Waffen der Samurai Schwerter für die Ewigkeit

2. Teil: "Kill Bill war ein dummer Film"


Wie wird man Katana-Schmied? "Eigentlich wollte ich damals selbst nur ein Schwert bestellen", erzählt Meister Matsuba. "Für meine Schwertübungen. Der Meister sagte zu mir: 'Du solltest Schwertschmied werden.' Und so begann ich damit." Mittlerweile, über 20 Jahre und 350 geschmiedete Schwerter später, ist Matsuba einer der besten Katana-Schmiede. Jahr für Jahr prämiert die Gesellschaft zur Wahrung des japanischen Kunstschwertes die beste Klinge. Um zum Mukansa aufzusteigen muss man zehn Mal den ersten Preis gewinnen. Fünf erste Preise fehlen Matsuba noch für den Titel.

Die Katana-Schmiedekunst drohte lange Zeit in Vergessenheit zu geraten. Als 1876 die Samurai entmachtet und ihr Schwertmonopol gebrochen wurde, traf das auch die Schmiede. "Wir haben damals einen Teil unserer Kultur verloren", sagt Matsuba. "Denn Samurai-Kultur ist japanische Kultur."

Auch die Schwerter selbst wären beinahe verloren gegangen: Nach Ende des Zweiten Weltkrieges ordnete das US-Militär an, dass alle Waffen vernichtet werden müssten - auch die kostbaren, uralten Katana. Glücklicherweise ließ sich der Oberbefehlshabende General MacArthur doch noch umstimmen. Die Samurai-Schwerter blieben verschont, mussten aber registriert werden. Seither erhält jedes neu geschmiedete Schwert einen Registrierungsschein.

Denn es ist ein Kunstwerk, mit dem man töten kann. Das Katana symbolisiert wie kaum ein anderes Kunstwerk die Dualität der menschlichen Natur: Schaffenskraft und Zerstörungswut. "Das Schwert ist für mich in erster Linie ein Kunstwerk", sagt Meister Matsuba. "Aber es ist auch eine Waffe." Anders als viele andere Schmiede kann Matsuba mit dem Katana auch kämpfen. Außerdem ist er versiert in Kendo, Aikido und Karate. Ein Schmied müsse, meint Matsuba, das Schwert auch beherrschen. Nur so könne er es in seiner Ganzheit erfassen.

Dass er das Katana wirklich beherrscht, zeigt Meister Matsuba dann eindrucksvoll bei einem Schnitttest im Garten (siehe Video).

Dann blitzt das Katama in der Sonne

Karl-Heinz Peuker hat Bambusstangen mit Tatami umwickelt und in Wasser eingeweicht. Sie sind so dick wie ein menschlicher Arm. Tatami sind Matten aus Gras mit denen Japaner normalerweise ihre Böden belegen. "Von der Konsistenz her ähnelt so eine Rolle sehr dem menschlichen Körper", sagt Peuker. In seinem Garten hat er zwei Tatami-Rollen senkrecht in Sonnenschirmhalter gesteckt. Matsuba, nun gekleidet in blau-weiße Aikido-Gewänder, hat das Katana nach Samurai-Manier durch seinen Stoffgürtel gesteckt. Er stellt sich vor die Rolle, steht einen Moment lang reglos, die Arme ruhig neben dem Körper hängend. Dann eine schnelle Bewegung, das Katana blitzt in der Sonne, und links und rechts fallen schräg abgeschnittene Stücke herunter. Die Schnittflächen im Bambus und den Tatami-Rollen sind völlig glatt.

"Genau so wäre ein Knochen durchgeschnitten worden", sagt Peuker trocken. Früher ließen Samurai mit teuren Schwertern auch Schnitttests durchführen. Schließlich wollte man wissen, ob man Qualität bekommen hatte. Nur wenige Leute waren autorisiert, die Tests durchzuführen. Peuker zeigt ein dreihundert Jahre altes Schwert, auf dem das Ergebnis des Tests unter dem Griff in goldener Schrift vermerkt ist: "Schnitt drei Körper durch", ist dort in Japanisch zu lesen. Tatsächlich wurden für die Schnitttests nicht Tatami-Rollen, sondern Leichen verwendet, sagt Peuker. "Und manchmal auch Verbrecher - lebend."

Meister Matsuba und Karl-Heinz Peuker mögen die Verklärung der Samurai und ihrer Schwerter nicht. "'Kill Bill' war ein dummer Film", sagt Matsuba und grinst kopfschüttelnd. "Mit der Realität hatte er nichts, aber auch gar nichts zu tun." Genauso "The Last Samurai" mit Tom Cruise in der Hauptrolle. In ihm hätte Matsuba sogar selbst fast mitgespielt. "Der Regisseur wollte einen echten Katana-Schmied in seinem Film haben, der zudem auch Englisch konnte", sagt Peuker. Die Rolle ging dann aber doch an einen von Matsubas Kollegen.

"Viele Ausländer schreiben mir, dass sie Katana-Schmied werden wollen", erzählt Matsuba. Einmal habe ihm ein Kanadier geschrieben, der seine Kunst lernen wollte. Matsuba grinst. Der war ihm nicht geheuer - langhaarig und voller Piercings sei er gewesen. "Die Leute haben keine Ahnung, wie hart und langwierig es ist, das Schmieden zu lernen." Außerdem müssten sie Japanisch können. Dann könne auch ein Ausländer Schmied werden. Tatsächlich gebe es einen Kanadier, der Katana in Japan schmiede, erzählt Matsuba.

Doch auch japanischen Interessenten erteilt Matsuba meistens erst einmal Absagen. Er selbst habe zwei Schüler, seit mittlerweile fünf Jahren. Viele Jungen kämen zu ihm und fragten ihn, ob sie bei ihm lernen könnten, sagt Matsuba. "In der Regel sage ich ihnen Nein." Nur wenn sie nicht aufgeben, immer wieder kommen, zeige das die nötige Motivation und Leidenschaft, glaubt er.

Und dann bekommen sie vielleicht eine Chance - Schwerter zu schmieden, die für die Ewigkeit bestimmt sind.



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