Vogelgrippe Ärzte warnen vor neuem Super-Virus

Mediziner warnen davor, dass sich der Vogelgrippe-Virus mit einem menschlichen Grippe-Erreger kreuzen könnte und ein tödliches Super-Virus entsteht. Nachdem sich zwei Thailänder mit der gefährlichen Krankheit infizierten, hat die EU alle Geflügel-Importe aus dem asiatischen Land verboten.




Seuche in Thailand: Die Behörden vermuten hinter den Vorkommnissen in mehreren Geflügelbetrieben die Vogelgrippe
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Seuche in Thailand: Die Behörden vermuten hinter den Vorkommnissen in mehreren Geflügelbetrieben die Vogelgrippe

Der Einfuhrstopp der EU trete mit sofortiger Wirkung in Kraft, teilte die EU-Kommission am Freitag mit. Zuvor hatte die thailändische Regierung erklärt, Tests auf Hühnergrippe seien bei zwei Menschen positiv ausgefallen. Nach Brasilien ist Thailand der größte Lieferant von Geflügelfleisch in die EU-Länder. Aus Thailand wurden 2002 etwa 120.000 Tonnen importiert. Lebende Tiere werden nicht eingeführt.

Bei den an der Vogelgrippe erkrankten Thailändern handelt es sich um einen sechsjährigen und um einen siebenjährigen Jungen. Das Risiko scheint bei Kindern offenbar am höchsten zu sein. Von den fünf zuvor in Vietnam an der Krankheit gestorbenen Menschen waren vier Kinder. Neben Vietnam und Thaiwan haben auch Südkorea und Japan den Ausbruch der Hühnergrippe bei Menschen bestätigt.

Die Virus-Epidemie bedroht in Thailand die viertgrößte Geflügel-Industrie der Welt, wo mehrere hunderttausend Menschen beschäftigt sind - Millionen Hühner wurden bereits notgeschlachtet. Die Übertragung der Hühnergrippe auf die Menschen könnte auch die Tourismusbranche in eine Krise stürzen. Mehr als zehn Millionen Ausländer besuchen jährlich Thailand. Die Zahl der Touristen war im vergangenen Jahr nach dem Ausbruch der tödlichen Lungenkrankheit Sars deutlich gesunken.

Virus ändert sich ständig

Der für die Weltgesundheitsorganisation WHO tätige Virologe Robert Webster erklärte am Freitag in Hongkong, dass die jetzt analysierten Gensequenzen des Geflügelpest-Erregers H5N1 andere Merkmale aufwiesen als während der letzten großen Epidemien 1997 und 2003. "Er ändert sich ständig", sagte der US-Wissenschaftler. Ursache der offensichtlichen Mutation sei möglicherweise die Massenhaltung von Geflügel in engen Käfigen. Sobald die Tiere Antikörper gegen das Virus entwickelten, reagiere dieser mit einer genetischen Anpassung auf die veränderte Situation. Dabei werde der Erreger dem Grippevirus ähnlicher, mit dem sich Menschen infizierten, sagte Webster.

Sollte sich das Virus tatsächlich mit einem menschlichen Grippeerreger vermischen, befürchten Mediziner eine Katastrophe. Bisher hatten sich in Asien fünf Menschen mit der Krankheit infiziert. Alle fünf sind gestorben - ein Indiz für die enorme Aggressivität des Virus. Das einzig Beruhigende: Bisher kann sich das Virus nach Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht von einem Menschen auf den anderen übertragen.

Das aber könnte sich schnell ändern, befürchten Experten. Sollte ein mit Influenza infizierter Mensch das Geflügelgrippevirus einfangen, könnte eine Kreuzung zwischen dem Geflügelpestvirus H5N1 und einem menschlichen Erreger entstehen. Die Folge wäre womöglich eine todbringende Pandemie, schreibt das renommierte britische Fachblatt "The Lancet" (Bd. 363, S. 257). In den vergangenen 20 Jahren seien alle neuen menschlichen Infektionskrankheiten aus dem Tierreich gekommen.

Ein Impfstoff könne vor einem neuen Grippevirus kaum schützen. Da der isolierte Virenstamm Hühnerembryonen zu schnell töte, könne der Impfstoff nicht wie gewöhnlich in Hühnereiern gezüchtet werden. Alternativ ließe sich ein Vakzin gentechnisch herstellen, doch sei ein solcher Impfstoff noch nie klinisch getestet worden. Antivirale Medikamente seien zu teuer und zu ineffektiv als Gegenmittel. Und da Influenza ansteckender sei als Sars, würden auch die gegen die Lungenkrankheit noch erfolgreichen Quarantänemaßnahmen gegen ein aggressives Grippevirus keinen Schutz bieten.

H5N1-Erreger wird menschlichem Virus ähnlicher

Der für die WHO tätige Virologe Robert Webster erklärte am Freitag in Hongkong, dass die jetzt analysierten Gensequenzen des Geflügelpest-Erregers H5N1 andere Merkmale aufwiesen als während der letzten großen Epidemien 1997 und 2003. "Er ändert sich ständig", sagte der US-Wissenschaftler.

Die Ursache der offensichtlichen Mutation sei möglicherweise die Massenhaltung von Geflügel in engen Käfigen. Sobald die Tiere Antikörper gegen das Virus entwickelten, reagiere dieser mit einer genetischen Anpassung auf die veränderte Situation. Dabei werde der Erreger dem Grippevirus ähnlicher, mit dem sich Menschen infizierten, sagte Webster.

Eine Übertragung der Viren von Mensch zu Mensch sei eine große Sorge der WHO, bestätigte deren Sprecher in Hanoi, Bob Dietz. Die Gesundheitsorganisation bereite sich auch auf diesen schlimmsten Fall vor. Es sei eine verhältnismäßig hohe Todesrate zu befürchten, wenn es dem Virus gelinge, sich auszubreiten, betonte Dietz. "Bei diesem H5N1-Stamm handelt es sich um ein besonders übles Virus, bis jetzt haben wir bei den fünf bestätigten Fällen eine Todesrate von hundert Prozent registriert."

Inzwischen seien 25 der 64 Provinzen von Vietnam betroffen, teilte Anton Rychener von der Uno-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) in Hanoi mit. Bislang seien nur in 19 Provinzen Fälle bekannt gewesen. Allerdings verringere sich im Süden bereits die Geschwindigkeit der Ausbreitung, da der Kampf der Regierung gegen die Geflügelpest Wirkung zeige, sagte er.

Bereits im November vergangenen Jahres warnten Mediziner im Fachmagazin "Science" vor einer verheerenden Grippe-Pandemie. Sie prangerten erhebliche Lücken in der Versorgung mit Impfstoffen an und warnten ebenfalls vor einem neuen Super-Virus. Die letzte große Pandemie ereignete sich vor mehr als 80 Jahren: Zwischen 1918 und 1920 starben weltweit bis zu 40 Millionen Menschen an der Spanischen Grippe.

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