Vogelgrippe auf Rügen Rätselraten über Herkunft des Virus

Wie konnten sich die Rügener Schwäne bloß mit dem gefährlichen Virus H5N1 infizieren? Die Forscher stehen vor einem Rätsel. Denn: Die Vögel haben in Deutschland überwintert - und kamen folglich nicht aus den verseuchten Gebieten.


Warum ausgerechnet Schwäne? Mehr als hundert tote Schwäne und ein toter Habicht sind im Norden der Insel Rügen gefunden worden. Der Greifvogel trug das Vogelgrippe-Virus in sich. Es handelt sich um die zweite Tierart, bei der in Deutschland H5N1 gefunden wurde. Der Habicht und die Schwäne waren auf die Insel Riems gebracht worden, wo sie in den Labors des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) untersucht werden.

Toter Schwan: Erster H5N1-Fund an der Wittower Fähre in Rügen
REUTERS

Toter Schwan: Erster H5N1-Fund an der Wittower Fähre in Rügen

Da die vergangene Woche von Urlaubern in Rügen gefundenen Schwäne das H5N1-Virus in sich trugen, gilt derzeit bei jeglichem toten Federvieh höchste Vorsicht. Warum es ausgerechnet sie sind, die mit dem Vogelgrippe-Erreger infiziert waren, ist völlig ungeklärt.

Auch in Slowenien, Ungarn und Österreich waren tote Schwäne gefunden worden. Ebenso wie für die Vögel aus Rügen stehen für die beiden letztgenannten Länder die offiziellen Bestätigungen des EU-Referenzlabors im britischen Weybridge noch aus.

FLI-Sprecherin Elke Reinking bestätigte, dass es sich bei den auf Rügen infizierten Vögeln um Höckerschwäne handelt. "Diese Art ist ein Standortvogel, der immer hier ist", sagte sie. "Uns beschäftigt jetzt die Frage, wo kommt das Virus her?" Das FLI ist als Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere die zentrale wissenschaftliche Instanz in Deutschland, wenn es um die Vogelgrippe geht. Seine Beratung dient der Bundesregierung und den Landesregierungen als Entscheidungsgrundlage für die Seuchenbekämpfung.

Vordringlich wollen die Wissenschaftler nun klären: Warum und wie haben sich die Höckerschwäne den Erreger eingefangen, obwohl sie doch keine Zugvögel sind?

Höckerschwan kein Zugvogel

"Dieses aktuelle Phänomen ist nicht zu erklären, denn es hat offensichtlich nichts mit dem Vogelzug zu tun", sagte der Vogelforscher Franz Bairlein. Da Höckerschwäne nur kurze Strecken zurücklegten, könnten sie nicht aus Vogelgrippe-Regionen gekommen sein. "Aber woher kommt das Virus dann, wenn es nicht durch Zugvögel transportiert wurde?", fragt der Leiter des Wilhelmshavener Instituts für Vogelforschung. "Nur die Sing- und Zwergschwäne sind arktische Zugvögel und überwintern hier. Aus der Arktis können sie das Virus aber nicht eingeschleppt haben, denn dort ist es bislang nicht nachgewiesen."

Vogelgrippe
Infografik:
Die globale Ausbreitung der Vogelgrippe

Ein zweites Szenario wäre, dass die Rügener Schwäne sich vor Ort oder in der Umgebung bei anderen Wildvögeln angesteckt haben. Bairlein hält es für möglich, dass die Tiere verhungert oder Opfer des strengen Winters geworden sind und gleichzeitig auch Grippeviren in sich getragen haben. Die Vogelgrippe ist nun im Labor diagnostiziert worden, muss aber nicht zwangsläufig auch den Tod der Vögel herbeigeführt haben. Laut Bairlein könnten die Schwäne ein Anzeichen dafür sein, "dass Wildvögel- und Wassergeflügelbestände ein natürliches Reservoir für Grippeviren sind."

FLI-Sprecherin Reinking zeichnet diese Möglichkeit nach: Die Schwäne könnten sich bei Wildenten angesteckt haben, die sich ihrerseits schon im vergangenen Jahr bei Zugvögeln infiziert haben. "Dann kam das Virus bis jetzt unentdeckt in der Wildvogelpopulation vor", sagte Reinking.

Der tote Habicht, bei dem zumindest der Schnelltest H5N1 angezeigt hat, würde diese Theorie stärken. Es seien schon infizierte Greifvögel in Asien und im Nahen Osten sowie nach Europa eingeschmuggelten Greife mit dem Virus entdeckt worden. "Das ist unser Appell an die Ornithologen, verstärkt auf tote Greifvögel zu achten", sagte die Sprecherin.

Heimische (Greif-)Vögel als Reservoir: Der Haken an dieser Erklärung ist jedoch, dass im vergangen Herbst bei einer Untersuchung von Tausenden Wildvögeln in Europa kein H5N1 festgestellt worden ist. Kein Anzeichen für ein stilles Reservoir also. "Dies ist ausgesprochen eigenartig. Dafür haben wir kein Erklärungsszenario", sagt Bairlein.

13.000 Schwanenpaare in Deutschland

Der Lebensraum des Höckerschwans (Cygnus olor) reicht vom mittleren Schweden über das Baltikum und Osteuropa bis ans Schwarze Meer und weiter östlich von Vorderasien bis nach China. In West- und Zentraleuropa wurde er vom Menschen als Parkvogel angesiedelt. In ländlichen Gebieten hat er auch Kontakt zu Hausenten und -gänsen. In Deutschland brüten rund 13.000 Paare des Höckerschwans. Es ist die häufigste Schwanen-Art. Die Tiere werden bis zu 1,60 Meter groß und haben eine Flügelspannweite von rund 2,20 Metern. Viele Schwäne dieser Art überwintern an der Ostseeküste. Insbesondere im Überwinterungsgebiet sind Höckerschwäne sehr gesellig und kommen auch in enger Nähe zu Gänsen, wilden Entenarten sowie Hausenten vor. Dies alles spricht gegen eine direkte Einschleppung des auch für Menschen gefährlichen Virus durch eines der in Rügen gefundenen Tiere.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

"Die Höckerschwäne können aber auch aus Osteuropa gekommen sein", mutmaßte Elke Reinking. Sie könnten vor der Kälte in Russland geflohen sein. "Wir wissen nicht, wie weit sie fliegen können." Von den noch auf Rügen liegenden toten Vögeln geht Reinking zufolge keine Gefahr für den Menschen aus. "Absperrungen sind nicht notwendig", sagte sie. Nach Angaben von FLI-Präsident Thomas Mettenleiter hat es bei allen weltweit bekannten Infektionsfällen bei Menschen stets einen direkten Kontakt zu Nutzgeflügel gegeben.

Hamburg sperrt Alsterschwäne in Zelt

Vogelforscher Bairlein erwartet in den kommenden Tagen, dass die Veterinärämter eine große Anzahl tot entdeckter Vögel zur Untersuchung bekommen: "Wenn jetzt irgendwo eine tote Ente gefunden wird, wird sie gemeldet.

So hat die Polizei in Hamburg den Fundort mehrere toter Enten im Stadtteil Hammerbrook abgesperrt. Bis zum Ende der Woche will die Umweltbehörde der Hansestadt darüber hinaus die rund 120 Alsterschwäne in ein 700 Quadratmeter großes Schutzzelt einsperren. Während der Zeit des Vogelzugs soll so einer Ansteckungsgefahr begegnet werden. Die Berliner Senatsverwaltung hat indessen die Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsämter angewiesen, tot aufgefundene Wildvögel verstärkt auf das gefährliche Virus H5N1 zu testen. Kurz nach den Meldungen aus Deutschland wurden auch in Dänemark aufgefundene tote Schwäne zur Untersuchungen den Veterinären übergeben.

Generell gilt, dass in Verdachtsfällen zunächst geprüft wird, ob ein Tier ein Grippevirus des Influenza-A-Subtyps in sich trägt. Falls ja, wird zunächst das Protein Hämagglutinin untersucht. Handelt es sich um die Variante H5, muss ein zweites Protein von der Virus-Oberfläche, Neuraminidase, untersucht werden. Finden die Veterinäre tatsächlich auf diesem Weg H5N1, muss das Referenzlabor in Weybridge das Ergebnis replizieren. Dann erst wird aus einem Verdachts- ein offizieller Vogelgrippefall.

stx/AP/dpa



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