Vogelgrippe Forscher könnten Waffe des H5N1-Virus gefunden haben

Eine aufwendige Studie hat die Menge der Daten über das Erbgut des Vogelgrippe-Erregers verdoppelt. Forscher haben dabei möglicherweise herausgefunden, was das H5N1-Virus so gefährlich macht.


Experten fragen sich schon seit langem, warum alle bisherigen Grippe-Pandemien unter Menschen auf Vogelviren zurückgingen - und warum auch die derzeit in Asien kursierende Vogelgrippe-Variante für Menschen tödlicher ist als andere Grippeviren. Jetzt könnten Wissenschaftler eine Antwort gefunden haben.

H5N1-Virus unter dem Mikroskop: Tödlicher als andere Grippeviren
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H5N1-Virus unter dem Mikroskop: Tödlicher als andere Grippeviren

Ein Team um John Obenauer vom St. Jude Children's Research Hospital in Memphis hat 2196 einzelne Vogelgrippe-Gene und das komplette Genom von 169 verschiedenen H5N1-Viren analysiert. Dabei stießen die Forscher auf ein Protein mit einer Reihe von Aminosäuren, die sich in der infizierten Zelle an Rezeptoren binden und dadurch etliche Schlüsselfunktionen von Proteinen beim Menschen lahmlegen.

Menschliche Grippeerreger haben das sogenannte NS1-Protein zwar auch. Doch ihnen fehlt die Kette von Aminosäuren, die Vogelgrippeviren ganz offensichtlich als Waffe nutzen, schreiben Obenauer und seine Kollegen in der Online-Ausgabe des Fachblatts "Science".

Die Forscher hatten Vogelgrippeviren studiert, die von 1976 bis 2004 bei zahlreichen Arten freier Vögel sowie Haushühnern und anderem Zuchtgeflügel isoliert wurden. Ihr Ergebnis, das sie in der "GenBank" öffentlich zugänglich machen, verdoppelt die Anzahl der bisher verfügbaren genetischen Daten von H5N1-Erregern auf einen Schlag, heißt es in "Science".

Die US-Forscher setzten zusätzlich ein von ihnen entwickeltes Verfahren namens "Proteotyping" ein. Dieses konzentriert sich auf Unterschiede in den Aminosäuren der Viren-Proteine und spürt winzigste Veränderungen im Erbgut der Erreger auf, die bei den bisher üblichen Verfahren laut Obenauer und Kollegen leichter übersehen werden.

Die Vogelgrippe
Virus
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Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
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Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
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Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.



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