Vogelgrippe Virus vereint gefährliche Mutationen

Forscher haben bei den Vogelgrippe-Viren aus der Türkei drei verschiedene Mutationen festgestellt. Zwei davon passen das Virus dem menschlichen Organismus an. Ein anderes Forscherteam warnt davor, sich auf die Medikamente Tamiflu und Relenza zu verlassen.


London - Das Londoner Labor, das die aus der Türkei angelieferten Vogelgrippe-Viren untersucht, hat drei unterschiedliche Mutationen in der Gensequenz des Erregers entdeckt. Mindestens zwei davon ermöglichen es dem H5N1-Virus vermutlich, sich leichter in menschlichen Körpern einzunisten.

H5N1-Virus: Veränderungen in der Gensequenz
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H5N1-Virus: Veränderungen in der Gensequenz

Schon seit der extremen Häufung der Fälle befallener Menschen in der Türkei sind Experten besorgt, dass sich der Erreger verändert haben könnte. 20 Menschen haben sich dort bislang nachweislich mit dem Virustyp H5N1 infiziert, vier sind daran gestorben. Maria Cheng, eine Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sagte dem Nachrichtendienst des Wissenschaftsjournals "Nature": "Die große Zahl der Fälle in einer derartig kurzen Zeitspanne hat uns gezwungen, eine Übertragung von Mensch zu Mensch in Betracht zu ziehen."

Ein Labor des britischen National Institute of Medical Research hat bislang Proben von den ersten beiden Kindern sequenzieren können, die in der Osttürkei an dem Virus gestorben waren. Von einer Mutation war schon in der vergangenen Woche die Rede: Sie betrifft ein Protein, dass es dem Virus ermöglicht, besser an die Oberfläche der Zellen des befallenen Organismus anzudocken. Genau diese Mutation ist schon zuvor beobachtet worden, zweimal in Hongkong und einmal bei einem tödlich verlaufenen Fall in Vietnam. Sie erhöht die Fähigkeit des Virus', an menschliche Rezeptoren anzudocken und senkt dafür die Affinität zu Rezeptoren von Geflügelzellen.

Die Proben der beiden türkischen Kinder wiesen zudem eine Veränderung des sogenannten Polymerase-Proteins auf, das das Virus benötigt, um sein genetisches Material zu reproduzieren. Diese Mutation wurde in anderen Vogelgrippe-Stämmen bereits beobachtet. Sie gehört laut "Nature News" auch zu den Veränderungen, die das Virus der Spanischen Grippe entstehen ließen, die 1918 eine Pandemie mit bis zu 50 Millionen Todesopfern auslöste.

Zwei für Menschen gefährliche Mutationen gleichzeitig

Auch diese Veränderung signalisiere eine Anpassung an den Menschen, erklärte der Chef des Londoner Labors, Alan Hay. Glutaminsäure sei an einer Stelle des Polymerase-Proteins durch Lysin ersetzt worden, und "Glutaminsäure ist mit der Grippevirus-Vermehrung bei Vögeln verknüpft, Lysin bei Primaten", so Hay.

Die Bedeutung einer weiteren von den Forschern entdeckten Mutation ist noch unklar. Die Virenstämme aus der Türkei seien jedoch die einzigen, bei denen die rezeptorspezifische und die vermehrungsspezifische Variation gemeinsam aufgetreten seien. Sie könnten es den Viren erleichtern, von Geflügel auf den Menschen überzuspringen - aber auch den Sprung von Mensch zu Mensch ermöglichen.

Die Polymerase-Mutation hilft dem Virus, in den kühleren Regionen im Bereich der Nase zu überleben, während die Rezeptormutation es ihm ermöglicht, sich auch in der Nase und im Hals festzusetzen, anstatt tiefer unten in der Lunge. Dies könnte eine Übertragung durch Tröpfcheninfektion begünstigen. Hay sagte gegenüber "Nature News" aber, die beiden Veränderungen allein erlaubten vermutlich noch keine Übertragung von Mensch zu Mensch. Weitere Proben müssten dringend untersucht werden, um mögliche weitere Veränderungen aufzuspüren.

Antivirale Mittel schützen nicht gut genug

Eine andere Studie warnt unterdessen davor, sich in falscher Sicherheit durch die Verfügbarkeit antiviraler Mittel wie Tamiflu und Relanza (siehe Infokasten) zu wiegen. Zwar könnten diese Medikamente beim Kampf gegen Symptome und Komplikationen helfen, sie hätten aber nur eine niedrige Wirksamkeit, wenn es darum gehe, einen Grippe-Ausbruch unter Kontrolle zu bringen, heißt es in der aktuellen Ausgabe der britischen Medizinzeitschrift "The Lancet".

Die Arzneien sollten deshalb "nur bei einer ernsten Epidemie oder Pandemie zusammen mit anderen Maßnahmen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge eingesetzt werden, wie Masken, Schutzkleidung, Handschuhen, Quarantäne und Händewaschen."

Die Vogelgrippe
Virus
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Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
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Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
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Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Einen weitgehenden Stopp der Virus-Verbreitung könnten beide Mittel nicht gewährleisten, erklärten Tom Jefferson vom Mediziner-Netzwerk Cochrane Vaccines Field und seine Kollegen. Zudem wirke keines der Medikamente bei Infizierten ohne klar erkennbare Symptome, die damit die Krankheit unbewusst weiter verbreiten und Eindämmungsversuche der Behörden unterlaufen könnten.

Bei den Studien zur Vogelgrippe fanden die Mediziner nach eigenem Bekunden keinen Beweis, dass Tamiflu bei H5N1-Infizierten in Asien die Todesrate senkte. Sie räumen allerdings ein, dass dies auch die Folge einer zu späten Diagnose der Krankheit sein kann. Daneben gab es bei Fällen in Japan und Vietnam eine relativ hohe Zahl von Resistenzen gegen Tamiflu (16 Prozent).



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