Vogelgrippe-Quarantäne Im Zentrum der Seuche

Die türkische Regierung meldet zwei weitere an Vogelgrippe erkrankte Menschen. Experten befürchten, die Seuche könne sich auf Jahre in dem Land einnisten. Die Zustände in einem Quarantäne-Gebiet in Istanbul zeigen den Grund: eine gefährliche Mischung aus Armut und Unwissenheit.

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul


Istanbul - Auf den ersten Blick wirkt alles ziemlich unspektakulär. Zwei Fahrzeuge der Stadtverwaltung stehen am Rand der kleinen asphaltierten Straße, die den Hügel hinab zu einer Siedlung führt. Schon von weitem sieht man, das hier keine reichen Leute wohnen.

Die Mitarbeiter des Veterinäramtes des Istanbuler Bezirks Kücükcekmece sind die Wachposten eines Gebietes, das der Gouverneur Anfang der Woche unter Quarantäne gestellt hat. Kurz zuvor waren hier tote Hühner gefunden worden, bei denen erstmals im Großraum der 14-Millionen-Metropole Istanbul die Vogelgrippe nachgewiesen wurde.



Seitdem haben sich die Meldungen überschlagen: In rasendem Tempo hat sich die Seuche überall in der Türkei ausgebreitet. Am heutigen Donnerstag meldete die Regierung in Ankara, dass zwei weitere Menschen an der Vogelgrippe erkrankt sind. Es handelt sich um Patienten aus den südosttürkischen Provinzen Siirt und Sanliurfa. Damit ist die Zahl der in der Türkei infizierten Menschen auf 18 gestiegen. Drei von ihnen - Geschwister im Alter von 11, 14 und 15 Jahren - sind in der ersten Januarwoche gestorben.

Die Einrichtung der Quarantänegebiete in Istanbul ist eine der Maßnahmen, mit denen die Regierung die Seuche unter Kontrolle bekommen will. "Wir halten hier alle Autos auf und desinfizieren sie", erklären die Kontrolleure. Ansonsten kann jeder das Gebiet unbehelligt betreten und auch wieder verlassen.

Taxifahrer machen Bogen um Quarantänegebiet

Doch außer den vermummten Angestellten der Stadtverwaltung bekommen die Bewohner der Ziya Gökalp Mahale, wie die Slumsiedlung am Rande von Kücükcekmece heißt, in diesen Tagen kaum Besuch. Selbst Taxifahrer meiden die Gegend und liefern ihre Kunden lieber an der Hauptstraße ab, außerhalb des Quarantänegebietes.

Das Zentrum der Vogelgrippe in Istanbul ist eine vor knapp zehn Jahren illegal errichtete Slumsiedlung, umringt von Hügeln, auf denen gerade moderne Appartementhäuser hochgezogen werden. "Spätestens in sechs Monaten", sagte Bezirksbürgermeister Aziz Yeniay, werde diese Siedlung den Baugruben moderner Hochhäuser gewichen sein. Schließlich ist Kücükcekmece ein prosperierender Vorort der Metropole, in dem gerade erst das Olympiastadion gebaut wurde. Auch das olympische Dorf wäre hier entstanden, wenn Istanbul statt Peking vom IOC den Zuschlag für die Spiele bekommen hätte.

Kadir Bulut, Chef der Veterinärabteilung von Kücükcekmece, wirkt etwas gehetzt und steht offensichtlich ziemlich unter Stress. Seit Montag sind seine Leute nun dabei, die Hühner hier einzusammeln und zu vernichten. Über 2000 hätten sie mittlerweile abgeholt. Das Zentrum des Quarantänegebietes "ist jetzt sauber", verkündet Bulut stolz.

Slumbewohner versteckten Hühner

Dieses Zentrum besteht aus windschiefen Hütten, die angesichts des seit Tagen anhaltenden Regens immer mehr im Schlamm versinken. Im Müll wühlen ein paar Ziegen, die das gerade beendete Opferfest glücklich überlebt haben. Eine Schar Kinder tobt herum und ist begeistert, dass in ihrem Dorf endlich mal was los ist.

"Es gab etliche Leute, die ihre Hühner zunächst versteckt haben, aber jetzt kooperieren alle", behauptet Bulut. "Seit sich herumgesprochen hat, dass wirklich 5 Lira pro Huhn als Entschädigung gezahlt werden, können wir uns vor Anrufen kaum noch retten." Der Betrag von umgerechnet 3,50 Euro führe dazu, dass "viele Leute behaupten, ihre Hühner seien krank, auch wenn das gar nicht der Fall ist".

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.


25 Leute hat Bulut zur Verfügung, die von Haus zu Haus gehen, mit den Leuten reden und notfalls die Hühner auch im Garten einfangen. An einer Straßenecke stehen drei von Buluts vermummten Gestalten mit Säcken in der Hand, in denen die gerade eingefangenen Hühner zappelnd auf ihren Abtransport warten. In Kücükcekmece werden alle Hühner zu einer Sammelstelle gebracht, wo man sie mit Kohlenmonoxid einschläfert. Bilder wie aus Kayseri, wo Hühner verbrannt oder lebendigen Leibes verbuddelt wurden, werde es hier nicht geben, versichert Bulut.

In Vororten herrscht Unverständnis

Während Bulut genau wie Bürgermeister Yeniay davon überzeugt ist, die Vogelgrippe im Griff zu haben, stehen viele Bewohner der Slumsiedlung dem ganzen Treiben kopfschüttelnd gegenüber. Einer von ihnen ist Abbas Kurt. Er kommt aus Siirt, im Südosten der Türkei, nahe der irakischen Grenze und ist Kurde, wie alle anderen Bewohner von Ziya Gökalp auch. Er versteht die Aufregung nicht recht. Sicher, sagt er, "meine Hühner sind auch gestorben. Aber schon vor einem Monat".

Innerhalb von zwei Wochen seien alle seine zwölf Hühner tot gewesen. "Sie bekamen einen schwarzen Kamm, tränende Augen und wollten nicht mehr fressen." Für Abbas Kurt war das zwar schmerzlich, aber nicht ungewöhnlich. Vor ein paar Jahren erzählt er, "waren meine Hühner schon mal krank. Das passiert immer mal wieder". Deshalb hat auch niemand in der Siedlung daran gedacht, einen Tierarzt zu benachrichtigen. Sie kennen auch gar keinen, und dass es bei der Stadtverwaltung eine Telefon-Hotline gibt, wissen sie natürlich auch nicht.

Dass seine Frau und er durch die Vogelgrippe gefährdet seinen könnten, glaubt Abbas Kurt nicht. Sie hätten sich deshalb auch nicht untersuchen lassen. Seine Frau sei wegen Migräne vor ein paar Tagen beim Arzt gewesen, und der habe auch nichts gesagt.



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