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15. Februar 2006, 16:48 Uhr

Vogelgrippe auf Rügen

Rätselraten über Herkunft des Virus

Wie konnten sich die Rügener Schwäne bloß mit dem gefährlichen Virus H5N1 infizieren? Die Forscher stehen vor einem Rätsel. Denn: Die Vögel haben in Deutschland überwintert - und kamen folglich nicht aus den verseuchten Gebieten.

Warum ausgerechnet Schwäne? Mehr als hundert tote Schwäne und ein toter Habicht sind im Norden der Insel Rügen gefunden worden. Der Greifvogel trug das Vogelgrippe-Virus in sich. Es handelt sich um die zweite Tierart, bei der in Deutschland H5N1 gefunden wurde. Der Habicht und die Schwäne waren auf die Insel Riems gebracht worden, wo sie in den Labors des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) untersucht werden.

Toter Schwan: Erster H5N1-Fund an der Wittower Fähre in Rügen
REUTERS

Toter Schwan: Erster H5N1-Fund an der Wittower Fähre in Rügen

Da die vergangene Woche von Urlaubern in Rügen gefundenen Schwäne das H5N1-Virus in sich trugen, gilt derzeit bei jeglichem toten Federvieh höchste Vorsicht. Warum es ausgerechnet sie sind, die mit dem Vogelgrippe-Erreger infiziert waren, ist völlig ungeklärt.

Auch in Slowenien, Ungarn und Österreich waren tote Schwäne gefunden worden. Ebenso wie für die Vögel aus Rügen stehen für die beiden letztgenannten Länder die offiziellen Bestätigungen des EU-Referenzlabors im britischen Weybridge noch aus.

FLI-Sprecherin Elke Reinking bestätigte, dass es sich bei den auf Rügen infizierten Vögeln um Höckerschwäne handelt. "Diese Art ist ein Standortvogel, der immer hier ist", sagte sie. "Uns beschäftigt jetzt die Frage, wo kommt das Virus her?" Das FLI ist als Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere die zentrale wissenschaftliche Instanz in Deutschland, wenn es um die Vogelgrippe geht. Seine Beratung dient der Bundesregierung und den Landesregierungen als Entscheidungsgrundlage für die Seuchenbekämpfung.

Vordringlich wollen die Wissenschaftler nun klären: Warum und wie haben sich die Höckerschwäne den Erreger eingefangen, obwohl sie doch keine Zugvögel sind?

Höckerschwan kein Zugvogel

"Dieses aktuelle Phänomen ist nicht zu erklären, denn es hat offensichtlich nichts mit dem Vogelzug zu tun", sagte der Vogelforscher Franz Bairlein. Da Höckerschwäne nur kurze Strecken zurücklegten, könnten sie nicht aus Vogelgrippe-Regionen gekommen sein. "Aber woher kommt das Virus dann, wenn es nicht durch Zugvögel transportiert wurde?", fragt der Leiter des Wilhelmshavener Instituts für Vogelforschung. "Nur die Sing- und Zwergschwäne sind arktische Zugvögel und überwintern hier. Aus der Arktis können sie das Virus aber nicht eingeschleppt haben, denn dort ist es bislang nicht nachgewiesen."

Ein zweites Szenario wäre, dass die Rügener Schwäne sich vor Ort oder in der Umgebung bei anderen Wildvögeln angesteckt haben. Bairlein hält es für möglich, dass die Tiere verhungert oder Opfer des strengen Winters geworden sind und gleichzeitig auch Grippeviren in sich getragen haben. Die Vogelgrippe ist nun im Labor diagnostiziert worden, muss aber nicht zwangsläufig auch den Tod der Vögel herbeigeführt haben. Laut Bairlein könnten die Schwäne ein Anzeichen dafür sein, "dass Wildvögel- und Wassergeflügelbestände ein natürliches Reservoir für Grippeviren sind."

FLI-Sprecherin Reinking zeichnet diese Möglichkeit nach: Die Schwäne könnten sich bei Wildenten angesteckt haben, die sich ihrerseits schon im vergangenen Jahr bei Zugvögeln infiziert haben. "Dann kam das Virus bis jetzt unentdeckt in der Wildvogelpopulation vor", sagte Reinking.

Der tote Habicht, bei dem zumindest der Schnelltest H5N1 angezeigt hat, würde diese Theorie stärken. Es seien schon infizierte Greifvögel in Asien und im Nahen Osten sowie nach Europa eingeschmuggelten Greife mit dem Virus entdeckt worden. "Das ist unser Appell an die Ornithologen, verstärkt auf tote Greifvögel zu achten", sagte die Sprecherin.

Heimische (Greif-)Vögel als Reservoir: Der Haken an dieser Erklärung ist jedoch, dass im vergangen Herbst bei einer Untersuchung von Tausenden Wildvögeln in Europa kein H5N1 festgestellt worden ist. Kein Anzeichen für ein stilles Reservoir also. "Dies ist ausgesprochen eigenartig. Dafür haben wir kein Erklärungsszenario", sagt Bairlein.

13.000 Schwanenpaare in Deutschland

Der Lebensraum des Höckerschwans (Cygnus olor) reicht vom mittleren Schweden über das Baltikum und Osteuropa bis ans Schwarze Meer und weiter östlich von Vorderasien bis nach China. In West- und Zentraleuropa wurde er vom Menschen als Parkvogel angesiedelt. In ländlichen Gebieten hat er auch Kontakt zu Hausenten und -gänsen. In Deutschland brüten rund 13.000 Paare des Höckerschwans. Es ist die häufigste Schwanen-Art. Die Tiere werden bis zu 1,60 Meter groß und haben eine Flügelspannweite von rund 2,20 Metern. Viele Schwäne dieser Art überwintern an der Ostseeküste. Insbesondere im Überwinterungsgebiet sind Höckerschwäne sehr gesellig und kommen auch in enger Nähe zu Gänsen, wilden Entenarten sowie Hausenten vor. Dies alles spricht gegen eine direkte Einschleppung des auch für Menschen gefährlichen Virus durch eines der in Rügen gefundenen Tiere.

"Die Höckerschwäne können aber auch aus Osteuropa gekommen sein", mutmaßte Elke Reinking. Sie könnten vor der Kälte in Russland geflohen sein. "Wir wissen nicht, wie weit sie fliegen können." Von den noch auf Rügen liegenden toten Vögeln geht Reinking zufolge keine Gefahr für den Menschen aus. "Absperrungen sind nicht notwendig", sagte sie. Nach Angaben von FLI-Präsident Thomas Mettenleiter hat es bei allen weltweit bekannten Infektionsfällen bei Menschen stets einen direkten Kontakt zu Nutzgeflügel gegeben.

Hamburg sperrt Alsterschwäne in Zelt

Vogelforscher Bairlein erwartet in den kommenden Tagen, dass die Veterinärämter eine große Anzahl tot entdeckter Vögel zur Untersuchung bekommen: "Wenn jetzt irgendwo eine tote Ente gefunden wird, wird sie gemeldet.

So hat die Polizei in Hamburg den Fundort mehrere toter Enten im Stadtteil Hammerbrook abgesperrt. Bis zum Ende der Woche will die Umweltbehörde der Hansestadt darüber hinaus die rund 120 Alsterschwäne in ein 700 Quadratmeter großes Schutzzelt einsperren. Während der Zeit des Vogelzugs soll so einer Ansteckungsgefahr begegnet werden. Die Berliner Senatsverwaltung hat indessen die Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsämter angewiesen, tot aufgefundene Wildvögel verstärkt auf das gefährliche Virus H5N1 zu testen. Kurz nach den Meldungen aus Deutschland wurden auch in Dänemark aufgefundene tote Schwäne zur Untersuchungen den Veterinären übergeben.

Generell gilt, dass in Verdachtsfällen zunächst geprüft wird, ob ein Tier ein Grippevirus des Influenza-A-Subtyps in sich trägt. Falls ja, wird zunächst das Protein Hämagglutinin untersucht. Handelt es sich um die Variante H5, muss ein zweites Protein von der Virus-Oberfläche, Neuraminidase, untersucht werden. Finden die Veterinäre tatsächlich auf diesem Weg H5N1, muss das Referenzlabor in Weybridge das Ergebnis replizieren. Dann erst wird aus einem Verdachts- ein offizieller Vogelgrippefall.

stx/AP/dpa

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