Vogelgrippe Landwirte fordern Entschädigungen

Für ganz Vorpommern ist wegen der Vogelgrippe der Katastrophenalarm ausgerufen worden. Doch trotz aller Maßnahmen fürchten die deutschen Bauern immense Schäden - und fordern vorsorglich Entschädigungen vom Staat. China schränkte die Einfuhr von deutschem Geflügel bereits ein.


Berlin - "Bund und Länder müssen solidarisch einstehen, falls sich die Seuche weiter ausbreitet", sagte der Generalsekretär des Bauernverbandes, Helmut Born, der "Berliner Zeitung". Zwar müsse zunächst eine Ausbreitung der Vogelgrippe auf Nutzgeflügel verhindert werden. Sollten aber dennoch umfangreiche Schlachtungen nötig werden, müsse der Staat einspringen.

Rügendamm: Erhöhte Schutzmaßnahmen
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Rügendamm: Erhöhte Schutzmaßnahmen

Der Schweriner Landesbauernverband forderte, in diesem Fall nicht nur den Wert der getöteten Tiere, sondern auch den Ertragsschaden zu ersetzen. "Der Staat darf die Bauern mit den Folgeschäden nicht allein lassen", sagte Sprecher Harald Kienscherf. Weder der Einnahmeverlust durch ausbleibende Eier noch die Kosten von Desinfizierung der Ställe und Wiedereinstieg in die Haltung würden übernommen. Der niedersächsische Bauernverband erklärte dem Bericht zufolge, für viele Betriebe seien Notschlachtungen eine Gefährdung ihrer wirtschaftlichen Existenz.

Auch der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, befürchtet "immense wirtschaftliche Schäden" und sieht bisher vorgesehene Entschädigungsregelungen als unzureichend an. Es müsse "alles unternommen werden", um Nutztiere vor einer Ansteckung mit dem Virus zu schützen, sagte Sonnleitner der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die Gefahr einer Infektion von Nutztieren schätze er als groß ein.

Inzwischen hat China verschärfte Kontrollen für Geflügelimporte aus Deutschland und neun anderen Staaten angeordnet, in denen kürzlich die Vogelgrippe aufgetreten ist. Chinas Quarantäne-Behörde erließ heute eine Eilverordnung, wonach Geflügel und Geflügelprodukte aus Deutschland nur noch dann den Zoll passieren dürfen, wenn sie vorher getestet worden sind. Zudem sollen Menschen, die aus den betroffenen Ländern nach China kommen, stichprobenartig auf Fiebersymptome überprüft werden. Neben Deutschland sind auch Frankreich, Italien, Ägypten und Kuweit von den verschärften Kontrollen betroffen.

Katastrophenalarm ausgeweitet

Nach den ersten Vogelgrippefällen auf dem deutschen Festland wurde der Katastrophenalarm gestern Abend auf nahezu ganz Vorpommern ausgeweitet. Nach dem Landkreis Rügen riefen vorsorglich auch die betroffenen Nachbarkreise Nord- und Ostvorpommern den Katastrophenfall aus. Zudem wurden alle Landkreise und großen Städte an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns zur Überwachungszone erklärt. Die Bundeswehr stockte ihre Kräfte auf Rügen um 250 Kräfte auf, Ostvorpommern forderte ebenfalls Hilfe der Bundeswehr an. Die mit Schutzanzügen ausgestatteten Soldaten sollen auch heute auf der Ferieninsel tote Vögel einsammeln. Außerdem wird in den Landkreisen und großen Städten an der Küste gezielt nach toten Vögeln gesucht.

Nach Einschätzung des Agrarministers von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD), hat das Land die Situation "insgesamt noch nicht im Griff". Bislang wurde das auch für Menschen gefährliche Virus H5N1 bei 81 Vögeln festgestellt. Mit weiteren infizierten Tieren sei zu rechnen, das Risiko der Einschleppung in Hausgeflügelbestände wachse, sagte Backhaus. Mit den Vertretern der Kreise und Städte habe es keine Differenzen über den Ernst der Lage gegeben. Man sei sich einig, dass Fundorte infizierter Vögel abgesperrt würden und das Betreten verboten sei.

Der Virologe Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg geht inzwischen von einer Ausbreitung der Seuche auf weitere Teile Deutschlands aus. "Es würde an ein Wunder grenzen, wenn man die Ausbreitung des Erregers bei den Wildvögeln in den nächsten Tagen und Wochen in den Griff bekommen würde", sagte Kekulé den "Ruhr Nachrichten". Auch außerhalb des Nordostens Deutschlands würden sich wahrscheinlich weitere Infektionsherde entwickeln.

Das Krisenmanagement der Behörden auf Rügen nannte der Wissenschaftler eine Katastrophe. "Das Virus kam keineswegs unerwartet. Da hätten die Behörden schneller reagieren und die Risikogebiete absperren müssen", sagte Kekulé. Die Fehler von Rügen zeigten, dass bei übergreifendem Seuchengeschehen künftig unbedingt der Bund die Hoheit über alle Maßnahmen haben müsse. Es könne nicht sein, "dass einzelne Landkreise die Probleme als Bollwerk für die ganze Bundesrepublik Deutschland alleine lösen müssen". Massenkeulungen, die als Vorsichtsmaßnahme angeordnet worden waren, hätten verhindert werden können, wenn sofort reagiert worden wäre.

lan/AFP/dpa/Reuters/AP/ddp



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