Vogelgrippe Infizierte Zugvögel in Deutschland unwahrscheinlich

Die Angst vor der Vogelgrippe überschattet Europa: In den Niederlanden wollen Züchter ihre Hühner einsperren, weil sie infizierte Zugvögel aus Sibirien befürchten. Experten schätzen diese Gefahr jedoch als gering ein. Inzwischen hat die Tierseuche auch Tibet erreicht.


Pandemie-Risiko: Vögel übertragen das H5N1-Virus, das auch dem Menschen gefährlich werden kann
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Pandemie-Risiko: Vögel übertragen das H5N1-Virus, das auch dem Menschen gefährlich werden kann

Es war eine Katastrophe für die Züchter. 30 Millionen Hühner mussten notgeschlachtet werden, als die Vogelgrippe vor zwei Jahren in den Niederlanden ausgebrochen war. Die derzeitige Aufregung ist daher gut nachzuvollziehen: Aus Angst davor, dass Zugvögel das gefährliche H5N1-Virus nach Europa bringen könnten, fordern Geflügelzüchter in den Niederlanden nun ein vorübergehendes Verbot der Freilandhaltung. Dabei werden die Bauern auch von Parlamentariern unterstützt. Das Kabinett will jedoch zunächst den Rat einer wissenschaftlichen Kommission abwarten.

Zugvögel mit tödlicher Fracht

Nach Einschätzung des Friedrich-Loeffler-Instituts, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, ist das Zugvogel-Risiko in Westeuropa jedoch nicht besonders groß. "Die Vögel ziehen nicht direkt von Russland nach Deutschland", sagte Ortrud Werner gegenüber SPIEGEL ONLINE. Es sei jedoch möglich, dass die Tiere in Überlappungsgebieten miteinander in Kontakt kämen. "Generell verlaufen die Routen der Zugvögel ja von Norden nach Süden", erklärt Werner. Doch die Strecken seien nicht geradlinig, sondern fächerartig. Dadurch könnte es zu Überschneidungen in Rast- und Brutgebieten kommen.

Die größere Gefahr ginge jedoch von illegalen Tiertransporten aus. Am Brüsseler Flughafen waren im Oktober vergangenen Jahres zwei Greifvögel beschlagnahmt worden, die mit dem gefährlichen H5N1-Virus infiziert waren. Selbst einzelne Federn genügten, um das Virus zu übertragen, sagte Werner.

Inzwischen hat sich die Vogelgrippe in Asien weiter ausgebreitet. In Tibet wurde die erste Farm versiegelt, nachdem sich einige Hühner offenbar mit dem Virus angesteckt hatten. Alle 2600 Tiere wurden vorsorglich geschlachtet, das Gelände wurde unter Quarantäne gestellt. Durch das H5N1-Virus sind in Asien seit Ende 2003 bisher etwa 60 Menschen gestorben, die sich offenbar durch intensiven Kontakt mit infizierten Vögeln angesteckt hatten. Über 140 Millionen Tiere wurden seitdem gekeult.

Impfstoff gegen die Pandemie

Auch in Kasachstan wütet der gefährliche H5N1-Virenstamm, ebenso wie in der Mongolei. Die Vogelgrippe war von Asien aus über Zugvögel zunächst nach Sibirien gelangt und hatte schon dort zu Notschlachtungen und Quarantäne-Maßnahmen geführt. Die größte Befürchtung der Wissenschaftler ist, dass sich das Vogelgrippe-Virus mit menschlichen Grippeviren vermischen und damit eine weltweite Pandemie auslösen könnte.

Auf der Suche nach einem möglichen Impfstoff ist US-Forschern kürzlich offenbar ein Durchbruch gelungen: In ersten Tests bewirkte die neu entwickelte Substanz eine Antikörper-Bildung bei den Versuchspersonen. Nun soll so schnell wie möglich die Massenproduktion beginnen. Zuvor seien jedoch weitere Experimente nötig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnete die Substanz als "guten Anfang" im Kampf gegen eine mögliche Pandemie.

Jens Radü



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