Vor dem G7-Gipfel Leopoldina fordert unverzügliches Handeln der Bundesregierung für mehr Klimaschutz

Die G7 sind für ein Viertel der jährlichen CO₂-Emissionen verantwortlich. Vor dem Gipfel wenden sich nun die nationalen Wissenschaftsakademien an die sieben Regierungen – mit einem dringenden Appell.
Die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, fordert eine schnelle Abkehr von fossilen Energieträgern

Die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, fordert eine schnelle Abkehr von fossilen Energieträgern

Foto: Emmanuele Contini / IMAGO

In weniger als vier Wochen kommen die Staats- und Regierungschefs der sieben wichtigsten Industrienationen der Welt, der G7, zu einem Gipfel zusammen. Die nationalen Wissenschaftsakademien der G7 haben nun bestimmten Themen mit einer gemeinsamen Stellungnahme besonderen Nachdruck verliehen – darunter dem Klimaschutz, dem Schutz der Ozeane und der sogenannten Kryosphäre, der Gesamtheit von Eis und Schnee im Klimasystem.

Am Dienstagvormittag überreichte die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, der Bundesregierung die Schreiben. Darin begründen die Einrichtungen auch die besondere Verantwortung, die den G7 bei der Bewältigung der Klimakrise zukommt. Die G7-Staaten seien für fast die Hälfte der globalen kumulativen Emissionen verantwortlich. Und sie stießen derzeit etwa 25 Prozent der jährlichen globalen CO₂-Emissionen aus.

»Alle Hauptemittenten haben die Verpflichtung, ihre wirtschaftliche und technologische Stärke zu nutzen, um bei den Bemühungen um die Erreichung der Ziele des Pariser Abkommens weltweit führend zu sein«, heißt es in der Stellungnahme.

Maßnahmen müssten jetzt umgesetzt werden

Unverzügliches Handeln sei notwendig, schreiben die Akademien weiter: »Aufgrund der relativ langen Fristen und des erforderlichen tiefgreifenden technologischen und sozialen Wandels ist es besonders wichtig, die Maßnahmen jetzt umzusetzen und anzupassen, um die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern zu erreichen.«

Mit Blick auf die Klimaziele seien einige Punkte besonders wichtig:

  • Viele Sektoren müssten zügig elektrifiziert werden, was zu einem steigenden Strombedarf führe. Eine »fundamentale Transformation« der Energieversorgungssysteme der Welt sei notwendig.

  • »Mehr denn je« gelte es, einen Fokus auf erneuerbare Energiequellen zu setzen – vor allem auf Solar- und Windenergie, die schon heute zu wettbewerbsfähigen Kosten zur Verfügung stünden.

  • Während vorübergehend Erdgas den Energiemix vervollständigen könne, sagen die Wissenschaftsakademien entschieden: »Höchste Priorität hat der weltweite Ausstieg aus der Kohleverbrennung in Kraftwerken.«

  • Der Ausbau eines elektrischen Nahverkehrs müsse vorangetrieben werden.

  • Für das Heizen von Gebäuden sollten Solarenergie und Geothermie  genutzt werden, außerdem seien neue Standards für den Hausbau erforderlich.

  • Auch in der Industrie seien Anpassungen nötig: In der Stahlproduktion  könne Wasserstoff verstärkt genutzt werden, für die Herstellung von Glas oder Beton solle verstärkt auf Recycling gesetzt werden.

  • Ebenfalls sehen die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Änderungsbedarf in der Landwirtschaft. Sie schlagen etwa vor, die Viehhaltung zu reduzieren und Düngemittel effizienter einzusetzen.

  • Darüber hinaus müsse der Entwaldung entgegengewirkt werden, die Wälder von Kohlenstoffsenken in Kohlenstoffquellen verwandele und sich so auf die globale Erwärmung auswirke.

  • Ein international koordinierter Mindestpreis für Kohlenstoffemissionen sollte eingeführt werden. »Dies wird dazu beitragen, dass institutionelle und individuelle Verhaltensweisen zugunsten kohlenstoffarmer Produktions- und Verbrauchsentscheidungen angepasst werden«, heißt es in der Stellungnahme.

Die G7-Staaten müssen eine führende Rolle im Klimaschutz übernehmen

Unterzeichnet ist die Stellungnahme von den Leiterinnen und Leitern der Wissenschaftsakademien aus Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, Japan, Kanada und den USA. Sie schließen mit den Worten: »Auf dem Weg zur Klimaneutralität gibt es noch immer grundlegende wissenschaftliche und technologische Herausforderungen sowie regulatorische, skalierende und soziale Fragen, die angegangen werden müssen. Bei all diesen Bemühungen müssen die G7-Staaten eine führende Rolle bei der Entwicklung von Lösungen übernehmen.«

Einen weiteren Schwerpunkt setzten die Wissenschaftsakademien auf die Ozeane und die Eis- und Schneeflächen der Erde: »Das Leben, wie wir es kennen, hängt direkt oder indirekt vom Meer ab.« Die Ozeane nähmen mehr als 90 Prozent der überschüssigen Wärme und etwa 25 Prozent der gesamten anthropogenen Kohlendioxidemissionen auf. So hätten sie die Menschheit bisher vor den schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels bewahrt, heißt es in dem entsprechenden Papier. Das Meer spiele eine zentrale Rolle bei der Klimaregulierung.

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Weil die Folgen des Klimawandels besonders in den hohen Breiten und Höhenlagen zu spüren seien, gelte den Polarmeeren und der Kryosphäre, die Gletscher , Eisschilde, Schneedecken und den Permafrost umfasst, besondere Aufmerksamkeit. Sie seien »eines der wirksamsten Frühwarnsysteme unseres Planeten für die fortschreitende globale Erwärmung und den Klimawandel«, fassen es die Forscherinnen und Forscher zusammen. Die G7 seien verantwortlich, die Meere und die Kryosphäre zu schützen.

Das Treffen der G7 findet vom 26. bis zum 28. Juni in Schloss Elmau in den bayerischen Alpen statt. Deutschland hat in diesem Jahr den Vorsitz der Gruppe inne.

vki/dpa