Zerstörungsfreie Untersuchung Virtuelles Auffalten macht alte Briefe lesbar

Ein Brief – die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch, was das ist. In Archiven schlummern noch viele für Historiker interessante Exemplare. Forscher können sie nun lesen, ohne sie auffalten zu müssen.
Virtuell aufgefalteter Brief aus der Brienne-Collection

Virtuell aufgefalteter Brief aus der Brienne-Collection

Foto: Unlocking History Research Group / dpa

Briefumschläge sind erst seit etwa 1830 Massenware, zuvor nutzten Briefeschreiber jahrhundertelang raffinierte Mittel, um vertrauliche Informationen zu schützen. So sollten Siegel und ausgeklügelte Falttechniken den Inhalt vor unberechtigtem Lesen bewahren. Bis heute liegen Hunderttausende solcher Schreiben ungeöffnet in Archiven. Ein internationales Forscherteam um Jana Dambrogio vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) stellt im Fachblatt »Nature Communications«  nun ein Verfahren vor, mit dem sich solche Briefe computergestützt lesen lassen, ohne sie zu öffnen und damit zu zerstören.

Eine besonders reichhaltige Sammlung von jahrhundertealten Briefen ist die sogenannte Brienne-Collection . Sie umfasst mehr als 3100 Schriftstücke, die im 17. Jahrhundert quer durch Europa verschickt wurden und nicht zugestellt werden konnten. Das Postmeister-Ehepaar Simon de Brienne und Marie Germain in Den Haag hatte sie in einer Truhe aufbewahrt – und 577 sind noch ungeöffnet.

Truhe mit nicht zugestellten Briefen im Postmuseum Den Haag

Truhe mit nicht zugestellten Briefen im Postmuseum Den Haag

Foto: Unlocking History Research Group / dpa

Bisher konnte man solche Faltbriefe nur lesen, wenn man sie dafür aufschnitt und damit beschädigte. Auch die komplexe Art, wie die Briefe gefaltet wurden, ließ sich bislang kaum zerstörungsfrei untersuchen. Das Team aus den USA, Großbritannien und den Niederlanden stellt nun ein computergestütztes Verfahren vor: Zuerst werden die Briefe per Röntgen-Mikrotomografie durchleuchtet, dann wird ein 3D-Modell erstellt und auf geometrischer Basis die Falttechnik ermittelt, bevor die Schreiben letztlich virtuell aufgefaltet werden.

Dabei prüft der Scan nicht nur etwa die Materialdichte, sondern bildet auch Elemente in der Tinte wie Eisen, Kupfer und Quecksilber ab. Zudem gibt das Verfahren Aufschluss über die jeweils verwendete Falttechnik und damit verbunden den Sicherheitsgrad eines Briefs.

»Unser Ansatz birgt das Potenzial, neue historische Quellen zu erschließen«

Die Machbarkeit des Verfahrens demonstrieren die Forscher an vier Briefen aus der Brienne-Collection. Alle messen zwar ungeöffnet etwa 5 mal 8 Zentimeter, sie wurden aber trotz ihrer identischen rechteckigen Form völlig unterschiedlich gefaltet. Inhaltlich geht es darin oft um Alltagsthemen, etwa im nun erstmals enthüllten Brief DB-1627 vom 31. Juli 1697. Darin bittet ein Jacques Sennacques seinen in Den Haag lebenden Vetter Pierre Le Pers, einen französischen Kaufmann, um eine beglaubigte Todesurkunde für einen Daniel Le Pers.

Doch die Themen reichen weit über den Alltag hinaus: »Unser Ansatz birgt das Potenzial, neue historische Quellen zu erschließen«, schreiben die Forscher. Als Beispiel nennen sie den letzten Brief  der schottischen Königin Maria Stuart, den sie am 8. Februar 1587 – nur sechs Stunden vor ihrer Hinrichtung – an ihren Schwager aus erster Ehe schrieb, den französischen König Heinrich III. Ein Forschungsprojekt habe ein Jahrzehnt benötigt, um die aufwendige Falttechnik zu entschlüsseln. »Virtuelles Auffalten könnte ein Ergebnis binnen Tagen bringen«, notiert das Team.

Als weiteres Beispiel für den historischen Wert des Verfahrens verweisen die Forscher auf die sogenannten Prize Papers : Diese etwa 160.000 nicht zugestellten Briefe wurden von der britischen Admiralität gesammelt und stammen von feindlichen Schiffen, die zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert gekapert worden waren. Weltweit gebe es noch zahllose ungeöffnete Briefe und Dokumente aus verschiedenen Kulturen und historischen Epochen, die sich nun auswerten lassen, ohne sie zu beschädigen.

chs/dpa
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