Voynich-Manuskript Physiker hält mysteriöse Mittelalter-Schrift für Schabernack

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2. Teil: Voynich-Manuskript: Menschen würden anders formulieren


Der Linzer Forscher hat das Ganze nun aber statistisch mit einem selbst geschriebenen Programm ausgewertet. "Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wort noch einmal auftritt, nimmt mit größerer Entfernung ab." Das sei untypisch für eine natürliche Sprache, sagt Schinner, der das geheimnisvolle Manuskript mit etwa gleich langen Vergleichstexten aus dem Mittelalter verglichen hatte - Auszügen aus lateinischen und deutschen Bibelübersetzungen. "Der Mensch wählt Text eher semantisch aus", erklärt der Physiker, "und er meidet als Schreiber, dass ähnliche Worte nacheinander stehen".

Zufallsspaziergang mit Textbits

Auch der sogenannte Random Walk stützte Schinners These vom per Algorithmus generierten, inhaltsleeren Konvolut. Der Forscher wandelte dazu den Text in eine lange Folge einzelner Bits um, als wollte er ihn digitalisieren. "Diese Bits werden als verursachender Algorithmus für einen Random Walk angesehen. 1 bedeutet einen Schritt nach rechts, 0 einen nach links." Das Ergebnis ist ein mehr oder weniger chaotisch erscheinendes Hin und Her.

"Ein natürlicher Text sieht vollkommen zufällig aus", erklärt Schinner, sprachliche Korrelationen gingen im Wust der Bits unter. Der Grund dafür: Es gibt bei natürlicher Sprache keine langreichweitigen Korrelationen. Ein Satz auf der ersten Seite eines Romans habe keine Korrelation mit einem Satz auf der letzten Seite, diese seien semantisch zu weit auseinander.

Beim Voynich-Manuskript beobachtete der Linzer Forscher jedoch eine Abweichung von diesem Verhalten. "Ich habe darin langreichweitige Korrelationen gefunden", sagt er. Deshalb unterscheide sich das Werk von natürlichen Texten. "Das Erscheinen eines Symbols erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass dieses später nochmals auftritt. Ein Random Walk mit Gedächtnis sozusagen."

Schablone erzeugt verblüffend ähnlichen Text ohne Inhalt

Und auch die Präfix-Analyse lieferte keinerlei Indizien für ein geheimes Verschlüsselungsverfahren. "Ich habe mir auch gewisse Teile von Worten angesehen - zum Beispiel nur das erste Symbol", erklärt der Forscher. "Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dieses Symbol nach ein, zwei oder fünf Worten wieder am Anfang eines Wortes zu finden?"

Wie schon bei der Suche nach ähnlichen Worten fand er Zusammenhänge, die kaum für eine natürliche Sprache sprechen. "Die Wahrscheinlichkeit, den Wortanfang noch einmal zu finden, ist beim nachfolgenden Wort am größten - danach nimmt sie kontinuierlich ab. Das ist ungewöhnlich."

Im Jahr 2003 hatte bereits der britische Psychologe und Computerwissenschaftler Gordon Rugg die These aufgestellt, dass die Voynich-Texte aus der Feder eines gewitzten Schelms stammen könnten: Er schuf mit einer auf eine Silbentabelle gelegten Schablone unverständliche Fantasietexte, die dem Voynich-Manuskript verblüffend ähnelten. Diese Tabelle-und-Gitter-Methode war bereits im Mittelalter bekannt und wurde damals zum Verschlüsseln gebraucht.

Zufallselemente, aber nicht ausschließlich

Der Verfasser des Voynich-Manuskripts ist bis heute nicht bekannt. Gordon Rugg verdächtigt den Mathematiker John Dee oder den Alchemisten und notorischen Fälscher Edward Kelley der Urheberschaft. Beide hatten sich im 16. Jahrhundert am Hof des Kaisers Rudolf II. von Habsburg in Prag aufgehalten, in dessen Besitz sich das in Pergament gebundene Manuskript später fand. Heute gehört es der Yale-Universität in New Haven.

Der Linzer Physiker Schinner will sich freilich nicht darauf festlegen, dass die Handschrift keinesfalls einen tieferen Sinn enthält. "Der Algorithmus enthält vermutlich Zufallselemente", sagte er SPIEGEL ONLINE, "er besteht aber nicht ausschließlich aus solchen."

Denkbar sei auch ein Algorithmus, der größtenteils Nonsens produziert, aber durchaus eine Botschaft transportiert. Der eigentliche kodierte Text wäre nur ein Bruchteil des gesamten Manuskripts, etwa ein Hundertstel, schätzt Schinner. "Diese These ist zwar nicht überzeugend, aber ausschließen kann ich sie nicht." Man müsse sich dann aber fragen, warum jemand einen Text in einem offensichtlich geheimnisvollen Buch verstecken sollte, wenn er ihn mit demselben Aufwand auch in jedem unschuldig aussehenden verbergen könnte.

Vielleicht ist das aber auch gerade der Clou an dem geheimnisvollen Text: Gerade weil es absurd erscheint, darin eine kodierte Botschaft unterzubringen, könnte es der Autor getan haben. Auf jeden Fall bietet das mysteriöse Manuskript auch weiterhin Stoff für Spekulationen aller Art. Die Suche nach einem möglichen Sinn im Text geht weiter.

mit ddp

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