Länder-Ranking vor dem Klimagipfel in Glasgow Deutsche Klimapläne sind »ungenügend«

Vor dem Uno-Klimagipfel in Glasgow sollten alle Länder höhere Klimaziele einreichen. Doch die Bilanz ist wenige Wochen vor dem Gipfel ernüchternd, auch Deutschland ist trotz Nachbesserungen nicht auf dem 1,5-Grad-Pfad.
Wird der Ausstoß von Treibhausgasen nicht gestoppt, könnte die Klimakrise außer Kontrolle geraten

Wird der Ausstoß von Treibhausgasen nicht gestoppt, könnte die Klimakrise außer Kontrolle geraten

Foto: Алексей Филатов / iStockphoto / Getty Images

Alle fünf Jahre müssen die Staaten laut Pariser Klimaabkommen ihre Klimaziele nachschärfen. Das Uno-Abkommen ist nun fast sechs Jahre alt. Höchste Zeit also für ein Update.

Die gute Nachricht: Die Mehrheit der Länder hat gut sechs Wochen vor dem Klimagipfel in Glasgow bereits ihre neuen Klimapläne eingereicht, viele haben nachgebessert. Die schlechte: Es reicht immer noch nicht. Zwar haben sich viele Staaten mittlerweile verpflichtet, bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral zu werden – doch es hapert derzeit an den Zwischenzielen. Die versprochenen Emissionsminderungen bis 2030 sind immer noch viel zu niedrig. Die entstandene Lücke zwischen den notwendigen Einsparungen für eine Begrenzung der Erderwärmung auf durchschnittlich 1,5 Grad und den bereits eingereichten Klimazielen ist weiterhin riesig.

Uno-Klimakonferenz in Madrid 2019: Anfang November kommen die Diplomaten erstmals seit zwei Jahren wieder in Glasgow zusammen

Uno-Klimakonferenz in Madrid 2019: Anfang November kommen die Diplomaten erstmals seit zwei Jahren wieder in Glasgow zusammen

Foto: CRISTINA QUICLER/ AFP

Halten die Länder ihre bisher eingereichten Zwischenziele wirklich ein, würden 2030 trotzdem noch doppelt so viel Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen, wie für das Pariser 1,5-Grad-Ziel vertretbar sind. Das errechnete das Analyseprojekt Climate Action Tracker (CAT) in seinem neuesten »Ranking« der Klimaziele . Die Lücke zwischen den Klimaplänen der Länder und dem erlaubten CO2-Ausstoß beträgt im Jahr 2030 immer noch rund 23 Gigatonnen CO2-Äquivalente.

Derzeit bewegt sich wenig in der Klimadiplomatie: Seit Mai dieses Jahres gab es kaum Fortschritte. Die seitdem eingereichten Ziele verringern die Lücke nur um rund vier Gigatonnen. Es ist kaum zu erwarten, dass die Lücke wenige Wochen vor dem entscheidenden Uno-Klimagipfel noch geschlossen wird.

»Glasgow ist der letzte Moment, die 1,5-Grad-Grenze noch am Leben zu erhalten«, sagte der Climate-Tracker-Analyst und Klimaforscher Niklas Höhne dem SPIEGEL. »Um das Pariser Ziel zu schaffen, müssten die Länder, die schon neue Ziele vorgelegt haben, sie übererfüllen und jene, die ihre Ziele kaum erhöht haben, müssen ihre Entscheidung überdenken«, so Höhne. Außerdem müssten die etwa 70 Länder, die noch gar keine neuen Ziele vorgelegt haben, das nun schnell tun.

Länder-Ranking: halbwegs Gute, Schlechte, Nachzügler

Auch Deutschland ist nicht der Musterschüler, für den es sich hält: In dem Ranking werden die deutschen Klimaambitionen trotz nachgebessertem Ziel als »ungenügend« bewertet. Für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels seien die Maßnahmen bisher nicht ausreichend. Das liegt laut Höhne vor allem an dem späten Kohleausstieg im Jahr 2038 – gerade einmal sieben Jahre vor der versprochenen Klimaneutralität. Außerdem sei der CO2-Preis zu niedrig und der Ausbau der Erneuerbaren gehe nicht schnell genug. »Deutschland ist schon besser als andere, aber immer noch weit entfernt von dem was nötig wäre«, so Höhne.

Noch schlechter als Deutschland schneiden jene Länder ab, die zwar ein neues Klimaziel eingereicht, aber es nicht erhöht oder sogar gesenkt haben. Das gehe laut Klimaforscher Höhne völlig an der Logik des Klimaabkommens vorbei. Darunter seien auch für die Verhandlungen zentrale Länder wie Australien, Brasilien, Russland oder Mexiko. Die schlechtesten Bewertungen bekamen Russland, Saudi-Arabien und Iran. Diese Länder fielen aber schon in den vergangenen Jahren als Bremser der internationalen Klimaverhandlungen auf.

Das einzig vorbildliche Land ist das afrikanische Gambia – mit seinen Klimaplänen sei es am nächsten am 1,5-Grad-Ziel. Das ist zwar erfreulich, aber leider für die Klimaverhandlungen so gut wie irrelevant, weil das Land weder wirtschaftlich noch politisch ein Schwergewicht ist. Das Ranking zeigt auch, dass gerade kleine Länder wie Costa Rica, Äthiopien, Kenia, Marokko, Nepal und Nigeria ehrgeizige Pläne haben.

Gespannt warten die Klima-Diplomaten nun noch auf das neue Klimaziel aus Indien. Das Land hat bisher noch gar keinen neuen Plan vorgelegt – könnte aber gerade für Schwellen- und Entwicklungsländer ein wichtiges Signal setzen und ein neues »Momentum« schaffen, wie es Klimaverhandler nennen.

Das letzte große »Momentum« war im zweiten Halbjahr 2020, als Großbritannien, die EU und China ehrgeizige Ziele vorlegten. Dann zogen die USA, Japan und Korea im Frühjahr dieses Jahres nach. Seitdem ist es allerdings ruhig geworden.

Eine gute Nachricht gibt es aber doch: Immerhin haben sich bisher schon 131 Staaten zur Klimaneutralität verpflichtet – oder diskutieren diese zumindest. Wenn alle Länder sich an dieses Langfrist-Versprechen halten würden, könnte der Temperaturanstieg auf zwei Grad bis 2100 begrenzt werden. Die große Frage ist jetzt nur noch, wie sie das schaffen wollen – und vor allem wie schnell.

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