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17. April 2007, 12:49 Uhr

Voynich-Manuskript

Physiker hält mysteriöse Mittelalter-Schrift für Schabernack

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Seit Jahrhunderten versuchen Forscher, den Inhalt des mysteriösen Voynich-Manuskripts zu entschlüsseln - bislang vergeblich. Jetzt hat ein Physiker aus Österreich die rätselhafte Geheimschrift analysiert. Sein Ergebnis: purer Nonsens.

Sprache ist verräterisch. Der Literat erkennt einen Autor mitunter an wenigen Sätzen. Computerprogramme können sogar Prosatexte anhand ihres statistischen Fingerabdrucks bestimmten Schriftstellern zuordnen: Der eine fabriziert gern lange Sätze und greift auch gern mal zu Wörtern, die aus überdurchschnittlich vielen Buchstaben bestehen. Andere Autoren pflegen einen eher lakonischen Stil: Sie reihen viele kurze Wörter zu eher kürzeren Sätzen aneinander – entsprechende Software enthüllt dies sofort.

Sprache verrät jedoch nicht nur viel über den Autor. Mitunter kann das, was Wissenschaftler aus einem Text herausholen, sogar so eine Art zufälliges Rauschen sein. So gerade geschehen beim Voynich-Manuskript, einer der rätselhaftesten mittelalterlichen Handschriften, die der amerikanische Antiquar Wilfried Voynich 1912 in einem italienischen Jesuitenkolleg gefunden und gekauft hatte. Wahrscheinlich ist das Werk zwischen 1450 und 1520 entstanden, wie Experten aufgrund der Kleidung und des Haarschnitts von im Buch abgebildeten Menschen vermuten.

Über den Inhalt des mysteriösen Manuskripts rätseln Wissenschaftler seit seiner Entdeckung: Es schien offenbar in einer fremden Sprache verfasst zu sein, neben aus dem arabischen und dem lateinischen entlehnten Buchstaben erscheinen im Text auch völlig unbekannte Schriftzeichen. Hinzu kommen diverse Illustrationen - angefangen bei Pflanzen und Motiven aus der Astronomie bis hin zu badenden Frauen. Was steckte bloß dahinter? Ein aufwendig verschlüsselter Text, dessen wahren Inhalt die Inquisition nicht erfahren durfte? Alchemie? Eine bislang unbekannte Kunstsprache? Oder gar, wie mancher mutmaßte, eine Nachricht Außerirdischer?

Komplexe Verschlüsselung oder aufwendiger Schabernack?

Andreas Schinner von der Johannes-Kepler-Universität Linz hält diese Thesen sämtlich für falsch. Es handle sich vielmehr um das Werk eines Schelms, berichtet er in der Fachzeitschrift "Cryptologia" (Bd. 31, S. 95), freilich um das eines äußerst raffinierten. Der Text enthalte lediglich bedeutungsloses Geschwafel.

Aufgrund seiner enorm komplexen Sprache hatten Wissenschaftler lange ausgeschlossen, dass es sich bei dem Manuskript lediglich um einen Nonsens-Text handelt. Vielmehr, so die These, müsse die unverständliche Sprache auf einen unbekannten Code zurückgehen.

"Es deutet vieles daraufhin, dass es sich um das Produkt eines Algorithmus handelt", sagte Schinner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Physiker stützt seine These auf drei verschiedene Untersuchungen des handgeschriebenen, mehr als hundert Seiten umfassenden Werks. Zuerst prüfte Schinner die Häufung von Wörtern und sehr ähnlichen Varianten innerhalb des Textes. Dann gebrauchte er die unverständliche Sprache als Quelle für einen sogenannten Random Walk, um Muster im Text erkennen zu können. Und schließlich suchte er nach wiederkehrenden Vorsilben, die eine besondere Bedeutung haben könnten, wie etwa das Wort "und".

"Man greift sich ein Wort aus dem Text und sucht nach ähnlichen Worten", beschreibt Schinner eine seiner Methoden. Die größte Wahrscheinlichkeit, ein solches Wort zu finden, sei unmittelbar beim nächsten Wort. Die bizarre Aneinanderreihung identischer oder ähnlicher Worte war zuvor schon anderen Forschern aufgefallen.

Voynich-Manuskript: Menschen würden anders formulieren

Der Linzer Forscher hat das Ganze nun aber statistisch mit einem selbst geschriebenen Programm ausgewertet. "Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wort noch einmal auftritt, nimmt mit größerer Entfernung ab." Das sei untypisch für eine natürliche Sprache, sagt Schinner, der das geheimnisvolle Manuskript mit etwa gleich langen Vergleichstexten aus dem Mittelalter verglichen hatte - Auszügen aus lateinischen und deutschen Bibelübersetzungen. "Der Mensch wählt Text eher semantisch aus", erklärt der Physiker, "und er meidet als Schreiber, dass ähnliche Worte nacheinander stehen".

Zufallsspaziergang mit Textbits

Auch der sogenannte Random Walk stützte Schinners These vom per Algorithmus generierten, inhaltsleeren Konvolut. Der Forscher wandelte dazu den Text in eine lange Folge einzelner Bits um, als wollte er ihn digitalisieren. "Diese Bits werden als verursachender Algorithmus für einen Random Walk angesehen. 1 bedeutet einen Schritt nach rechts, 0 einen nach links." Das Ergebnis ist ein mehr oder weniger chaotisch erscheinendes Hin und Her.

"Ein natürlicher Text sieht vollkommen zufällig aus", erklärt Schinner, sprachliche Korrelationen gingen im Wust der Bits unter. Der Grund dafür: Es gibt bei natürlicher Sprache keine langreichweitigen Korrelationen. Ein Satz auf der ersten Seite eines Romans habe keine Korrelation mit einem Satz auf der letzten Seite, diese seien semantisch zu weit auseinander.

Beim Voynich-Manuskript beobachtete der Linzer Forscher jedoch eine Abweichung von diesem Verhalten. "Ich habe darin langreichweitige Korrelationen gefunden", sagt er. Deshalb unterscheide sich das Werk von natürlichen Texten. "Das Erscheinen eines Symbols erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass dieses später nochmals auftritt. Ein Random Walk mit Gedächtnis sozusagen."

Schablone erzeugt verblüffend ähnlichen Text ohne Inhalt

Und auch die Präfix-Analyse lieferte keinerlei Indizien für ein geheimes Verschlüsselungsverfahren. "Ich habe mir auch gewisse Teile von Worten angesehen - zum Beispiel nur das erste Symbol", erklärt der Forscher. "Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dieses Symbol nach ein, zwei oder fünf Worten wieder am Anfang eines Wortes zu finden?"

Wie schon bei der Suche nach ähnlichen Worten fand er Zusammenhänge, die kaum für eine natürliche Sprache sprechen. "Die Wahrscheinlichkeit, den Wortanfang noch einmal zu finden, ist beim nachfolgenden Wort am größten - danach nimmt sie kontinuierlich ab. Das ist ungewöhnlich."

Im Jahr 2003 hatte bereits der britische Psychologe und Computerwissenschaftler Gordon Rugg die These aufgestellt, dass die Voynich-Texte aus der Feder eines gewitzten Schelms stammen könnten: Er schuf mit einer auf eine Silbentabelle gelegten Schablone unverständliche Fantasietexte, die dem Voynich-Manuskript verblüffend ähnelten. Diese Tabelle-und-Gitter-Methode war bereits im Mittelalter bekannt und wurde damals zum Verschlüsseln gebraucht.

Zufallselemente, aber nicht ausschließlich

Der Verfasser des Voynich-Manuskripts ist bis heute nicht bekannt. Gordon Rugg verdächtigt den Mathematiker John Dee oder den Alchemisten und notorischen Fälscher Edward Kelley der Urheberschaft. Beide hatten sich im 16. Jahrhundert am Hof des Kaisers Rudolf II. von Habsburg in Prag aufgehalten, in dessen Besitz sich das in Pergament gebundene Manuskript später fand. Heute gehört es der Yale-Universität in New Haven.

Der Linzer Physiker Schinner will sich freilich nicht darauf festlegen, dass die Handschrift keinesfalls einen tieferen Sinn enthält. "Der Algorithmus enthält vermutlich Zufallselemente", sagte er SPIEGEL ONLINE, "er besteht aber nicht ausschließlich aus solchen."

Denkbar sei auch ein Algorithmus, der größtenteils Nonsens produziert, aber durchaus eine Botschaft transportiert. Der eigentliche kodierte Text wäre nur ein Bruchteil des gesamten Manuskripts, etwa ein Hundertstel, schätzt Schinner. "Diese These ist zwar nicht überzeugend, aber ausschließen kann ich sie nicht." Man müsse sich dann aber fragen, warum jemand einen Text in einem offensichtlich geheimnisvollen Buch verstecken sollte, wenn er ihn mit demselben Aufwand auch in jedem unschuldig aussehenden verbergen könnte.

Vielleicht ist das aber auch gerade der Clou an dem geheimnisvollen Text: Gerade weil es absurd erscheint, darin eine kodierte Botschaft unterzubringen, könnte es der Autor getan haben. Auf jeden Fall bietet das mysteriöse Manuskript auch weiterhin Stoff für Spekulationen aller Art. Die Suche nach einem möglichen Sinn im Text geht weiter.

mit ddp

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