Vogelgrippe Aggressives Virus in Zugvögeln gefunden
Der Killer arbeitete schnell: Am 4. Mai dieses Jahres wurden auf der sogenannten Vogelinsel im zentralchinesischen Qinghai-See die ersten vier toten Vögel gefunden. Bis Ende Juni hatten sich mindestens 1000 Tiere mit der Vogelgrippe angesteckt und waren gestorben. Experten der Vereinten Nationen sprachen sogar von mehr als 5000 toten Vögeln.
Mittlerweile sind Wissenschaftler in höchster Alarmstimmung: Die Vogelinsel ist eine der wichtigsten Brutstätten für Zugvögel aus Südostasien, Tibet und Indien - und das auf der Insel ausgebrochene Virus ist eine besonders aggressive Variante des Vogelgrippe-Erregers H5N1.
Nach seiner Ankunft auf dem Drehkreuz für Zugvögel könnte sich das Virus nicht nur in ganz Asien, sondern auch bis nach Australien, Neuseeland und Sibirien ausbreiten, schreiben chinesische Wissenschaftler in zwei Studien, die jetzt zeitgleich in den Fachblättern "Nature" und "Science" veröffentlicht wurden.
Hohe Sterblichkeitsrate
Ein Team um Jinhua Liu von der China Agricultural University in Peking hatte das Erbgut von vier verschiedenen H5N1-Viren untersucht, die aus erkrankten oder toten Zugvögeln stammten. Dabei stellte sich heraus, dass das Erbgut dieser Viren verschiedene Kennzeichen sehr aggressiver Varianten aufweist.
Dies bestätigte sich auch im Tierversuch: Acht Hühner, die die Forscher mit den verschiedenen H5N1-Viren infizierten, starben innerhalb von 20 Stunden. Säugetieren erging es kaum besser: Sieben von acht angesteckten Mäusen waren innerhalb von 72 Stunden tot, die letzte starb wenig später.
Die genetische Analyse deute außerdem darauf hin, dass das Virus von nur einem Vogel auf die Insel gebracht wurde. Das würde bedeuten, dass eine einzige Infektion sich in rasendem Tempo ausgebreitet habe. Der Erreger töte so schnell, dass die meisten Vögel auf der Insel sterben könnten, ehe sie das Virus über ganz Asien verteilen. Angesichts der großen Zahl der Tiere auf der Insel sei es aber unwahrscheinlich, dass sich der Ausbruch auf diese Weise von selbst erledige, betonten die Forscher.
Uno legt Notfallplan vor
Das Auftauchen der hoch ansteckenden H5N1-Variante bei Zugvögeln zeigt, dass der Erreger zu einer "globalen Bedrohung" werden kann, schreibt Lius Team in "Science". Zu einem ähnlichen Schluss kommen die Autoren der "Nature"-Studie: "Dieser Ausbruch könnte dazu beitragen, dass das Virus den Himalaja überschreitet."
Die Wissenschaftler befürchten, dass sich der aggressive Erreger dann von den Zugvögeln auf andere Tiere überträgt. Säugetiere wie etwa Schweine, deren Immunsystem dem des Menschen ähnlich ist, gelten als lebende Reagenzgläser, in denen eine neue Variante des Virus entstehen könnte. Ein von Mensch zu Mensch übertragbarer H5N1 hätte das Potential, eine Pandemie mit Millionen von Toten auszulösen.
Die Vereinten Nationen stellten unterdessen einen Aktionsplan zur Eindämmung der Vogelgrippe in Asien vor. Die Seuche werde noch bis zu zehn Jahre lang in Asien grassieren, sagte Joseph Domenech, Chef der Welternährungsorganisation FAO, in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur. Die Behörde werde in den nächsten drei Jahren mehr als 100 Millionen Dollar (83 Millionen Euro) investieren, um die Vogelgrippe besser zu erkennen und Ausbrüche zu dokumentieren.
Shigeru Omi, Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sieht die Vogelgrippe in einem kritischen Stadium. "Wir glauben, dass ein entscheidender Punkt erreicht ist", sagte Omi. "Entweder wir kehren den Trend um, oder die Dinge werden uns aus den Händen gleiten. Wir müssen Krieg gegen dieses Virus führen."