Vogelgrippe H5N1 tötet vor allem junge Menschen
Achtzehn Menschen steckten sich 1997 in Hong Kong mit einer Tierseuche an, deren Kürzel mittlerweile die ganze Welt kennt, H5N1. Sechs von ihnen starben damals. Im Februar 2003 dann ein weiterer Mensch. Seit den sieben Todesfällen von Hong Kong halten Epidemiologen Ausschau: Wo steckt sich jemand mit der asiatischen Variante des H5N1-Virus an? Wo stirbt gar ein Mensch an der Geflügelseuche?
In der neuesten Ausgabe ihres wöchentlichen epidemiologischen Berichts (Nr. 81, S. 249), zieht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Bilanz für die letzten drei Winter - ein Untersuchungszeitraum, währenddessen immerhin 113 Menschen der Vogelgrippe zum Opfer fielen, bei 203 Ansteckungen. Die WHO berücksichtigte dabei Fälle zwischen Dezember 2003 und Ende April diesen Jahres. Mitte Juni galten schon 228 Ansteckungs- und 130 Todesfälle als bestätigt.
Interessanter als die absoluten Zahlen fanden die Experten jedoch das Muster der Häufigkeiten: Immer während des Winters und Frühjahrs auf der Nordhalbkugel ging die Ansteckungszahl nach oben. Dementsprechend erwartet die WHO auch für den kommenden Winter wieder ein Anschwellen der Fallzahlen. Dies entspricht dem Jahresverlauf bei der saisonalen menschlichen Influenza, die ebenfalls in der kalten Jahreszeit grassiert.
Ähnlichkeit mit dem Opfer-Muster der Spanischen Grippe
Während die Wintergrippe aber hauptsächlich kleine Kinder und sehr alte Menschen tötet, zeigt die Auswertung der menschlichen H5N1-Fälle ein anderes Muster: Ein typisches H5N1-Opfer ist vier Tage nach Beginn der Grippe so krank, dass er oder sie ins Krankenhaus muss. Weitere fünf Tage später stirbt er. Besonders junge Erwachsene fallen ihr zum Opfer. Die Hälfte der H5N1-Toten war jünger als 20 Jahre, 90 Prozent waren jünger als 40 Jahre.
Die Vogelgrippe
Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.
"Die hohe Todesrate unter jungen Erwachsenen findet sich auch im Muster der Epidemie von 1918-1919 wieder", sagte der Epidemiologe Michael T. Osterholm von den Centers for Disease Control in Atlanta der Zeitung "New York Times". Die Spanische Grippe, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs weltweit bis zu 50 Millionen Menschenleben gekostet haben soll, gilt als die größte weltweite Epidemie - daher auch Pandemie genannt - der Geschichte.
Doch nicht nur die - bislang - verhältnismäßig kleinen Zahlen zu H5N1 beim Menschen erschweren die Charakterisierung des neuen Erregers und die Einschätzung, ob er das Zeug zum globalen Killer hat. Der Bericht der WHO steckt voller Einschränkungen das Zahlenmaterial betreffend. Es sei zwar eine Menge Material in dem Bericht enthalten, sagte Fred Hayen, Mediziner bei der WHO in Genf, "aber vieles kann damit nicht angegangen werden, weil die Informationen unvollständig sind".
Bei einigen Fällen fehlten Informationen - etwa zum Zeitpunkt der Erkrankung oder der Einweisung in ein Krankenhaus. Wie viel weitere Erkrankungen nicht der WHO gemeldet und durch ein anerkanntes Labor bestätigt wurden, ist völlig offen. "Es kann nicht gefolgert werden, in welchem Umfang die vorliegenden Fälle repräsentativ für alle menschlichen Fälle sind", schreiben die WHO-Experten zurückhaltend.
Anstieg der Opferzahlen im kommenden Winter erwartet
Die Autoren räumen ein, dass zumindest das niedrige mittlere Alter der Toten auf die äußert junge Bevölkerungsstruktur der betroffenen Länder zurückgeführt werden könne.
Mit einem schnellen Ende der Gefahr rechnet die WHO nicht. "Da das Virus nun im Geflügelbestand einiger Weltgegenden als heimisch gilt und sich weiter bei Vögeln ausbreitet, werden auch weiterhin sporadische Fälle beim Menschen auftreten", schreiben die WHO-Experten. Sie warnen, das Risiko einer Veränderung des Erregers hin zu einer leichter auf Menschen übertragbaren Form bleibe hoch.
Ende Juni hatte die Weltgesundheitsorganisation bestätigt, dass sich innerhalb einer indonesischen Familie ein Vater direkt bei seinem kranken Sohn mit H5N1 infiziert habe - der erste mikrobiologisch bestätigte Fall einer Übertragung von Mensch zu Mensch ohne Umweg über Geflügel. Gefährlicher geworden sei das Virus aber noch nicht, sagte WHO-Sprecher Dick Thompson gegenüber SPIEGEL ONLINE.
Indonesien ist - nach Zahlen vom 20 Juni - kurz davor, das Land mit den meisten menschlichen H5N1-Opfern zu werden. Bislang lag Vietnam mit 42 Toten auf dem traurigen Spitzenplatz. Hier war auch im Dezember 2003 das erste Opfer außerhalb Chinas zu beklagen gewesen. Doch auch in Indonesien starben mittlerweile 39 Menschen nach einer Vogelgrippe-Infektion, soviel ist bestätigt.
stx/rtr