Erbgut zerstören
Kein Zweifel: So gewaltig auch die Anstrengung der Pharmakologen ist, so stößt sie doch an Grenzen. Raffiniert wie kaum ein anderer Erreger vermag sich das Aids-Virus dem Zugriff der Medizin zu entziehen. Denn zum einen befällt es ausgerechnet die Immunzellen und damit eben jene Zellen, die eigentlich die Viren bekämpfen müssten. Und außerdem nistet es sich so dauerhaft in seinen Opfern ein, dass die Hoffnung der Forscher, ihm den Garaus zu machen, schon grundsätzlich zu schwinden begann.
Während nämlich Masern-, Pocken-, Grippe- oder Tollwutviren nie bis in die Steuerzentrale ihrer Wirtszellen vordringen, verankern die Aidsviren eben dort ihren Bauplan. Das, so schien es bislang, macht sie für Pharma-Attacken unerreichbar: Selbst wenn es gelingt, die Vermehrung der HI-Viren vollständig zu blockieren, bleibt ihr Erbgut doch unversehrt. Setzen die Mediziner dann die medikamentöse Therapie ab, so erwachen die schlummernden Viren wieder und beginnen aufs Neue mit ihrem Zerstörungswerk. Nun aber scheint es, als hätten die Hamburger Aidsforscher gemeinsam mit Kollegen aus Dresden doch einen Weg aufgespürt, wie sich das Virus samt seinem Erbgut zerstören lässt.
Der Ausgangspunkt der Entdeckung war ein Molekül, für das sich ein Wissenschaftlerteam am Dresdner Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie interessierte. Dieses Protein namens Rekombinase ist fähig, bestimmte Abschnitte des Erbguts zu erkennen und zielgenau aus dem Erbmolekül DNA herauszuschneiden: "Damit ist es ein fantastisches Werkzeug für die präzise DNA-Chirurgie", meint der Dresdner Max-Planck-Forscher Frank Buchholz.
Sollte es mit diesen molekularen Scheren nicht auch möglich sein, so fragte er sich, das Erbgut des Aidsvirus aus infizierten Zellen heraus zu operieren? Dazu, so viel war ihm klar, musste er das Molekül auf sein neues Ziel, das HIV-Erbgut, dressieren.
Aids-Erreger nach zehn Wochen verschwunden
Rund zwei Jahre dauerte es, dann hatten Buchholz und seine indische Dokorandin Indrina Sarkar neue maßgeschneiderte Rekombinasen gezüchtet. "Wir sind dabei genauso vorgegangen wie ein Bauer, der Kartoffeln züchtet", erklärt Buchholz. Schritt um Schritt verbesserten die Forscher ihre Zuchtmoleküle; nach 129 Generationen hatten sie ihre Rekombinasen dann optimal auf das HI-Virus abgerichtet.
Nun konnten endlich die Experimente am Hamburger Heinrich-Pette-Institut beginnen, wo die Forscher die dressierten Rekombinasen auf ihre Beute losließen. Und tatsächlich: Langsam schwanden die Viren in der Zellkultur dahin. Rund zehn Wochen dauerte es, dann war auch das letzte Virus samt seinem Erbgut verschwunden erstmals hatte sich damit das Aids-Virus dem Angriff von Forschern ganz geschlagen geben.
Ein Sieg über die Seuche, das wissen auch Hauber und Buchholz, ist das allerdings noch nicht. Denn noch gilt es zu überprüfen, ob die Rekombinase nicht vielleicht Unheil im menschlichen Körper anrichtet. Auch ist noch unklar, wie die molekularen Anti-HIV-Spürhunde in die infizierten Zellen gelangen sollen. Einfach als Pille geschluckt würden sie ihr Ziel vermutlich nie erreichen.
Hauber mag sich durch solche Zweifel nicht entmutigen lassen. Er denkt über eine Gentherapie nach, mit der er das Erbgut der Rekombinase in die infizierten Immunzellen schleusen will. Der Hamburger Aidsforscher gibt sich optimistisch: "Ich schätze, dass wir noch zwei bis drei Jahre Tierexperimente vor uns haben", meint er, "dann könnten wir mit klinischen Tests beginnen."