Vogelgrippe Erster Fall in Niedersachsen bestätigt

Die Vogelgrippe hat Niedersachsen erreicht. Das auch für den Menschen gefährliche Virus H5N1 wurde bei einer Wildgans nachgewiesen. Das tote Tier war vor einer Woche auf einem Acker im Kreis Soltau-Fallingbostel entdeckt worden.


Hannover - Erst gestern war der erste Seuchenfall in einer Großstadt aufgetreten: Mannheim. Auch nahe Berlin, in Wandlitz, war ein H5N1-Fall bestätigt worden. Ingesamt sind nun sechs Bundesländer von der Tierseuche betroffen. Nach Angaben eines Sprechers des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums handelt es sich bei dem infizierten Tier um eine Graugans. Der Vogel sei auf einem Acker aufgeschlagen und zwei Stunden später eingesammelt worden. Andere Tiere seien nicht mit der Gans in Kontakt gekommen. In der Gegend gebe es außerdem keine gewerblichen Geflügelbetriebe. Niedersachsen hat allerdings den mit Abstand größten Geflügel-Bestand Deutschlands. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums leben dort rund 72 Millionen Hühner, Enten, Gänse und Puten.

In Bayern wurde heute bei einem weiteren Wildvogel das H5N1-Virus nachgewiesen. Die verendete Wildente sei am 26. Februar im Innenhof der Straubinger Justizvollzugsanstalt gefunden worden, teilte das bayerische Verbraucherschutzministerium am Abend mit.

Zum Schutz vor einer Ausbreitung der Vogelgrippe sind heute in ganz Deutschland verschärfte Sicherheitsmaßnahmen in Kraft getreten. Nach der Infektion einer Katze mit dem Vogelgrippevirus H5N1 dürfen in den Sperrzonen, also im Umkreis von drei Kilometern um die Fundorte infizierter Wildvögel, und in den Überwachungszonen im Umkreis von zehn Kilometern Katzen nicht mehr frei herumlaufen. Hunde sollen in diesen Gebieten angeleint werden.

In den Sperrbezirken und Überwachungszonen ist außerdem der Zugang zu Geflügelställen für Betriebsfremde verboten. Ausnahmeregelungen gelten für Tierärzte und Vertreter der zuständigen Behörden. Dadurch soll verhindert werden, dass das Virus versehentlich in die Nutztierbestände eingeschleppt wird. Auf die Regeln hatte sich der Nationale Krisenstab Tierseuchenbekämpfung mit Bund und Ländern verständigt.

Nach dem Nachweis des H5N1-Virus bei einer auf Rügen tot aufgefundenen Katze waren die Vogelgrippe-Tests bei 32 weiteren untersuchten Kadavern von Säugetieren und potentiellen Aasfressern negativ. Untersucht wurden Füchse, Marder, Katzen, Marderhunde, Dachse, Wildschweine sowie ein Nerz, ein Hund und ein Waschbär, teilte der Krisenstab der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern heute in Schwerin mitteilte.

Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) wertete die Befunde als "beruhigend". Es würden deshalb nur noch in Schutz- und Überwachungszonen tot aufgefundene Säugetiere auf das Grippevirus untersucht. Auch die fortgesetzten Untersuchungen von toten Wildvögeln brachten demnach keine neuen Nachweise von H5N1.

ffr/dpa/AFP/AP

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.



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