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08. Januar 2006, 20:01 Uhr

Vogelgrippe

Das Virus erreicht Istanbul

Die Meldungen über die Verbreitung der Vogelgrippe in der Türkei überschlagen sich. Nun wurde der Erreger auch in einem Vorort von Istanbul bei Vögeln festgestellt. Insgesamt haben sich inzwischen mindestens neun Menschen definitiv infiziert, fünf von ihnen mit dem H5N1-Virustyp.

Ankara - Einen Infektionsherd hat das türkische Landwirtschaftsministerium im europäischen Teil des Landes festgestellt. Labortests wiesen den Erreger bei Tieren in Kücükcekmece nach, einem westlichen Außenbezirk der Zehn-Millionen-Stadt Istanbul, wie die Nachrichtenagentur Anadolu am Sonntag berichtete. Ob es sich um den auch für Menschen gefährlichen H5N1-Virusstamm handelt, ging aus der Mitteilung des Ministeriums nicht hervor. Auch nahe der Stadt Bursa südlich von Istanbul wurde laut der Nachrichtenagentur Vogelgrippe bei Geflügel registriert.

Das Ministerium verhängte eine Urlaubssperre für seine Mitarbeiter. Fälle von Vogelgrippe seien Laborergebnissen zufolge mittlerweile in 10 der 81 Provinzen des Landes nachgewiesen worden, darunter in Istanbul, Bursa und Ankara. Insgesamt handele es sich um 15 Infektionsherde.

Nach Behördenangaben wurden jetzt auch in der türkischen Hauptstadt Ankara drei Patienten positiv auf einen einschlägigen Erreger getestet. Einem hochrangigen Beamten zufolge handelt es sich auch bei diesen Fällen um den hochgefährlichen Virustyp H5N1. Diesem fielen bereits zwei Geschwister in der osttürkischen Stadt Van zum Opfer, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO bestätigt hat.

Insgesamt haben sich somit nach neuesten Angaben bis Sonntagabend mindestens neun Türken mit der Vogelgrippe infiziert, fünf von ihnen definitiv mit dem H5N1-Erreger. Neben den beiden Verstorbenen aus Dogubayazit in der südosttürkischen Provinz Van war ein fünfjähriger Junge betroffen, der im Krankenhaus von Van um sein Leben kämpft. Bei der ebenfalls verstorbenen Schwester des Geschwisterpaares sowie einem erkrankten achtjährigen Mädchen aus Van stand der Erregertyp noch nicht endgültig fest.

In der Gegend um Dogubayazit, dem Heimatort der verstorbenen Geschwister, wurden schon etwa 30.000 Vögel vorsorglich getötet, wie der türkische Fernsehsender NTV am Sonntag berichtete. Viele Dorfbewohner wehrten sich nach Behördenangaben verzweifelt dagegen, weil sie ihre Lebensgrundlage bedroht sehen. Die Sorglosigkeit der Menschen im Umgang mit infiziertem oder potentiell infiziertem Geflügel gilt Experten derzeit als der Hauptgrund für die Übertragung des Virus' auf Menschen.

Klaus Stöhr, der Chef des Influenza-Programmes der Weltgesundheitsorganisation WHO, hatte noch am Morgen in einem Interview gesagt, es gebe keine neuen Hinweise, dass das Virus sich von Mensch zu Mensch übertragen könne. "Das Gefahrenpotential hat sich nicht verändert", sagte Stöhr im NDR. Die Seuche sei in der Türkei offenbar schon viel länger verbreitet als angenommen. Ausgebreitet habe sie sich wegen eines unzureichenden Seuchenschutzes. Nach Stöhrs Angaben hat sich die Zahl der Verdachtsfälle bei Menschen in der Türkei auf 50 erhöht.

Die russischen Gesundheitsbehörden warnten am Sonntag vor Reisen in die Türkei. Touristen sollten insbesondere den Osten des Landes meiden und sich bei einer Rückkehr medizinisch untersuchen lassen, hieß in einer Empfehlung.

Insgesamt geht die WHO nun von 146 bestätigten Infektionsfällen in Kambodscha, China, Indonesien, Thailand, der Türkei und Vietnam aus. 76 Menschen sind demnach gestorben.

Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) kündigte am Wochenende an, wenn die Regierung in Ankara es wünsche, reisten sofort Virologen des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit von der Insel Riems in das südeuropäische Land. Die Wissenschaftler könnten helfen, die Krankheit rechtzeitig zu erkennen und zu bekämpfen. Derweil wird in Deutschland der Ruf nach besseren Grenzkontrollen und einer erneuten Stallpflicht lauter.

Um eine Einschleppung der Erkrankung zu verhindern, plädierten Experten für verstärkte Vorsichtsmaßnahmen. "Wir brauchen schärfere Kontrollen aller Reisenden aus den Risikogebieten", sagte der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Roland Stahl. Er betonte: "An den Flughäfen muss stärker kontrolliert werden, aber auch Bahnhöfe und Lkw-Transporte müssen schärfer von Polizei und Zoll untersucht werden."

Illegal eingeführte Lebensmittel seien die größte Gefahrenquelle, warnte der Direktor der Vogelklinik der Universität Gießen, Erhard Kaleta. Er fügte hinzu: "Wir machen am Frankfurter Flughafen bereits 24 Stunden am Tag stichprobenartige Kontrollen." Aber das reiche nicht aus. Der Leiter der Tierseuchenbekämpfung am hessischen Umweltministerium, Thomas Fröhlich, appellierte an die EU-Kommission, "die Kontrollen an den anderen europäischen Flughäfen zu erhöhen und auch die Außengrenzen besser zu prüfen".

Auch nach Einschätzung der Bundesärztekammer müssten an den Flughäfen engmaschige Kontrollen bestehen. Präsident Jörg-Dietrich Hoppe forderte: "Wir müssen uns auf den Tag X vorbereiten, an dem die Vogelgrippe auch hierzulande festgestellt wird."

"Bei milden Temperaturen kann der Vogelzug nach Deutschland schon innerhalb der nächsten Wochen einsetzen. Darauf müssen wir reagieren können", sagte er.

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