Vogelgrippe Das Geschäft mit der Angst

Bauern und Tourismusbranche fürchten um ihren Umsatz und manche Betriebe gar um ihre Existenz, seit die Vogelgrippe in Deutschland angekommen ist. Geschäftemacher versuchen inzwischen, Profit zu schlagen aus der Angst vor einer Pandemie, die es noch gar nicht gibt.

Von Miriam Schröder


Dass zwei Liter Wasser am Tag gesund sind, hat sich inzwischen herumgesprochen. Dass Mineralwasser aber auch gegen das H5N1-Virus schützen könnte, klang nach einer Sensation. Kaum hatte die Tierseuche in Mitteleuropa die ersten Schwäne und Hühner dahingerafft, verkaufte ein tschechischer Getränkehersteller seine Flaschen mit neuen Etiketten: "Immunisiert gegen Vogelgrippe" - und zwar sogar in den Geschmacksrichtungen Pampelmuse, Zitrone und Orange.

Bundeswehrsoldaten auf Rügen: Anbieter von Atemschutzmasken, Latex-Handschuhen und dubiosen Mittelchen wittern Gewinne
DPA

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Die Gesundheitsbehörden in Prag forderten das Unternehmen auf, das Schwindelprodukt unverzüglich vom Markt zu nehmen. Nicht nur in Tschechien sprießen zweifelhafte Angebote: Während einige Unternehmen aus der Tourismus- oder Geflügelbranche bereits um ihre Existenz bangen, wittern andere das ganz große Geschäft.

Mit einem bunten Huhn auf der Verpackung und dem Hinweis "biologisch abbaubar" wirbt eine süddeutsche Firma für ihr "Vogelgrippeschutzset für eine Person". Für nur 19,99 Euro erhalte der Kunde "eine Zusammenstellung verschiedener protektiver Produkte, die bei einem Ausbruch in näherer Umgebung maximale Sicherheit geben". Das Set beinhalte hochwirksame Desinfektionstabletten, zwei Paar medizinische Latexhandschuhe sowie eine Atemschutzmaske "der Vogelgrippe umfassenden Klasse FFP3". Man solle sich "im Ernstfall" mit diesem Set schützen. Für den gleichen Preis bietet ein Hersteller aus Schleswig-Holstein sogar ein Schutzpaket "für die ganze Familie" an.

Dass alleine das Wort Vogelgrippe derzeit Geld wert ist, bemerken inzwischen auch die seriösen Teile der Wirtschaft. Das Leverkusener Chemieunternehmen Lanxess etwa hat am Mittwoch eine Studie präsentiert, der zufolge ein Desinfektionsmittel auch gegen das Vogelgrippe-Virus wirkt. Daraufhin schnellte der Wert der Konzern-Aktie kurzfristig um sieben Prozent in die Höhe.

Warmer Geldregen für Roche

Der Pharmakonzern Roche hat 2005 gar Rekordergebnisse erzielt - unter anderem dank der starken Nachfrage nach dem Grippemittel Tamiflu. Der Betriebsgewinn erhöhte sich um 33 Prozent auf rund sechs Milliarden Euro, der Konzernumsatz stieg derweil um 20 Prozent auf fast 23 Milliarden Euro. Allein Tamiflu, zuvor eher ein Nischenprodukt, bescherte dem Konzern im vergangenen Jahr einen Umsatz von einer Milliarde Euro - eine Steigerung von 370 Prozent gegenüber 2004.

Die Vogelgrippe
Virus
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Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
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Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
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Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Verbraucherschützer und Mediziner warnen die Bevölkerung indes vor Panikkäufen, sowohl was Medikamente als auch andere Produkte betrifft. "Es gibt bisher überhaupt keine Veranlassung, Atemschutzmasken oder Desinfektionsmittel zu kaufen", sagt Carel Mohn, Pressesprecher des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Wer solche Artikel derzeit im Zusammenhang mit der Vogelgrippe anbiete, "versucht nur, Profit machen".

Auch das Berliner Robert-Koch-Institut schreibt in einer aktuellen Empfehlung: "Für die allgemeine Bevölkerung, die keinen Kontakt zu Tieren, insbesondere Geflügel oder aus unbekannten Gründen erkrankten oder verendeten Wildvögeln hat, werden keine besonderen Schutzmaßnahmen empfohlen." Dies gelte auch für Menschen, die in den Vogelgrippegebieten an der Ostsee wohnen.

Kostspielige Servicenummern

"Um sich zu schützen, braucht man eigentlich nur den gesunde Menschenverstand", sagt Verbraucherschützer Mohn. Menschen sollten den Kontakt zu Vögeln in der freien Wildbahn deshalb vermeiden. Auch wird vor dem Verzehr von rohen Eiern und rohem Geflügelfleisch gewarnt. Wer Hähnchen oder Enten in der Küche zubereitet, sollte sich anschließend die Hände waschen und die Gegenstände reinigen, die mit dem Fleisch in Berührung gekommen sind. "Das sind Hygienevorschriften, die man ohnehin beachten sollte", so Mohn.

Seriöse Informationen erhält der Verbraucher überdies bei den kostenlosen Hotlines der Verbraucherzentralen und des Ministeriums für Verbraucherschutz. Dennoch versuchen dubiose Anbieter, die Angst der Bürger vor der Seuche auch mit teuren Service-Nummern zu Geld zu machen.

Zahlreiche private Telefonhotlines und Faxabrufe bieten über teure Servicenummern meist minderwertige Empfehlungen. Auch das Internet wird mit fragwürdigen Angeboten überflutet. Der Begriff Vogelgrippe findet sich mittlerweile in diversen Internet-Adressen und - vom Schutzanzug über Vogelgrippe-Feuerzeuge bis hin zum garantiert H5N1-freien Tintenstrahldrucker.



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