Völkerwanderung Sturm der Barbaren

Während der Völkerwanderung wanderten Völker - so die landläufige Auffassung. Historiker zeichnen heute ein viel genaueres Bild jener Epoche. Sie war das Ende des weströmischen Reichs und stellte in Europa die Weichen Richtung Mittelalter.
Von Andreas Laschober

Der große Sturm beginnt bereits mit einem Chaos. Auf dem Gebiet des heutigen Bulgarien drängen sich 376 n. Chr. Tausende verzweifelte Goten vor der Grenze des Römischen Reichs. Was für die Fürsten der Barbaren bis dahin undenkbar war, ist nun bittere Realität: Ihre Gesandten bitten flehentlich um Einlass in die Provinzen Moesien und Thrakien.

Sich dem Imperium zu unterwerfen, scheint den Fremdlingen das geringere Übel zu sein. Denn in ihrem Rücken stehen die Hunnen, drohen Hungersnöte und der Tod. Vor wenigen Jahren erst sind diese Reiterkrieger aus den weiten Steppen Asiens vorgedrungen und haben auf ihrem Zug nach Westen das gotische Reich nördlich des Schwarzen Meers vernichtet. Der römische Herrscher Valens, Kaiser im Osten von 364 bis 378, steht vor einer schweren Entscheidung. Wie jeder gebildete Römer weiß er: Als im Jahr 110 v. Chr. die germanischen Stämme der Kimbern und Teutonen in der Gegend der Ostalpen vor Roms Grenzen standen und ähnlich wie jetzt die Westgoten Siedlungsgebiet auf römischem Boden forderten, wurden sie von den Legionen des Imperiums sofort bekämpft und letztlich ausgelöscht.

Europa im Jahr 526 n. Chr.: Von den vielen germanischen Reichen, die mit dem Untergang Westroms (476) entstanden, hatte letztlich nur das fränkische Bestand. Unter Karl dem Großen wurde es im 8. Jahrhundert zum Fundament des mittelalterlichen Europa.

Europa im Jahr 526 n. Chr.: Von den vielen germanischen Reichen, die mit dem Untergang Westroms (476) entstanden, hatte letztlich nur das fränkische Bestand. Unter Karl dem Großen wurde es im 8. Jahrhundert zum Fundament des mittelalterlichen Europa.

Foto: epoc / EMDE-Grafik

Seitdem sind aber beinahe fünf Jahrhunderte vergangen - und vieles am Umgang zwischen Römern und Fremdlingen hat sich geändert. Längst kämpfen germanische Söldner für Rom, oft genug gegen eigene Stammesgenossen.

An den Grenzen zur Germania Magna, rechts des Rheins und nördlich der Donau, blüht der Handel zwischen den römischen Garnisonen und den Einheimischen. Klingende Münze ersetzt immer öfter das blanke Schwert; vor allem das römische Gallien wird zum Integrationsraum, in dem Barbaren Zugang zu den Lebensformen des Imperiums finden. Doch ganz vergessen hat Rom die Begegnungen mit den Kimbern und Teutonen nie. Eine sonderbare Mischung von Furcht auf der einen und Überheblichkeit auf der anderen Seite blieb die grundlegende Haltung allen Barbaren gegenüber.

Nach wie vor gefällt es Rom, wenn sich die Wilden in Stammeskriegen selbst aufreiben. So hatte Tacitus bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. beschworen: "Es bleibe, so flehe ich, und bestehe fort bei diesen Völkern, wenn nicht Liebe zu uns, so doch gegenseitiger Hass; denn bei dem lastenden Verhängnis des Reichs kann das Geschick nichts Besseres mehr darbieten als die Zwietracht der Feinde."

Und nach wie vor zeigt Rom allen Barbaren, die sein Territorium gefährden, die Grenzen der Koexistenz mit militärischer Gewalt auf. Denn keiner soll sich anschicken, uneingeladen an den Segnungen des römischen Lebens teilhaben zu wollen. Doch auch Rom wurde von den Barbaren in die Schranken gewiesen. Versuche, seinerseits die Grenzen des Reichs bis an die Nordsee auszuweiten, scheiterten ein für alle Mal 9 n. Chr. im Teutoburger Wald, als Heerführer Varus drei Legionen gegen den Cherusker Arminius in den Untergang führte. Bestehende Grenzen wurden gegen jeden Eindringling unerbittlich verteidigt.

Nun steht also eine riesige Gruppe potenzieller Unruhestifter auf der Flucht vor den Hunnen an der Donau und bittet um Aufnahme ins Reich. Schließlich öffnet Valens die Grenzen für die Goten. Sie sollen zunächst entwaffnet, versorgt und schließlich als Unterworfene in Thrakien angesiedelt werden. Den Status von wehrpflichtigen Bauern will Valens den Goten zugestehen und erhofft sich davon Verstärkung für die eigenen Truppen; schließlich gibt es auch in seinem Reich für die Hunnen viel zu holen.

Die erste große Schlacht der Völkerwanderung

Doch schon bald muss Valens seine Entscheidung bereuen. Römische Halsabschneider nutzen die missliche Lage der Germanen aus, machen Jagd auf junge Gotinnen sowie hübsche Knaben und fordern Sklaven im Tausch für minderwertige Lebensmittel. Nachdem sie anfangs wohl tatsächlich zum Frieden bereit gewesen waren, ziehen die Goten nun plündernd durch Moesien und Thrakien und sorgen für erhebliche Unruhe in den römischen Provinzen südlich der Donau. Verstärkt durch unfreie Siedler, entlaufene Gefangene und eigene Landsleute, die zuvor schon in römische Sklaverei geraten waren, liefern die Goten römischen Einheiten mehrere Gefechte - mit wechselnden Erfolgen.

Nur zwei Jahre nachdem Valens den Barbaren die Tore öffnete, beschließt der Kaiser, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Tatsächlich aber führt er sein eigenes Ende herbei, als er bis zu 40.000 Soldaten gegen eine vermeintlich unterlegene Barbarenhorde führt. Siegessicher und ohne auf die zugesagte Verstärkung aus dem Westen zu warten, eröffnet Valens bei Adrianopel (heute Edirne, Türkei) die erste große Schlacht der Völkerwanderung und beschert damit dem Römischen Reich eine der schlimmsten militärischen Niederlagen in seiner Geschichte. Mit dem Kaiser fallen die meisten seiner Generäle und zwei Drittel der Armee. Zunächst können die Goten aus diesem Sieg nicht viel Kapital schlagen. Ihr Heer zerfällt, und dem Nachfolger von Valens, Kaiser Theodosius I., gelingt es, die Germanen durch Verträge und Siedlungsraum für eine gewisse Zeit zu befrieden.

Wenn auch die Bewegung der Hunnen nach Westen der unmittelbare Anlass für das Eindringen der Goten ins Reich ist - die eigentlichen Ursachen dafür sind viel älter und gehen vom Imperium selbst aus. Vor allem an der Rheingrenze wecken Händler Begehrlichkeiten mit Erzählungen vom Luxus in den römischen Städten südlich der Alpen. Edle Güter aus den mediterranen Räumen, vor allem Wein, lassen die Barbaren von den Lebensbedingungen im goldenen Sommer der Reichshauptstadt träumen. Die Bewohner von Germania Magna bieten ihrerseits den Römern Felle, Vieh und Bernstein - vor allem aber ihre Kampfkraft. Unzählige junge Krieger stellen sich lieber auf römischen Wachtürmen gegen andere Barbaren, als sich gemeinsam mit diesen die Hände als Bauern auf dem Feld blutig zu schuften. Sie sind stolz darauf, in Roms Diensten zu stehen.

Laut Experten ist es kein germanischer Massenexodus ins Imperium: Vielleicht drei oder zehn junge Männer aus dem einen oder anderen Dorf ziehen südwärts, immer weiter Richtung Römisches Reich. In Pannonien (Westungarn, Ostösterreich) etwa treffen sie auf eine kleine Gruppe Gleichgesinnter. Man lernt sich kennen. Eine These der Historiker besagt, dass sich auf diese Weise erste Gruppen bilden und auch neue Identitäten entstehen. Woher man kommt, ist egal. Was zählt, ist, wohin man will. Gruppenzugehörigkeit ist zu jener Zeit keine Frage des Bluts und der Abstammung, sondern des Bekenntnisses. Die spätantiken Stammesvölker haben keine Vorstellung von Nationalismus. Und wenn man sich als Gote, Vandale oder Langobarde bessere Chancen ausrechnet, gibt es keinen Grund, nicht fortan als solcher aufzutreten.

Dabei verleiht die Verwendung alter Namen Würde. Gruppen, die sich an den Grenzen des Imperiums bilden, greifen wohl auf Namen zurück, die eine gewisse Tradition besitzen. Das gibt der Gemeinschaft eine Identität - und relativiert bei den Römern das Bild vom geschichts- und gesichtslosen Barbaren. Viele Stämme, die Tacitus, Plinius und Ptolemäus zufolge in der Kaiserzeit an der Ostsee leben, drängen Jahrhunderte später ins Imperium. "Ehrgeizige Krieger gewannen an Einfluss; sie waren es auch, für die eine Migration ins Imperium besonders aussichtsreich war", meint Walter Pohl, Leiter der Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. "Schließlich brachen größere, geschlossene Gruppen auf, um gemeinsam auf römischem Boden ihr Glück zu versuchen."

Zahlreiche Volksstämme treffen aufeinander

Viele der äußerst heterogen zusammengesetzten Verbände, die Siedlungsraum in römischen Provinzen suchen, wurden bis vor kurzem zumeist stark vereinfacht mit dem Namen des Barbarenstamms belegt, der die Gruppe dominierte. Bunte Pfeile auf historischen Landkarten sollten die Züge der Barbaren veranschaulichen. Die Darstellung verleitete dazu, die Wanderungen der barbarischen Gruppen als gleichzeitig erfolgte Parallelverschiebungen von Völkern misszuverstehen, aus denen die Akteure völlig unverändert hervorgingen.

Niemals jedoch war die ethnische Zusammensetzung einer Gruppe beim Erreichen neuer Siedlungsgebiete - oft nach vielen Jahren und tausenden Kilometern Fußmarsch - dieselbe wie beim Aufbruch. Tatsächlich unterlagen die ethnischen Zugehörigkeiten aller Gruppen auf ihrem Weg zu den neuen Reichen vielfältigen Veränderungsprozessen. Die Vorstellung vom Volk als biologischer Gemeinschaft, die mehr oder weniger unverändert die Zeiten überdauert, haben die Historiker inzwischen verworfen. Ein Satz aus der Feder des Tacitus jedoch ist diesem modernen wissenschaftlichen Verständnis germanischer Identitätsfindung nicht gerade nützlich: "Ich selbst schließe mich der Ansicht an, dass sich die Bevölkerung Germaniens niemals durch Heiraten mit Fremdstämmen vermischt hat und so ein reiner, nur sich selbst gleicher Menschenschlag von eigener Art geblieben ist."

Doch schon ein genauer Blick auf das Beispiel der Vandalen stellt Tacitus’ Ansicht in Frage. Die Vandalen selbst sind eine ostgermanische Völkergruppe, deren Herkunft nicht eindeutig geklärt ist. Tacitus, Plinius und Ptolemaios erwähnen in ihren Schriften Vandilier im Weichselgebiet, definieren sie allerdings unterschiedlich. Gemeinsam mit den ebenfalls germanischen Sueben und dem iranischen Volk der Alanen brechen sie im Verbund um das Jahr 400 aus der Pannonischen Tiefebene auf, überqueren in der Silvesternacht 406 den zugefrorenen Rhein bei Mainz und dringen in Gallien ein. Hier, auf römischem Reichsgebiet, werden sie von fränkischen Kriegern empfangen, die an der Seite Roms ihre Interessen gegen die konkurrierenden Barbaren verteidigen. Als der Vandalenverband im Jahr 411 Spanien erreicht, sind es dort die Westgoten, die kein Interesse daran haben, ihr Siedlungsgebiet mit den Neuankömmlingen zu teilen. Den Sueben gelingt dennoch die Errichtung eines Reichs im Nordwesten der Iberischen Halbinsel; sie trennen sich von den Alanen und Vandalen. Diese ziehen weiter über die Straße von Gibraltar, ostwärts an der nordafrikanischen Küste entlang und gründen 439 schließlich ein Reich auf römischem Boden, dessen Kern im heutigen Tunesien liegt.

Auf einmal müssen Römer und Barbaren zusammenleben

Während dieser fast 40-jährigen Wanderung von der Pannonischen Tiefebene bis nach Afrika dürften sich römische Deserteure, entflohene Sklaven und Abenteurer dem Treck angeschlossen haben. Und auch Menschen, die sich als "germanische" Krieger einfach mehr Chancen ausrechnen. Die Anführer der multiethnischen Gruppe nennen sich "Könige der Vandalen und Alanen".

Roland Steinacker, Vandalenforscher am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: "Deutlicher als der im 5. Jahrhundert im afrikanischen Regnum belegbare Königstitel Rex Vandalorum et Alanorum kann kaum eine Quelle die Komplexität deutlich machen." Denn ist es wirklich wahrscheinlich - so müsste man Tacitus heute fragen -, dass unterschiedliche ethnische Gruppen, die unter demselben König leben, nicht untereinander heiraten?

Neue Formen des Zusammenlebens zwischen Römern und Barbaren schaffen neue Identitäten. Und es entstehen noch nicht da gewesene Formen des Zusammenlebens. Eine davon ist der Föderatenvertrag (foedus). Die neuartige Übereinkunft verdeutlicht die gesteigerte Bedeutung der Germanen. Außerdem sorgt sie für einen so starken Stand der germanischen Bundesgenossen im Imperium, dass viele Forscher darin den Hauptgrund für den Niedergang Westroms sehen. Die Föderatenverträge sind Abmachungen in beiderseitigem Interesse und bestimmen die Beziehung zwischen Rom und den Zugewanderten bis zu den Reichsgründungen auf römischem Boden im 5. Jahrhundert.

Nach ihren Erfahrungen mit den Goten versuchen die Römer, die Barbaren zu kontrollieren und sogar für das Reich zu nutzen. Flexibel verfasste, dem jeweiligen Anlass angepasste Verträge scheinen Kaiser Theodosius 382 das geeignete Mittel zu sein. Roms Vorteil aus diesen Übereinkünften ist, dass Goten, der Reichsgewalt unterstellt, Waffendienst leisten müssen. Die Barbaren wiederum erhalten als Reichsangehörige Land, sind von Steuern befreit und weit gehend autonom. Und mehr als das: "Für die germanischen Verbände, die bei Erfolg wie Misserfolg immer vom Zerfall bedroht waren, bedeutete ein solches Abkommen zunächst eine wesentliche Stabilisierung - nicht nur der Versorgung, sondern auch des Zusammenhalts", erläutert Walter Pohl. "Es gab den angesiedelten Gruppen einen Konkurrenzvorteil gegenüber anderen Germanen."

Die Barbaren lernen sich in der Umwelt der römischen Provinz zu bewegen und durchschauen die Feinheiten des imperialen Verwaltungsapparats. So wird der foedus im 5. Jahrhundert ein großer Erfolg. Gleichzeitig jedoch gibt das Reich ein Stück Kontrolle über die Siedlungsgebiete sowie die dort stationierten Einheiten auf - und Probleme lassen nicht lange auf sich warten.

Trotz aller zugestandenen Rechte haben die Barbaren im Konfliktfall mit Römern zumeist die schlechteren Karten. Immer wieder werden ihnen Rechte verweigert, darauf antworten die Barbaren nicht selten mit Rebellion. Zornige Untertanen niederzuringen erfordert militärische Kräfte, die meist woanders abgezogen werden müssen. Entgegen der ursprünglichen Idee des Vertrags, die römische Wehrkraft insgesamt zu erhöhen, wird so Kampfkraft des Reichs durch interne Streitereien gebunden. Daneben kümmern sich zielstrebige Individualisten unter den Germanen mehr um ihre eigene Karriere als um das gemeinsame Wohl und nützen die vertragliche Besserstellung, um möglichst schnell aus den Provinzen wegzukommen - in die Machtzentren des Reichs.

Ein gutes Beispiel für eine abenteuerliche Karriere zwischen der Führung germanischer Verbände und dem Anspruch auf höchste militärische Funktionen im Imperium ist der Lebenslauf des Gotenkönigs Alarich I. (370-410). Mit seinen Kriegern nimmt er im Jahr 394 am Feldzug des Kaisers Theodosius I. (347-395) gegen den Usurpator Flavius Eugenius teil. Obwohl Alarich beim Sieg gegen dessen weströmische Elitetruppen Außergewöhnliches leistet und dabei unzählige Krieger verliert, ernennt ihn der Kaiser nicht wie erwartet zum Heermeister.

Die Stimmung ist äußerst gereizt; man munkelt, dass der hohe Blutzoll unter den gotischen Verbündeten vom Kaiser nicht allein billigend in Kauf genommen wurde, sondern durchaus in seine Pläne passte. Ihm kann nämlich jeder Gote, der nicht nach Thrakien und damit in die Nähe von Byzanz zurückkehrt, nur recht sein. Als die gotischen Föderaten nach der Schlacht auch nicht gleich nach Hause entlassen werden, obwohl Hunnen dort gerade ihre Dörfer verwüsten, nutzt Alarich den Tod des Theodosius Anfang 395 als Gelegenheit, um den Föderatenvertrag zu kündigen.

Dann ist es soweit: Das Römische Reich wird geteilt

Der Germanenfürst kehrt zurück nach Thrakien, sammelt seine Mannen und marschiert auf Konstantinopel. Doch unfähig, die Stadt zu nehmen, zieht er westwärts nach Griechenland, wo er einige Städte erobert und brandschatzt. Erst der römische Heermeister Stilicho (365-408) bereitet Alarichs Plünderungen ein Ende. Mit dem Tod des Theodosius war das Römische Reich endgültig unter dessen Söhnen Arcadius (377-408) und Honorius (384-423) in Ost- und Westrom geteilt worden. Stilicho, ein Vandale im Dienst des Westreichs unter Honorius, kommt nun Arcadius gegen Alarich zu Hilfe. Doch lässt er die Goten nach Epirus in Nordostgriechenland abziehen - wohl um sich in Alarich einen Bündnisgenossen für spätere Unternehmungen zu erhalten.

Mit dem Angebot der Stelle eines Heermeisters in Illyrien an der Grenze zu Italien hofft Ostrom, Alarich ans Westreich loszuwerden. Und wirklich taucht der Gotenkönig im Jahr 400 zum ersten Mal im Kernland des Reichs auf. Dort bekämpfen sich Stilicho und Alarich zunächst wiederholt. Als die beiden Reichshälften einander jedoch immer feindlicher gegenüberstehen, verbündet sich Alarich - der nach wie vor nicht gut auf Byzanz zu sprechen ist - mit Stilicho und unterstützt Honorius.

Der Feldzug gegen Ostrom wird aber im letzten Augenblick abgeblasen; denn in der Neujahrsnacht 406/7 bricht die römische Rheingrenze unter dem Ansturm von Vandalen zusammen, wodurch dort nun dringend Truppen benötigt werden. Alarich, der sich noch in Epirus befindet, will seine Kosten ersetzt haben, und sein Bundesgenosse Stilicho setzt die Zahlungen beim Senat durch. Kurz darauf wirft Honorius seinem vandalischen Heerführer Hochverrat vor und lässt ihn hinrichten.

Daraufhin erschüttern Unruhen Italien und führen zu Pogromen unter den Föderaten. 30.000 Mann der Föderatenarmee verbünden sich mit Alarich, und gemeinsam erobern sie 410 die Hauptstadt. Im selben Jahr stirbt Alarich. Sein Nachfolger Athaulf führt die Westgoten nach Gallien, wo sie von Aquitanien aus zunächst das Tolosanische Reich begründen. Mit dem Untergang Westroms im Jahr 476 wird dieses Reich de facto eigenständig und erstreckt sich südwärts; in der Zeit seiner größten Ausdehnung bis nach Spanien und im Norden bis an die Loire.

Der Totengräber des Reichs im Westen ist ein römischer Offizier, der am Hof Attilas aufwuchs. Odoaker (um 433-493) setzt 476 den damals erst 16-jährigen Kaiser Romulus Augustulus ab und erklärt sich selbst zum König Italiens, unterstellt sich aber formell dem oströmischen Kaiser Zenon (474-491). Dieser erkennt die Gelegenheit, sich des mächtigen gotischen Heermeisters Theoderich zu entledigen. Der Kaiser fordert Theoderich im Jahr 488 auf, mit seinen Kriegern nach Italien zu ziehen, um Odoakers Stelle zu übernehmen und dabei auch die oströmische Macht im Westen zu stärken. Der Gotenfürst besiegt nach schweren Kämpfen den selbst ernannten König von Italien und tötet diesen eigenhändig bei einem Festessen, das eigentlich den Friedensschluss besiegeln sollte. Theoderich übernimmt nun selbst die Herrschaft in Italien, unterstellt sich dem Kaiser, herrscht im Grunde aber unabhängig über das gewonnene Territorium. Unter seiner Herrschaft erlebt Italien eine neue Blüte. Der König fördert die Bautätigkeit und bemüht sich besonders um das friedliche Zusammenleben von arianischen und katholischen Christen (siehe Randspalte rechts).

Die Franken sind das Fundament für die Neuordnung Europas

Im Westen gelingt es König Leovigild (569-586) ein paar Jahrzehnte darauf, die Iberische Halbinsel völlig unter westgotische Kontrolle zu bringen. Im Nordwesten unterwirft er die Sueben, die sich seinerzeit von den Vandalen und Alanen abgespalten haben; im Süden drängt er die Oströmer zurück, die unter Kaiser Justinian I. (482-565) Gebiete um Cordoba und Cartagena erobert hatten.

Justinian verfolgte eine aggressive Westpolitik, und es gelang ihm, zwischendurch Italien und Teile Südspaniens sowie Nordafrikas von germanischen Königreichen für das Imperium Romanum zurückzugewinnen. Die Rückeroberung Italiens ist jedoch nur ein Zwischenspiel, das mit dem letzten Zug der spätantiken Völkerwanderung und der Landnahme der Langobarden in Italien im Jahr 568 beendet wird. Etwa 100.000 bis 150.000 Sueben, Gepiden, Bulgaren, Sarmaten und andere Gruppen, alle zusammengefasst unter dem Namen Langobarden, brechen von ihren Gebieten an der mittleren Donau auf und erobern ein Land mit mehreren Millionen Einwohnern. Das ist nur möglich, weil die römische Herrschaft mit ihrem drückenden Steuersystem und der wachsenden sozialen Ungleichheit immer unbeliebter wird; für viele Römer sind barbarische Herren immer öfter das geringere Übel. Zudem entwickelt sich eine Eigendynamik: Langobarde zu sein bedeutet bald, der herrschenden Gruppe anzugehören, und das ist auch für jene attraktiv, die nicht in diesen Stamm hineingeboren wurden. Die Neuankömmlinge übernehmen die Sprache der Einheimischen, diese wiederum den Namen der Eroberer.

Zur gleichen Zeit geschieht auf der Iberischen Halbinsel Ähnliches. Der herrschende Stamm der Westgoten geht allmählich im Rest der spanischen Bevölkerung auf. In fast allen Bereichen dominieren römische Elemente die gotischen. Diese Entwicklung erfährt jedoch ab dem Jahr 711 eine jähe Zäsur. Da nämlich dringen Mauren von Süden vor und prägen für fast 850 Jahre das Geschehen in Spanien.

Die meisten der Reiche, die in dieser Zeit entstehen, gehen schon bald wieder unter. Die Westgoten des Föderatenreichs um Toulouse werden 508 von den Franken weit gehend aus Gallien verdrängt. 533/34 zerstören byzantinische Truppen das Reich der Vandalen in Tunesien. Die Langobarden, die vor ihrem Zug nach Italien an der mittleren Donau siedelten, erliegen schließlich den Heeren Karls des Großen (747-814). Dieses Schicksal teilt das Steppenvolk der Awaren, das im Karpatenbecken sein Reich errichtet hatte. Die Burgunder mit ihren Zentren in Lyon und Genf werden 532/34 von den Franken unterworfen. Diese besitzen das beständigste Königreich der Völkerwanderungszeit. Seit den Eroberungen durch Chlodwig I. (bis 511) sind die Franken eine Großmacht in Westeuropa. Das Frankenreich der Merowinger hat als einzige der frühen germanischen Reichsgründungen letztlich dauerhaft Bestand. Die Franken sind es auch, die das Fundament für eine Neuordnung Europas legen, die unter ihren Nachfolgern, den Karolingern, vonstatten geht.

Die Hunnen aber, jene schrecklichen Krieger, die das große Wandern auf dem Kontinent überhaupt ausgelöst hatten, sind zu dieser Zeit längst geschlagen. Bereits mit dem Tod Attilas im Jahr 453 zerfiel der Verband der Steppenreiter, der einige Jahrzehnte lang Europa in Angst und Schrecken versetzt hatte und selbst dem strahlenden oströmischen Reich Schutzgelder abzupressen vermochte.


Andreas Laschober ist freier Journalist in Wien.

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