Vogelgrippe Pandemie könnte zwei Billionen Dollar kosten

Die Weltbank hat ihre Kostenschätzung für den Fall einer Vogelgrippe-Pandemie stark nach oben korrigiert: Bis zu zwei Billionen US-Dollar könne eine globale Seuche kosten. Zugleich warnte die Weltgesundheitsorganisation vor einem trügerischen Sicherheitsgefühl.


Singapur/Auckland - Sollte das Vogelgrippe-Virus H5N1 mutieren und sich dem Menschen anpassen, könnte es nicht nur eine globale Seuche mit möglicherweise Millionen von Toten auslösen. Auch die wirtschaftlichen Schäden wären enorm, wie Experten der Weltbank befürchten. Laut Jim Adams, Chef der Vogelgrippe-Taskforce der Weltbank, könnte eine solche Pandemie mehr als drei Prozent des globalen Bruttosozialprodukts verschlingen.

Frau mit Atemschutz (in Taiwan): Schon bei Sars fürchteten Experten eine Pandemie. Der Vogelgrippe-Erreger H5N1 gilt derzeit als wahrscheinlichster Auslöser einer globalen Seuche - und könnte bis zu 1,6 Billionen Euro Schaden verursachen
REUTERS

Frau mit Atemschutz (in Taiwan): Schon bei Sars fürchteten Experten eine Pandemie. Der Vogelgrippe-Erreger H5N1 gilt derzeit als wahrscheinlichster Auslöser einer globalen Seuche - und könnte bis zu 1,6 Billionen Euro Schaden verursachen

"Wir schätzen, dass die Kosten mit Sicherheit eine Billion US-Dollar übersteigen würden", sagte Adams beim jährlichen Treffen zwischen der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds. Im schlimmsten Fall könnte die Marke von zwei Billionen Dollar - rund 1,6 Billionen Euro - erreicht werden.

Frühere Schätzungen waren von einem weltweiten Schaden von rund 800 Milliarden Dollar ausgegangen. Neuere Modellrechnungen hätten diese Zahl jedoch zu niedrig erscheinen lassen, erklärte Adams. Deshalb sei es unbedingt notwendig, Programme zur Vorbeugung einer Vogelgrippe-Pandemie aufzulegen und die Öffentlichkeit besser zu informieren. Die Weltbank selbst habe in diesem Zusammenhang rund 150 Millionen Dollar in elf Staaten investiert.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte unterdessen davor, die derzeit relativ ruhige Lage an der Seuchen-Front als Zeichen der Entspannung zu deuten. "Der einzige Unterschied zwischen der Situation heute und vor sechs Monaten ist, dass manche Medien inzwischen so tun, als ob das Problem nicht mehr existiere", sagte David Nabarro, der bei der WHO den Kampf gegen die Vogelgrippe koordiniert. Vergleiche mit dem sogenannten Y2K-Problem - der unbegründeten Angst vor weltweiten Computer-Abstürzen zum Jahrtausendwechsel - seien gänzlich unangebracht.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Laut Adams sind Afrika und Ostasien besonders durch neue H5N1-Ausbrüche besonders gefährdet, besonders die Länder China und Indonesien. In beiden Staaten sind auch Menschen an der Infektion mit dem Tierseuchen-Erreger gestorben. Die offizielle WHO-Statistik führt 246 Fälle von Infektionen beim Menschen. 144 davon sind tödlich verlaufen. Die meisten Opfer gab es außer in China und Indonesien vor allem in Vietnam. Allerdings handelt es sich hier um Erkrankungen, die H5N1-Viren von Geflügel ausgelöst hatten. Die Ansteckung erfolgte nach sehr engem Kontakt mit den Tieren - zum Teil aufgrund ärmlicher Lebensverhältnisse.

mbe/rtr/AP



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