Virtueller Eurofighter Der Kampfjet, der jeden Fehler verzeiht

Einmal Kampfpilot sein: Im Eurofighter-Simulator auf der Flugschau ILA dürfen Laien ins Cockpit - sie erleben einen ziemlich irrealen Luftkampf. Die Landung gelingt immer, Feinde wehren sich nicht. Der echte Eurofighter soll bald in Afghanistan starten - offen ist, ob er dafür überhaupt taugt.

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Chris Moon erklärt die Maschine mit der Engelsgeduld des Experten, der es täglich mit blutigen Anfängern zu tun hat - und die haben reichlich Gelegenheit, sich dumm anzustellen. Drei Bildschirme stehen direkt vor ihrer Nase, die Schubregler mit diversen Knöpfen halten sie in der linken, den Steuerknüppel mit noch mehr Knöpfen in der rechten Hand. Rundherum gibt es eine Riesenmenge Schalter, Regler, Hebel. Willkommen im Vorführsimulator des Eurofighter Typhoon auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtmesse ILA in Berlin.

"Gib' vollen Schub!", sagt Moon, der als Geschwaderchef bei der britischen Royal Air Force sonst im Cockpit des echten Eurofighters sitzt und momentan ziemlich gelangweilt sein muss. Der virtuelle Kampfjet rauscht die Startbahn entlang. "Jetzt den Knüppel zurückziehen!" Der Erdboden verschwindet, die Nase des Fliegers zeigt in den Himmel. "Steigflug beenden und scharf nach links ziehen!" Der Horizont, eben erst wieder an gewohnter Stelle aufgetaucht, klappt nach rechts weg. Dank der 180-Grad-Rundumsicht im Stil eines 3D-Kinos wird einem komisch zumute.

Zeit, dass die Action beginnt. Schon tauchen zwei Feindflugzeuge auf dem Radarschirm auf. Moon empfiehlt die Raketen für mittlere Reichweiten. "Target Charlie, Target Delta", sagt er zur automatischen Stimmerkennung im Cockpit. Im Head-up-Display vor der Cockpitscheibe leuchtet das Wort "Shoot". "Drück den Abzug!", sagt Moon. Eine Rakete zischt los. "Charlie" ist bald Vergangenheit. Dann "Delta" ins Visier nehmen und das Gleiche von vorn. Wenige Sekunden später künden blinkende Punkte auf einem der Bildschirme vom Ende der viele Kilometer entfernten Flugzeuge - und ihrer Insassen. Mehr bekommt der Pilot nicht mit.

Bei Flugschauen in aller Welt haben illustre Möchtegern-Kampfpiloten im Sessel des Eurofighter-Simulators Platz genommen: saudische Prinzen, der britische Formel-1-Rennfahrer Lewis Hamilton und der spanische König Juan Carlos. Da verwundert es kaum, dass der Simulator mit schnellen Erfolgserlebnissen verwöhnt. Die Landung gelingt immer, egal wie man aufsetzt. Auch die Feindflugzeuge wissen sich zu benehmen: Ausweichen, geschweige den zurückschießen, würden sie nie. Schließlich soll der Simulator potentielle Käufer vom Eurofighter überzeugen. Ein abgeschossener spanischer König wäre da wenig wünschenswert.

Bewährungsprobe am Hindukusch

Die Eurofighter-Piloten werden indes in weitaus teureren und komplexeren Simulatoren ausgebildet, in denen die Gegner nicht nur Zielscheiben abgeben. Schon bald wird sich zeigen, wie wertvoll das in der Wirklichkeit ist: Die britischen Streitkräfte planen noch in diesem Jahr die ersten Eurofighter-Kampfeinsätze in Afghanistan.

In dem von Bürgerkrieg und Terrorismus zerrissenen Land gibt es für moderne Kampfjets nur eine sinnvolle Aufgabe: die Bekämpfung von Bodenzielen. Der Eurofighter aber wurde im Kalten Krieg konzipiert, um gegen russische Hightech-Flugzeuge zu bestehen. Ob er auch für den Bodenkampf taugt, muss sich erst zeigen.

Die Royal Air Force (RAF) jedenfalls hat das Flugzeug für diese Rolle bisher noch nicht offiziell als einsatzfähig erklärt. Nur eine Handvoll der Maschinen in britischen Diensten besitzen etwa ein Gerät namens "Litening", mit dem Ziele für lasergesteuerte Bomben markiert werden. Alle anderen Eurofighter der RAF können die Präzisionswaffen nur mit Hilfe von außen ins Ziel bringen.

Dennoch sei der Eurofighter in der Luft-Boden-Rolle dem Senkrechtstarter "Harrier" und selbst dem hauptsächlich als Jagdbomber eingesetzten "Tornado" überlegen, schwärmt Eurofighter-Sprecher Wolfdietrich Hoeveler. Einige der auf der ILA anwesenden Piloten äußern sich dagegen vorsichtiger. Sie sehen manche Vorteile beim Eurofighter, wie etwa seine hohe Waffenzuladung und den starken Schub, anderes spricht dagegen für den "Tornado". Der Tenor: Erst nach den ersten Kampfeinsätzen werde man mehr wissen.

Vom Kalten Krieg zum Luftpolizeidienst

Bei Manövern in den USA habe der Eurofighter jedenfalls einen guten Eindruck hinterlassen, sagt Geri Krähenbühl, Testpilot beim Rüstungskonzern EADS, der zu 46 Prozent an der Herstellung des Eurofighters beteiligt ist. Die Besatzungen des neuen US-Kampfjets F-22 "Raptor" hätten den Eurofighter "im Gefecht gern an ihrer Seite", so der Testpilot. Zwar gebe es derzeit nur dürre Erkenntnisse darüber, wie der Eurofighter im Ernstfall gegen andere Kampfflugzeuge abschneiden würde, da etwa die deutsche Luftwaffe bisher nur wenige entsprechende Vergleiche durchgeführt habe. "Aber der Eurofighter ist dank seines starken Schubs als einziges Kampfflugzeug in der Lage, sich aus einem Luftkampf zurückzuziehen, ohne dabei abgeschossen zu werden", meint Krähenbühl.

Dass der Eurofighter einst für eine Konfrontation zwischen Nato und Warschauer Pakt konzipiert wurde, hält er nicht unbedingt für einen Nachteil. "Die Entwicklung eines Flugzeugs dauert immer länger als politische Veränderungen. Man kann nicht warten, bis sich die politische Lage gewandelt hat, und erst dann ein neues Flugzeug planen."

Zudem sei der Eurofighter auch für Terrorismus-Szenarien geeignet - etwa den "Luftpolizeidienst". "Dabei muss man ein potentiell bedrohliches Flugzeug schnell erreichen, um es zu identifizieren und notfalls abschießen zu können", sagt Krähenbühl. Das könne der Eurofighter bestens. "Er wurde dafür entwickelt, mit 1,6-facher Schallgeschwindigkeit anzugreifen, die Waffen einzusetzen und dann in einer Kurve unter hoher Erdbeschleunigung zu verschwinden."

Mit Rockmusik dem Sonnenuntergang entgegen

Die britische Luftwaffe hat derweil Eurofighter - außerhalb von Deutschland, Österreich und Italien "Typhoon" genannt - bei diversen Tests mit Bomben und Bordwaffen Ziele am Boden angreifen lassen. London gibt sich zuversichtlich, die ersten Eurofighter wie geplant im Sommer oder spätestens im Herbst nach Afghanistan schicken zu können.

Der Branchendienst "Flight Daily News" berichtete dagegen am Dienstag, London habe von dem ursprünglichen Plan, die Kampfjets bereits im Juli am Hindukusch einzusetzen, aufgegeben - weil die Royal Air Force derzeit keine Kapazitäten habe, um zusätzliche Kräfte nach Afghanistan zu verlagern. Denkbar sei allenfalls ein Kurzeinsatz, um die Eignung des Eurofighters für den Bodenkampf zu demonstrieren.

Im neuesten Eurofighter-Werbefilm, der auf der ILA vorgeführt wird, fliegen die Kampfjets halsbrecherische Manöver, erfolgreiche Angriffe und am Ende in den Sonnenuntergang - wie üblich untermalt von hämmerndem Hardrock.

Auf Eurofighter-Piloten, die von künftigen Kampfeinsätzen nicht als strahlende Helden, sondern tot zurückkommen, bereiten sich die PR-Strategen weniger laut vor. "Natürlich wird es irgendwann den ersten Totalverlust geben", sagt Eurofighter-Sprecher Hoeveler. "Wir werden dann sehen müssen, wie wir damit fertig werden."



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