Vogelkult in Südengland Die Hexengruben von Cornwall

Auf Schwanenhaut gebettete Eier und tote Elstern in kleinen Erdlöchern: In Südengland hat eine Archäologin Spuren eines mysteriösen Rituals entdeckt. Was steckt hinter dem bizarren Vogelzauber, der im 17. Jahrhundert mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen bestraft wurde?

Seit 1482 gehören alle Höckerschwäne, die in England auf öffentlichen Gewässern schwimmen, dem Königshaus. Und wenn es um das Wohl der äußerst schmackhaften weißen Vögel geht, versteht die Krone keinen Spaß. Noch 2005 musste sich der Komponist Sir Peter Maxwell Davies dafür verantworten, als die Polizei in seinem Haus Reste eines gerupften Schwanes fand, der nach einer Kollision mit einer Hochspannungsleitung tot vom Himmel gefallen sein soll.

Was heute nur noch als Kavaliersdelikt geahndet wird, konnte Engländer Mitte des 17. Jahrhunderts das Leben kosten. Vor allem, wenn der Schwan gar nicht in einem Akt des Mundraubes getötet wurde, sondern für ein weitaus schwerwiegenderes Verbrechen: Hexerei. Wer bei solcher erwischt wurde, landete direkt auf dem Scheiterhaufen.

Das hielt die Bewohner des kleinen Weihers Saveock Water nahe der südenglischen Stadt Truro nicht davon ab, gelegentlich den einen oder anderen Schwan zu entwenden. Die eindeutigen Indizien für das Vergehen im County Cornwall hat jetzt rund 350 Jahre später die Archäologin Jacqui Wood gefunden.

Zunächst konnte die Ausgräberin wenig mit dem merkwürdigen Arrangement anfangen, das sie im nassen Ton einer natürlichen Quelle entdeckte: Nahe beieinander lagen mindestens 35 Gruben, alle etwa 40 mal 35 Zentimeter groß und 17 Zentimeter tief. Einige davon waren mit der Haut eines Schwans ausgelegt, die weißen Federn nach innen, wie ein weiches Bett. An den Seiten lagen die Körper von zwei Elstern. Und in der Grube, sorgfältig aufgehäuft, Eier. In allen Größen, von Zwerghuhn bis Ente. Bis zu 55 Stück pro Grube.

Vorratslager oder Brutstation?

Die Schalen hatten die Jahrhunderte nicht überlebt, wohl aber die schützende Membran, die den Blick auf den Inhalt der Eier freigab: fertige Küken, kurz vor dem Schlüpfen. Dazwischen lagen Kieselsteine und Vogelkrallen, sorgfältig in Blätter zu kleinen Päckchen gewickelt. Andere Gruben waren leer. Doch vereinzelte Federn und Steinchen auf ihrem Grund verrieten der Ausgräberin, dass auch sie einst als Lager für diese seltsamen Sammelsurien gedient hatten.

Wood überlegte lange, ob es für diese Gruben eine rationale Erklärung geben könnte. Eine Brutstation für Vögel? Doch warum dann die Haut der verbotenen Schwäne und die toten Elstern? "Mir fällt einfach keine andere Erklärung für diese Anordnung ein als ein heidnisches Ritual", erklärt Wood mit einer gewissen Resignation. Denn ihr ging es in ihrer Karriere als experimentelle Archäologin eigentlich immer darum, scheinbar rituelle Handlungen oder Gegenstände zu entmystifizieren. "Wenn Archäologen etwas nicht gleich verstehen, dann nennen sie es gewöhnlich 'magisch' oder 'rituell'", wettert sie gegen die gängige Praxis. "Und jetzt finde ironischerweise ausgerechnet ich etwas, das nun wirklich kaum anders zu interpretieren ist."

Was sollte der Vogelzauber bewirken? Es musste etwas sehr Wichtiges sein, wenn die Leute in Saveock Water dafür ihr Leben riskierten. Ein erster Anhaltspunkt sind die Schwäne. Sie galten als Tiere der christlichen Heiligen Brigida von Kildare, Schutzpatronin der Schmiede, Milchmädchen und Poeten – aber auch der Hebammen und der Neugeborenen. Die Kieselsteine stehen auch mit den großen Wasservögeln im Zusammenhang. Sie stammen aus einem etwa 25 Kilometer entfernten See, der von den Einheimischen "Swan Pool" genannt wird.

Warum fand der Kult ein plötzliches Ende?

Elstern, die sich ebenfalls in den Löchern fanden, werden noch heute in Cornwall abergläubisch beäugt. "Eine für Sorgen, zwei für Freud", sagen die Leute, wenn sie einen der schwarzweißen Vögel sehen. Und Eier sind weltweit das Symbol für Fruchtbarkeit schlechthin. "Meine Theorie ist, dass junge Frauen, die im ersten Jahr der Ehe nicht schwanger wurden, mit diesen Opfergruben die höheren Mächte um Hilfe baten", spekuliert Wood. Wirkte der Zauber, kamen sie zurück, verbrannten den Inhalt der Gruben und ließen so die Seelen der toten Vögel frei. "Von diesen glücklichen Fällen erzählen dann jene Gruben, die wir leer gefunden haben." Die Frauen hingegen, die die heute noch gefüllten Gruben anlegten, blieben kinderlos – oder aber starben auf dem Scheiterhaufen, bevor sie zu ihrer Grube zurückkehren konnten.

"Das ist aber alles nur Theorie", sagt Wood. "Ich habe viele Experten und Kollegen auf der ganzen Welt gefragt, aber niemand kennt vergleichbare Funde oder Parallelen aus der Volkskunde." Deshalb bittet Jacqui Wood auch die Leser von SPIEGEL ONLINE um Mithilfe: Wer schon einmal von einem ähnlichen Brauch oder Fruchtbarkeitsritual gehört hat, möge sich bei Wood melden (Kontaktdaten siehe Kasten).

In Saveock Water wurde in jenen Tage noch mehr gehext. Gleich neben den Schwanengruben fand die Archäologin ein Quellbecken, dessen Füllung voller Stoffstreifen war. 125 verschiedene Textilien hat sie gefunden, darunter auch drei feine Wolle-Seide-Mischungen. "So etwas trugen nur sehr reiche Leute", sagt Wood. "Die Bewohner von Saveock Water arbeiteten in der nahen Mühle, sie besaßen so kostbare Kleider mit Sicherheit nicht." Auch viele Teile von Schuhen lagen im Wasser, Schnallen und jede Menge Nadeln, viele aus Messing.

Das plötzliche Ende des mysteriösen Treibens

An ihnen konnte Wood den Inhalt des Quellbeckens datieren. Sie alle stammen aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, aus derselben Zeit also, in der die Schwanengruben angelegt wurden. Dazu kamen Zweige von Heidekraut und zahllose Kirschkerne, aber auch menschliche Haare und abgeschnittene Fingernägel. Als ob diese Mischung nicht schon genug Beleg für Hexenzauber sei, fand Wood zu allem Überfluss auch noch die Reste eines soliden, alten Kessels. "Die haben ihren Hexenkessel gleich mit versenkt", sagt die Ausgräberin und lacht.

Die Stoffstreifen sind Zeugnis eines Rituals, das heute noch in Cornwall und anderen keltisch beeinflussten Regionen Englands Tradition hat. An sogenannten "clootie wells" tauchen Kranke ein Stück Stoff ihrer Kleidung in das Wasser und binden es dann an die darüber hängenden Zweige eines Baumes. Wenn der Stoff langsam verrottet, verschwindet auch die Krankheit - sagt der Volksglauben. "Viele kommen auch zu einer dieser Quellen, um einfach nur zu beten", sagt Wood. "Sie gelten als heilige Orte. Der Stoffstreifen soll das Gebet noch intensiver machen, als ob man einen Teil von sich selbst dort zurücklässt."

Das Ende der Zauberei kam jedenfalls ganz plötzlich um die Mitte des 17. Jahrhunderts. Das Quellbecken wurde hastig verfüllt und keine neuen Schwanengruben wurden mehr angelegt. "Zu der Zeit zogen die Häscher Oliver Cromwells durchs Land", erklärt Jacqui Wood. In den unruhigen Jahren der Kirchenkonflikte und des Bürgerkriegs wollte der Puritaner Cromwell alles Heidnische ausmerzen. Wer den Lehm in die "clootie well" schüttete, ist heute nicht mehr zu klären. Vielleicht waren es Cromwells Leute. Vielleicht aber waren auch die Hexen von Saveock schneller, und konnten noch rechtzeitig alle Spuren ihres Tuns verwischen.

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