Vor 40 Jahren Der historische Flug des Jurij Gagarin

Russland feiert eine Sternstunde der Raumfahrt: Vor 40 Jahren startete Jurij Gagarin zum ersten bemannten Flug ins All. "Er hat uns alle in den Weltraum gerufen", sagte US-Astronaut Neil Armstrong über seinen Kollegen.


Berlin - Mit dem legendären Ruf "Pojechali" ("Auf geht's!") machte sich der russische Bauernsohn Jurij Gagarin am 12. April 1961 vom Kosmodrom Baikonur aus auf den Weg ins All. Nach genau 108 Minuten endete die historische Erdumrundung mit der Raumkapsel "Wostok" (Osten) wohlbehalten mit einer Fallschirmlandung auf einem Sturzacker an der Wolga. Da das Raumschiff wegen Problemen bei der Abtrennung der Gerätesektion über das eigentliche Landeziel hinausgeschossen war, kamen die Bergungsmannschaften zu spät. Als sie schließlich am Landeort eintrafen, hatte der Kosmonaut bereits seinen Skaphander abgelegt und war von vielen neugierigen Bauern der Kolchose "Weg Lenins" umringt.

"Auf geht's!": Jurij Gagarin kurz vor dem Start ins All
DPA

"Auf geht's!": Jurij Gagarin kurz vor dem Start ins All

Obwohl der Flug Gagarins für die Amerikaner nicht ganz unerwartet kam, waren sie doch geschockt. Nach dem ersten Satelliten ("Sputnik") und dem ersten Hund im All (Laika) hatten die Sowjets den Westen zum dritten Mal überflügelt. Die Antwort ließ deshalb auch nicht lange auf sich warten: Bereits am 25. Mai kündigte Präsident John F. Kennedy an, die USA würden bis Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond schicken und ihn wieder heil zur Erde zurückbringen. Das geschah dann auch im Juli 1969. Damit übernahm Amerika wieder die Führungsrolle in der Raumfahrt.

Gagarins Flug fand unter strengster Geheimhaltung statt. Weder beim Start noch bei der Landung waren Journalisten zugelassen. Auch Einzelheiten über den Startort, die Trägerrakete und das Raumschiff wurden erst viel später mitgeteilt. Fotos von Gagarin im Raumanzug erschienen nur deshalb zuerst im Westen, weil geschäftstüchtige Schnittmeister Sequenzen aus dem Filmmaterial verkauften, das von Militärkameramännern auf dem Startplatz gedreht worden war.

Erst im Februar 1962, also fast ein Jahr nach Gagarin, umkreiste mit John Glenn der erste Amerikaner unseren Planeten. Zuvor hatten die Russen im August 1961 noch Kosmonaut Nummer zwei gestartet, wie Gagarin sein Double German Titow anfangs nur nennen durfte. Nach dem frühen Herztod Titows im Herbst vergangenen Jahres ist der 79-jährige Glenn nunmehr dienstältester lebender Raumfahrer der Welt.

Die Raumkapsel "Wostok" auf der Trägerrakete
AP

Die Raumkapsel "Wostok" auf der Trägerrakete

Gagarin trat nach seinem Flug einen wahren Triumphzug um die ganze Welt an. Überall wurde er jubelnd empfangen und mit höchsten Auszeichnungen geehrt. Nur Washington machte eine unrühmliche Ausnahme. Dafür setzte US-Astronaut Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, seinem Berufskollegen ein Denkmal. Er sagte über Gagarin: "Er hat uns alle in den Weltraum gerufen." Mehr noch: Armstrong nahm einen Orden Gagarins mit zum Mond und deponierte ihn dort. Er erfüllte damit postum einen großen Wunsch des Raumfahrtpioniers, denn Gagarin träumte davon, auch einmal zum Mond und zu anderen Planeten zu fliegen.

Doch daraus wurde nichts. Beim Vorbereitungstraining für einen zweiten Start, diesmal mit dem neuen Raumschiff "Sojus", stürzte er am 27. März 1968 mit einem MiG-Schulungsflugzeug ab. Die genauen Umstände sind bis heute nicht geklärt. Nur eines ist gewiss: Die Untersuchungskommission lastete Gagarin und seinem Fluginstrukteur Wladimir Serjogin indirekt die Schuld am Absturz an, offenbar um die wahren Schuldigen zu decken. Denn es gab eklatante Mängel bei der Flugleitung: Das Höhenradar war defekt, die Wetterprognose stimmte nicht, zudem waren weitere Flugzeuge und auch Wetterballons in dem Übungssektor unterwegs.

Kosmonautenchef General Nikolaij Kamanin schließt in seinem postum veröffentlichten Tagebuch sogar Sabotage nicht aus. Er spielt dabei darauf an, dass der Tod Gagarins einigen hohen Militärs nicht ganz ungelegen kam. Denn der Kosmonaut, der inzwischen erfolgreich ein Studium abgeschlossen hatte, drohte aus dem Ruder zu laufen. Der Parlamentsabgeordnete Gagarin nahm seine Aufgabe als "Anwalt der kleinen Leute" ernst und eckte damit immer öfter bei der Obrigkeit an.

Von Gerhard Kowalski, ddp

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