Vogelgrippe erreicht Großstadt H5N1 in Mannheim und Wandlitz

Eine tote Wildente im Rheinhafen macht Mannheim zur ersten deutschen Großstadt mit Vogelgrippe-Sperrzone. Der Einzelfall trifft zwar gleich drei Bundesländer, sorgt aber für wenig Aufregung in Anbetracht der generellen Ausbreitung der Tierseuche.


"Im Prinzip ist dieser Sperrbezirk ein virtueller Akt - es werden Schilder aufgestellt, und das war's im Wesentlichen", sagte ein Sprecher der Stadt Mannheim, "völlig undramatisch." Der virtuelle Zirkel um den Fundort des H5N1-infizierten Entenkadavers, umfasst ein Gebiet mit drei Kilometern Radius und rund 100.000 Bewohnern.

Die Sperrzone umfasst nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa zwar den Mannheimer Straßenstrich, dafür aber nach Darstellung der Stadt keinen Nutzgeflügelbestand. Nur einige Kleintierzuchtvereine mit wenigen tausend Tieren lägen im Sperrgebiet. Einzig Schilder mit Warnhinweisen erinnern - wie in den anderen Vogelgrippe-Landkreisen Deutschlands  - an die Tierseuche. Dafür kann Mannheims Oberbürgermeister Gerhard Widder (SPD) eine Drohung aus den letzten Wochen wahr machen: Weil sich wegen des Streiks im öffentlichen Dienst Müll am Straßenrand sammelt, lässt er nun in Anbetracht der Tierseuchengefahr eine Privatfirma den Müll wegräumen. Sonst, kündigt die Stadt an, sollen Tierärzte die Betriebe mit Geflügelhaltung verstärkt beobachten.

Vor Ort erscheint der erste Fall von Vogelgrippe in einer deutschen Großstadt das Gegenteil von Aufregung zu erwecken. Auch der Landwirtschaftsminister in Stuttgart betont Gelassenheit: Der erste Vogelgrippe-Fall am Oberrhein habe sein Ministerium "nicht sonderlich überrascht". Peter Hauk (CDU) sagte: "Baden-Württemberg zählt zu dem Bundesland, das mit die größte Vogelpopulation überhaupt hat." Die Rhein-Neckar-Zeitung aus den nahen Heidelberg kommentiert: "Die epidemischen Verbreitungswege sind in ländlichen Regionen sogar viel zahlreicher."

Gewissheit über Asia-Variante bis Sonntag

Bis spätestens Sonntag soll zudem feststehen, ob die tote Ente aus dem Mannheimer Hafen die gefährliche Asia-Variante des Vogelgrippe-Erregers H5N1 in sich trug. Das teilte Hauk am Freitagabend mit. Diese weiterführende Untersuchung wird immer dann vorgenommen, wenn Tiere weitab bisheriger Fundstellen positiv auf H5N1 getestet werden. Solange diese Untersuchung nicht abgeschlossen ist, bleibt die Möglichkeit bestehen, dass das tote Tier mit einer harmlosen Variante von H5N1 infiziert war. Bislang war H5N1 in Baden-Württemberg nur am Bodensee aufgetreten, auch dort in der gefährlichen Asia-Variante.

Feuerwehrleute hatten das tote Tier am Montag aus dem Kaiser-Wilhelm-Becken des Mannheimer Industriehafens geborgen. Die Stadt Mannheim teilte mit, dass am Dienstag Proben der Ente ins nationale Referenzlabor des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) gesandt wurden, nachdem eine Analyse in Heidelberger Veterinäramt eine Vogelgrippediagnose ergeben hatte. Am heutigen Freitag bestätigte das FLI, dass es sich dabei um einen H5N1-Erreger handelt.

Das Ministerium in Stuttgart meldete, dass der Sperrbezirk sich auch auf den Stadtkreis Ludwigshafen erstrecke, der auf der anderen Rheinseite in Rheinland-Pfalz beginnt. Das Beobachtungsgebiet mit einem Radius von zehn Kilometern um den Fundort umfasst das komplette Mannheimer Stadtgebiet sowie Teile des baden-württembergischen Rhein-Neckar-Kreises, des hessischen Landkreises Bergstraße und des Landkreises Rhein-Pfalz im Bundesland Rheinland-Pfalz. In Mannheim leben 325.000 Menschen. Auch Teile des Ludwigshafener Chemiekonzerns BASF liegen im Sperrgebiet. Das Zusammenspiel zwischen den drei betroffenen Bundesländern im Drei-Länder-Eck habe hervorragend funktioniert, sagte Landwirtschaftsminister Hauk.

Virus vor Berlin, rund um den Bodensee

Am Vormittag hatte Brandenburg zwei neue Fälle in den Landkreisen Märkisch-Oderland und Barnim gemeldet. Mit dem letztgenannten Landkreis erreichte das Virus auch die unmittelbare Nachbarschaft von Berlin. Ein toter Vogel wurde auf einem Seegrundstück in Wandlitz gefunden. Wandlitz ist der Berliner Vorort, in dem vor der Wende Größen der SED residierten. Der Ort liegt rund zwanzig Kilometer nördlich der Hauptstadt.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Ein weiterer Infektionsfall wird von einem Turmfalken aus Brandenburg gemeldet, der im Landkreis Potsdam-Mittelmark tot aufgefunden worden war. Auf Rügen zieht derweil der Großteil der Bundeswehrkräfte ab, die bei der Bewältigung der Vogelgrippefälle geholfen hatten. Aus Nordrhein-Westfalen wird der Ausbruch einer zweiten Tierseuche, der Schweinepest gemeldet.

Von der österreichischen Seite des Bodensees wird indes ein erster H5N1-Fall gemeldet. In der Nähe von Bregenz sei das Virus bei fünf toten Wildvögel festgestellt worden, sagte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums am Freitagabend. Damit hat sich die Tierseuche auch in den Westen Österreichs verbreitet. Auf Schweizer Seite waren bereits tote Vögel mit H5N1 gefunden worden. Das Kanton Schaffhausen meldete heute fünf neue Fälle.

Auch in der österreichischen Steiermark wurde in einem Stausee bei Bruck an der Mur eine Wildente mit Vogelgrippe dieses Typs entdeckt. Die Steiermark war bereits von mehreren Fällen von Vogelgrippe betroffen gewesen - auch bei Haustieren wie Hühnern und Enten. Der Erreger hatte sich durch einen infizierten Schwan in einem Tierheim verbreitet.

stx/AP/dpa/rtr



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