Vogelgrippe-Schutz EU rät vom Verzehr roher Eier ab

Die Europäische Union ergreift erstmals direkte Maßnahmen zum Schutz der Verbraucher vor der Vogelgrippe: Sie rät vom Verzehr roher Eier ab und hat die Einfuhr von Wild- und Ziervögeln untersagt. In China wurde unterdessen ein weiterer Ausbruch der Seuche bekannt.


Brüssel/Peking - Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) werde am morgigen Mittwoch eine Empfehlung veröffentlichen, in der vom Verzehr roher Eier abgeraten wird, teilte ein EU-Sprecher in Brüssel mit. EFSA-Sprecherin Anne Laure Gassin sagte, es gebe keine Beweise dafür, dass das Vogelgrippe-Virus in die Nahrungsmittelkette gelangt sei. Wenn die EU vom Verzehr roher Eier abrate, sei dies eine reine Vorsichtsmaßnahme. Die EU empfiehlt den Verbrauchern darüber hinaus, Geflügelfleisch stets gut durchzugaren.

Eier-Untersuchung in Rostocker Labor: EU rät vom Verzehr roher Eier ab
DPA

Eier-Untersuchung in Rostocker Labor: EU rät vom Verzehr roher Eier ab

Am Dienstagabend hatte die EU erwartungsgemäß die kommerzielle Einfuhr von Wild- und Ziervögeln in die Union beschlossen. Das Verbot soll von der Kommission in der nächsten Tagen noch offiziell in Kraft gesetzt werden und gilt zunächst bis Ende November. Außerdem verbot die EU Einfuhren lebender Vögel aus Kroatien. In Kroatien werde nach entsprechendem Verdacht noch getestet, ob der auch für Menschen gefährliche Virus-Untertyp H5N1 aufgetreten sei.

In Deutschland gaben die Behörden nach einem Verdacht auf Vogelgrippe Entwarnung. Erste Untersuchungsergebnisse nach dem Fund von 22 toten Graugänsen in Rheinland-Pfalz ergaben am Dienstagabend, dass die Tiere an Ratten- und Mäusegift verendet sind.

"Die Todesursache für die Graugänse können wir mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Vergiftung zurückführen", sagte Stefan Bent, Präsident des Landesuntersuchungsamtes in Koblenz. Das Gift sei in den Mägen von 12 der 22 Gänse festgestellt worden.

Neuer Ausbruch in China

Bei einem neuen Vogelgrippe-Fall in China sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der ostchinesischen Provinz Anhui 2100 Hühner und Gänse infiziert worden und 550 verendet. Das Landwirtschaftsministerium sprach bislang nur von einem H5-Virus, doch könne es sich durchaus als der gefährliche Typ H5N1 erweisen. Die Behörden haben bereits 45.000 Tiere getötet und eine Quarantäne verhängt. Weitere 140.000 Tiere seien geimpft worden.

Baggersee bei Neuwied: Entwarnung nach Entdeckung toter Vögel
DDP

Baggersee bei Neuwied: Entwarnung nach Entdeckung toter Vögel

Die WHO hat ein Frühwarnsystem gegen Vogelgrippe-Ausbrüche für die betroffenen Länder Südostasiens gefordert. Künftige Grippe-Epidemien bei Tieren könnten so effizienter abgewehrt werden, und auch ein für Menschen gefährliches Supervirus könne dann schwerer entstehen. Indonesien bestätigte unterdessen einen weiteren Todesfall durch das H5N1-Virus. Weltweit sind damit mindestens 62 Menschen daran gestorben.

WHO-Direktor Jong Wook Lee betonte, vor den drei Grippe-Pandemien im 20. Jahrhundert habe es kein Frühwarnsystem gegeben, das die Katastrophe hätte aufhalten können. Dieses Mal müsse das anders werden. Bisher hätten nur rund 40 Länder Pläne für den Fall des Ausbruchs einer globalen Seuche gemacht.

Die Vogelgrippe
Virus
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Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
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Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
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Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Mexikos Gesundheitsminister Julio Frenk forderte die reichen Staaten auf, wissenschaftliches Know-how und Technologien zur Herstellung eines Impfstoffs an ärmere Länder weiterzugeben: "Viele Staaten sind in der Lage, Impfstoffe zu produzieren - aber wir können nicht von Null anfangen." Derzeit hätten nur neun Länder die Kapazität, einen Impfstoff zu entwickeln und zu produzieren, der gegen das Virus H5N1 schütze.

Unterstützung fand dieser Vorstoß bei Kanadas Premierminister Paul Martin. Die Industrienationen sollten nach seiner Ansicht auch Medikamente und Impfstoffe mit ärmeren Ländern teilen. Bisher stammten alle menschlichen Opfer aus den armen Regionen Südostasiens, betonte Martin. Der kanadische Gesundheitsminister Ujjal Dosanjh drohte gar mit einer Lockerung des Patentrechts, sollten Pharmaunternehmen im Kampf gegen die Vogelgrippe aus seiner Sicht nicht ausreichend kooperieren.



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