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11. Januar 2006, 12:54 Uhr

Vogelgrippe in der Türkei

Mysteriöse H5N1-Fälle beunruhigen Experten

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In der Türkei sind Forscher auf eine mysteriöse Gruppe von Vogelgrippe-Fällen gestoßen. Fünf Menschen, die mit dem gefährlichen H5N1-Virus infiziert sind, zeigen kaum Krankheitssymptome. Experten befürchten, dass die Gefahr einer weltweiten Seuche dadurch gestiegen ist.

Mit Verblüffung reagierten die Mediziner im Keciören-Krankenhaus in Ankara auf ihre eigenen Daten: Zwei Brüder, vier und fünf Jahre alt, sind eindeutig mit dem gefährlichen Vogelgrippe-Erreger H5N1 infiziert - und zeigen keine Anzeichen einer Erkrankung. Zwei weitere Brüder und ein 65-jähriger Mann tragen ebenfalls das Virus, leiden aber nur unter schwachen Symptomen. Das widerspricht der bisherigen Auffassung, dass sich das H5N1-Virus im menschlichen Körper ähnlich aggressiv verhält wie bei Vögeln und schwerste Symptome verursacht.

Wie die "New York Times" berichtet, wissen die türkischen Mediziner derzeit nicht, ob sie erstmals Menschen im frühesten Stadium einer Vogelgrippe-Erkrankung sehen oder aber entdeckt haben, dass eine Ansteckung mit dem H5N1-Virus nicht immer zu einer Erkrankung führt.

Erst diese Woche hat das Fachblatt "Archives of Internal Medicine" eine Studie veröffentlicht, der zufolge die Zahl der H5N1-Infektionen unter Menschen in Asien viel höher liegen könnte als bisher geschätzt. Als Grund vermuteten die Autoren ebenfalls, dass eine Infektion mit dem Erreger möglicherweise nicht immer zu einer so schweren Erkrankung führt, dass der Patient im Krankenhaus und damit in den Statistiken landet.

Für Epidemiologen ist das eine äußerst schlechte Nachricht. Sollte das H5N1-Virus tatsächlich leichter als bisher angenommen auf den Menschen überspringen und seltener zu schweren Erkrankungen führen, wäre die Gefahr einer weltumspannenden Seuche noch größer.

Gefahr einer Pandemie gestiegen

"Es spricht vieles dafür, dass das Pandemie-Potential von H5N1 dadurch höher einzuschätzen ist", bestätigt Hans-Dieter Klenk, Professor am Zentrum für Hygiene und Infektionsbiologie der Uni Marburg. Denn wer nicht krank wird oder gar stirbt, kann einen Erreger wesentlich länger mit sich herumtragen und weitergeben. "Zudem hat das Virus dann eine größere Chance, sich zu verändern und dem Menschen anzupassen", sagte Klenk im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Wissenschaftler warnen seit Monaten davor, dass H5N1 durch Mutation oder Vermischung mit einem menschlichen Influenza-Erreger zu einem Supervirus werden könnte, das eine Pandemie mit Millionen von Toten auslöst.

Die Gefahr für Deutschland dürfte bereits jetzt gestiegen sein. "Was derzeit in der Türkei geschieht, erinnert stark an das, was in Asien seit Jahren vorgeht", meint Klenk. "Das sind keine sporadischen Ausbrüche. Das Virus könnte sich in der Türkei einnisten." Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftorganisation der Vereinten Nationen. Sie warnte am heutigen Mittwoch davor, dass das H5N1-Virus auch in der Türkei endemisch werden könnte und wie in Asien über Jahre hinweg immer wieder aufflammt, ohne jemals ganz zu verschwinden.

Neue Geflügel-Stallpflicht in Deutschland geplant

"Durch den intensiven Reiseverkehr mit der Türkei steigt die Gefahr, dass das Virus nach Deutschland kommt", erklärt Klenk. Die Bundesregierung sieht das ähnlich und will die Sicherheitsvorkehrungen wieder verschärfen. Landwirtschaftsminister Horst Seehofer sagte heute in Berlin, man werde höchstwahrscheinlich eine neue Stallpflicht für Geflügel per Eilverordnung erlassen. Die Entscheidung solle noch im Januar fallen, sagte Seehofer.

Der Vogelzug sei nach Meinung von Experten jedoch kein großes Problem, sagte der CSU-Politiker. Für das Risiko einer Übertragung der Tierseuche entscheidender sei der illegale Import von Geflügel und Produkten aus den befallenen Regionen, darunter die Türkei und Rumänien.

Seehofer sagte, es helfe hier nur ein verantwortliches Verhalten der Bevölkerung, um die Sache in den Griff zu bekommen. In der EU werde Deutschland darauf drängen, dass die Kontrollen an den Außengrenzen verstärkt würden. Wenn in Deutschland illegale Einfuhren von Geflügelprodukten beschlagnahmt würden, deute das darauf hin, dass an den Außengrenzen zu wenig kontrolliert werde.

Die FAO hat mittlerweile Nachbarstaaten der Türkei, darunter dem Irak, Iran, Syrien, Georgien und Armenien, empfohlen, strenge Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen einzuführen, um eine Einschleppung der Seuche zu verhindern. "Wenn nicht alle Infektionsherde strikt eingedämmt werden, werden noch viel mehr Menschen und Tiere mit H5N1 in Kontakt kommen", sagte FAO-Experte Juan Lebroth.

Die hohe Geschwindigkeit der Vogelgrippe-Verbreitung in der Türkei hat Fachleute in den letzten Tagen vor Rätsel gestellt. Das Land ist das erste außerhalb Ostasiens, das mit H5N1 infizierte Menschen gemeldet hat. Innerhalb nur einer Woche bestätigte die Regierung in Ankara 15 H5N1-Infektionen bei Menschen. In Asien gab es bisher 140 solcher Fälle - allerdings verteilt über einen Zeitraum von fünf Jahren.

In der gleichen Woche wurden H5N1-Ausbrüche bei Geflügel in 16 Städten, verteilt über die gesamte Türkei, bekannt. Noch nie hat es bisher innerhalb so kurzer Zeit so viele parallele Ausbrüche bei Tierbeständen gegeben. Derzeit haben Experten keine Erklärung für dieses Phänomen. Sie können nur vermuten, dass es an der gegenüber Asien strengeren Überwachung in der Türkei liegt.

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