Vormenschen Ältestes Mädchen entdeckt

Ein Kind könnte die Urmutter in den Schatten stellen. So wurde bislang der Vormensch Lucy bezeichnet - bislang unser ältester bekannter Vorfahr. Doch das Skelett der Dreijährigen aus Äthiopien ist noch 150.000 Jahre älter - und so vollständig, wie man es nur von Neandertaler-Funden kennt.

Von Andreas Kohler


Sie wird "Lucys Baby" genannt - und ist es doch gar nicht. Denn das Kind, das erst drei Jahre alt war, als es vor 3,3 Millionen Jahren starb, hatte bereits 150.000 Jahre vor der weltberühmten Lucy gelebt. Die alte Dame wurde als prominentester Vertreter der Art Australopithecus afarensis bekannt - jener Spezies, die nach gängiger Lehrmeinung ein direkter Vorfahr des modernen Menschen ist. Die fossilen Überreste von Lucy fanden Forscher 1974 in Äthiopien - ganz in der Nähe jener Stelle, wo nun Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (MPI Eva) das Kinderskelett entdeckten. Und das kleine Mädchen könnte Lucy an wissenschaftlicher Bedeutung sogar noch in den Schatten stellen.

"Das Kinderskelett hat mehr Knochen als das von Lucy, es hat sogar viel weniger Lücken als irgendein anderes Skelett, das überhaupt aus so früher Zeit gefunden wurde", sagt Jean-Jacques Hublin, Direktor am MPI Eva. Schädel, Oberarme, Beine, sogar die Zähne seien fast komplett erhalten. Fossilienfunde in vergleichbarer Vollständigkeit datierten die Wissenschaftler bisher etwa drei Millionen Jahre jünger: "Da muss man schon bis zu den Neandertalern springen, um so etwas noch einmal zu haben", sagte Hublin zu SPIEGEL ONLINE.

Paläanthropologen um den Äthiopier Zeresenay Alemseged vom Leipziger Max-Planck-Institut haben das Kinderskelett in den letzten Jahren Stück für Stück freigelegt. Jetzt berichten die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Nature" von ihrem Fund. "Das ist einer der bedeutendsten Funde in der Geschichte der Paläoanthropologie", ist sich Hublin sicher.

Ein Skelett als Fundgrube

Der Anthropologe Bernard Woods von der George Washington University in Washington nennt das Kinderskelett in einem weiteren "Nature"-Artikel eine "wahre Fundgrube für Informationen über eine entscheidende Phase in der Geschichte der menschlichen Evolution". Was den Fund so bedeutend mache, sei nicht nur sein Alter und seine Vollständigkeit, sondern auch die Tatsache, dass es sich dabei um ein Kind handelt. Abgesehen von einigen wenigen Funden aus der Neandertaler-Zeit haben Wissenschaftler nie die Überreste von jungen menschlichen Vorfahren gefunden. Laut Hublin liegt das vor allem daran, dass Kinder-Knochen viel kleiner und zerbrechlicher sind als die von älteren Individuen. Damit ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie relativ vollständig erhalten bleiben, noch sehr viel geringer als bei erwachsenen Vormenschen. So fanden Forscher bisher nur kleine Stückchen von vorzeitlichen Kindern.

Dass es in diesem Fall anders ist, liegt vermutlich an einer Überflutung der Region, der das Australopithecus-Kind entweder direkt zum Opfer gefallen ist oder die ganz kurz nach seinem Tod stattfand. So wurde die kleine Leiche vollständig begraben und in eine Sandsteinschicht eingebettet. Aus der hat sein Entdecker Alemseged das Skelett mühsam und mit feinem zahntechnischen Werkzeug befreit, seit er im Jahr 2000 auf die ersten Knochen gestoßen war.

Gerade aus den Überresten von Kindern können die Paläoanthropologen besonders viel über die Evolution des Menschen lernen. Anhand der Zähne konnten sie feststellen, dass der kleine Vormensch ein Mädchen und zum Zeitpunkt seines Todes etwa drei Jahre alt war. Zum ersten Mal konnte das Schädelvolumen eines kleinen Australopithecus mit dem seiner erwachsen Artgenossen verglichen werden. Dabei wird deutlich: Die Dreijährige war in ihrer Gehirnentwicklung noch nicht so weit wie ein dreijähriger Schimpanse, aber schon weiter als ein gleichaltriger moderner Mensch. Die Geschwindigkeit des Hirnwachstums liegt also irgendwo zwischen der von Affen und Homo sapiens. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich die Art Australopithecus afarensis generell auf einer Entwicklungstufe zwischen Mensch und Affe befindet.

Oben Affe, unten Mensch

Auch die Körperteile unterhalb des Kopfes weisen menschliche und äffische Merkmale auf. Zwar lief das kleine Mädchen wohl schon im frühen Kindesalter aufrecht auf zwei Beinen, der Oberkörper und die vorderen Gliedmaßen aber erinnern die Forscher eher an einen Gorilla: Schulterblätter und Finger weisen darauf hin, dass der Australopithecus afarensis durchaus noch in der Lage war, geschickt in Bäumen umherzuklettern. Ob er das auch tat, darüber streiten sich die Forscher noch. Zumindest gibt das ungewöhnlich gut erhaltene Skelett den Wissenschaftlern die Möglichkeit, verschiedene Vorstellungen über Lebens- und Verhaltensweise der frühen menschlichen Ahnen nachzuvollziehen.

Ganz besonders begeistert die Paläoanthropologen der Zungenbeinknochen des kleinen Mädchens: Dieses Körperteil liefert einen wichtigen Hinweis darauf, welche Laute ein Wesen aus der Vergangenheit von sich gegeben haben könnte. Außer beim Neandertaler wurden Zungenbeinknochen noch nie bei fossilen hominiden Überresten entdeckt - auch bei Lucy nicht.

Alemseged jedenfalls forscht derzeit weiter an der Fundstelle im Dikika-Gebiet. Das Kind aus Lucys Familie wird auch nach der vollständigen Freilegung in Äthiopien bleiben. Sein Skelett außer Landes zu bringen, ist verboten.



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